Update Das 9-Euro-Ticket in Intercity-Zügen - willkommen im Tarifdschungel

Das 9-Euro-Ticket soll ab 1. Juni im gesamten Nah- und Regionalverkehr bundesweit gelten - einfach und unkompliziert. Von wegen: In Intercity-Zügen, die sonst mit Regionaltarif genutzt werden dürfen, erkennt die Deutsche Bahn das 9-Euro-Ticket nicht an. Sie will Geld von den Ländern. Das trifft in Sachsen die neue Verbindung Chemnitz - Dresden - Warnemünde und in Thüringen die Intercitys zwischen Erfurt und Gera.

Einfahrt eines Intercity-Zuges am Bahnhof Warnemünde.
Ab 12. Juni fahren die Kiss-Triebwagen als Intercity bis Chemnitz. Zwischen Chemnitz und Dresden soll das 9-Euro-Ticket aber nicht gelten. Bildrechte: dpa

Wer mit dem 9-Euro-Ticket ab 1. Juni reisen will, sollte bei der Verbindungssuche genau schauen, dass kein Intercity (IC) mit Nahverkehrstarif dabei ist. Denn in diesen IC-Zügen, in denen durch Zuschüsse von Bundesländern beziehungsweise Verkehrsverbünden üblicherweise alle Verbund- und Bahnfahrscheine des Regionalverkehrs gelten, erkennt die Deutsche Bahn das 9-Euro-Ticket nicht an - mit Ausnahme einer Strecke in Baden-Württemberg.

In Thüringen sind vom 9-Euro-Ticket die Intercitys zwischen Erfurt und Gera ausgenommen, in Sachsen die ab 12. Juni verkehrenden Intercitys der Linie Chemnitz - Dresden - Warnemünde. Diese Züge haben wegen der Zuschüsse des Steuerzahlers neben der IC-Nummer auch noch die Nummer eines Regionalexpresses (RE) und sind damit eindeutig als Züge des Regionalverkehrs gekennzeichnet.

Bahn will Geld für Freigabe der Intercitys Chemnitz - Dresden

Reisende finden den Hinweis auf die Ungültigkeit des 9-Euro-Tickets aktuell nur als kleinen Vermerk in der Verbindungsauskunft. Ein Sprecher des Verkehrsverbundes Mittelsachsen (VMS) sagte auf Anfrage, die Anerkennung des 9-Euro-Tickets in den Intercitys zwischen Chemnitz und Dresden über Freiberg wäre für den VMS "mit erheblichen Mehrkosten" verbunden gewesen.

Eine Summe nannte der Sprecher auf Nachfrage nicht. In Eisenbahner-Kreisen kursiert allerdings ein sechsstelliger Betrag im oberen Bereich, den die DB AG für die Anerkennung des 9-Euro-Tickets in zweieinhalb Monaten zwischen 12. Juni und 31. August allein für täglich zwei Züge hin und zurück im Abschnitt Chemnitz - Dresden zusätzlich verlangen soll.

Im Klartext: Die Deutsche Bahn will nochmals öffentliches Geld für Fernverkehrszüge, die sie bereits mit 2,5 Millionen Euro jährlich aus Landesmitteln bezuschusst bekommt. Einen erkennbaren Mehraufwand würde die Anerkennung des 9-Euro-Tickets der Bahn nicht bescheren, da hier sowieso vierteilige Elektrotriebwagen eingesetzt werden, die nicht verlängert werden können.

Wirtschaftsministerium Sachsen: Bahnforderung "unangemessen hoch"

Das sächsische Wirtschaftsministerium bestätigt auf Anfrage von MDR SACHSEN, dass die DB Fernverkehr einen Ausgleichsbetrag zur Anerkennung des 9-Euro-Tickets gefordert hat. "Das SMWA bewertet diese, wie der VMS auch, als unangemessen hoch", heißt es. "Unser Haus stand hierzu mit der DB und dem VMS in Kontakt." Das Ministerium verwies zugleich auf "attraktive Verbindungen" zwischen Chemnitz und Dresden mit dem Regionalexpress oder der Regionalbahn.

Taktlücke für 9-Euro-Ticketnutzer in Thüringen

Da in Thüringen die Intercitys zwischen Erfurt und Gera in den dortigen Stunden-Takt der Regionalexpresszüge eingebunden sind, ergeben sich de facto für 9-Euro-Ticket-Nutzer weniger Reisemöglichkeiten als für Fahrgäste mit regulären Regionaltickets.

Ein Intercity auf der Bahnstrecke Gera-Jena.
Im Intercity nach Gera gilt das 9-Euro-Ticket nach jetzigem Stand nicht - alle anderen Nahverkehrstickets ab Erfurt aber schon. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert den Verkehrskonzern

Der Fahrgastverband Pro Bahn sieht "diese Sonderregelungen äußerst kritisch", wie Lukas Iffländer vom Bundesvorstand dem MDR sagte.

Aus unserer Sicht muss gelten: Alles was im DB-Navigator als Nahverkehr angezeigt wird, darf mit dem 9-Euro-Ticket genutzt werden.

Lukas Iffländer Fahrgastverband Pro Bahn

Die DB Fernverkehr betreibe ihre Linien eigenwirtschaftlich und bekomme für die Anerkennung von Nahverkehrstickets auf einzelnen Strecken einen Ausgleich, erklärt Iffländer. Dabei seien in der Regel alle gültigen Tickets im Vertrag festgelegt. "Die DB versucht jetzt, zusätzliche Ausgleichszahlungen rauszuschlagen." In Baden-Württemberg sei dies bei der Gäubahn (Stuttgart - Singen) am Mittwoch "geglückt". Auch die Deutsche Bahn bestätigt die Einigung für diese Verbindung.

Analoges Neun Euro Papier-Ticket der Deutschen Bahn.
Der Fahrgastverband Pro Bahn fordert, dass das 9-Euro-Ticket in allen Zügen gilt, die als Nahverkehr gekennzeichnet sind - auch in Intercitys auf den betreffenden Abschnitten. Bildrechte: IMAGO/MiS

Pro Bahn: Aus 9 Euro könnte schnell 60 Euro werden

Der Fahrgastverband Pro Bahn befürchtet, dass auf den anderen Verbindungen Fahrgäste "unverschuldet zu Schwarzfahrern werden und so aus neun Euro ganz schnell 60 Euro" werden können. "Eine kleine Fußnote, dass das Ticket hier nicht gilt, ist nicht ausreichend", so Iffländer.

Bisher konnten wir noch sagen 'wenn der Zug weiß ist, nicht einsteigen'. Jetzt ist die Antwort nur noch 'kommt drauf an' und das kann ich keinem normalen Fahrgast ohne Tarifabitur erklären.

Lukas Iffländer Fahrgastverband Pro Bahn

Besonders kompliziert werde es jetzt, wenn ein Bundesland - etwa Baden-Württemberg - einen Deal mit der DB gemacht hat, andere aber nicht. "Bisher konnten wir noch sagen 'wenn der Zug weiß ist, nicht einsteigen'. Jetzt ist die Antwort nur noch 'kommt drauf an' und das kann ich keinem normalen Fahrgast ohne Tarifabitur erklären", kritisiert der Pro-Bahn-Vorstand.

SPD-Bundestagsabgeordneter Müller: Nicht alle Sonderfälle zu klären gewesen

Auch der sächsische Bundestagsabgeordnete Detlef Müller aus Chemnitz, Verkehrsexperte mit SPD-Parteibuch, räumt ein, dass es für die Kundinnen und Kunden "nicht immer direkt nachvollziehbar" sei. Und: "Bezüglich der Kundenfreundlichkeit wäre eine generelle Anerkennung sicher wünschenswert gewesen." Es seien aber auch aufgrund der Kürze der Zeit "nicht alle Sonderfälle aus dem Weg zu räumen gewesen".

Hintergrund für die Ausnahmen seien die unterschiedliche Finanzierung von Schienenpersonennah- und Fernverkehr. "Während sich der Nahverkehr neben den Fahrgeldeinnahmen vor allem durch sogenannte Regionalisierungsmittel finanziert, wird der Fernverkehr komplett eigenwirtschaftlich erbracht." Müller setzt dennoch auf den Erfolg des Tickets, was sich bereits anhand der Verkaufszahlen zeige. Und es senke möglicherweise die Zugangshürden für Menschen, die bisher kaum den ÖPNV nutzen, so Müller.

Bahn verhandelt noch mit Ländern und Verbünden

Bei der Deutschen Bahn verweist man darauf, DB Fernverkehr - also die Sparte mit den weißen Zügen - stehe "aktuell mit den Aufgabenträgern der Länder in Gesprächen zum Umgang mit dem 9-Euro-Ticket im Fernverkehr auf Strecken, auf denen Nahverkehrsfahrkarten normalerweise anerkannt werden". Auch die Bahn verweist darauf, dass die IC auf den betreffenden Abschnitten in den Fahrplanmedien der DB zusätzlich mit RE gekennzeichnet seien - also eindeutig als Nahverkehrsangebot.

Bundesweit mehrere Verbindungen betroffen

Konkret geht es laut Bahn unter anderem um die Verbindungen Bremen - Norddeich Mole, Berlin - Prenzlau, Potsdam - Berlin - Cottbus, Dillenburg - Letmathe, Erfurt - Gera, Stuttgart - Konstanz und Elsterwerda - Berlin. Solange keine Einigung erzielt wurde, müssen also auch Sachsen, die mit dem Regionalverkehr und dem 9-Euro-Ticket über Elsterwerda nach Berlin oder weiter an die Ostsee reisen wollen, aufpassen, dass sie in Brandenburg keinen Eurocity, Intercity oder Railjet in ihrer Reiseverbindung haben. Denn dort ist das 9-Euro-Ticket nach aktuellem Stand nicht gültig.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 26. Mai 2022 | 19:00 Uhr

24 Kommentare

Basisdemokrat vor 4 Wochen

Also ich finde das ganze Genöle der üblichen Verdächtigen, die alles beschissen finden, was die Regierung beschließt, einfach nur zum Bersten. Die bereits zigtausende verkauften Tickets sagen einfach was anderes, daß die Leute es nämlich toll finden und auch nutzen werden, ganz abgesehen von den Monatskarteninhabern, die damit auch kräftig entlastet werden. Auch ich habe mir mein Ticket bereits besorgt und werde es nutzen, wann immer es möglich ist. In diesem Sinne: Freie Fahrt für freie Bürger!

Hallotri71 vor 4 Wochen

Ich finde diese ganze Polemik, unter anderem von Pro Bahn, seltsam. Man wollte Wettbewerb, man bekam Wettbewerb und der hat nunmal unterschiedliche Preise. Ist in allen Branchen so. Und wenn der FV als eigenwirtschaftliches Unternehmen regionale Tarife gegen Bezahlung anerkennt, ist das ok. Aber warum soll er ohne Bezahlung ein anderes Ticket anerkennen? Er ist doch seinem Eigentümer verpflichtet. Aber es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Sharis vor 4 Wochen

Wenn ein IC als RE fährt, dann ist er auch als RE zu behandeln!
Als IC fährt so ein Zug nämlich a) schneller & fährt b) weniger Haltepunkte an.
IC-Preis zahlen ohne IC-Leistung zu bekommen?
Was die DB da macht, ist mal wieder Kundenvergraulung hoch 3!
Die DB ist kein Treiber, sondern ein Bremsklotz der Verkehrswende- und das seit Jahrzehnten - beschämend!

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