Technologie-Ablösung Bundeswehr-Standorte in Sachsen und Thüringen bekommen offenbar Puma-Schützenpanzer

11. Dezember 2022, 05:00 Uhr

Eigentlich sollte in den kommenden Jahren auch bei ostdeutschen Bundeswehr-Standorten der alte Marder-Schützenpanzer durch moderne Puma ersetzt werden. Das wird nun konkret und doch auch teilweise anders als gedacht – der Angriff auf die Ukraine hat ein Umdenken bewirkt.

Zwei Bundeswehr-Standorte in Ostdeutschland sollen nach MDR-Informationen offenbar den neuen Puma-Schützenpanzer erhalten. Dabei handelt es sich um die Panzergrenadierbataillone in Bad Salzungen in Thüringen und im sächsischen Marienberg. Das Bundesverteidigungsministerium (BMVG) wollte sich auf MDR-Anfrage nicht dazu äußern.

Beide Panzergrenadierbataillone gehören zur 10. Panzerdivision. Sie sollten schon vor Jahren mit dem neuen Panzer ausgestattet werden, fielen dann jedoch Einsparungen bei Rüstungsprojekten zum Opfer. Dass sie nun offenbar als erste aus einem weiteren Beschaffungspaket den Puma erhalten sollen, hängt mit den Plänen der Bundeswehr für die 10. Panzerdivision zusammen. Diese soll – auch als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine – bis 2025 die erste voll ausgestattete Heeresdivision der Bundeswehr werden.

Ein Sprecher der 10. Panzerdivision teilte auf Anfrage mit, man könne sich aus Gründen der operativen Sicherheit "weder zu Zulaufzahlen noch zu Waffensystemen, die Einzelverbänden zugeordnet werden können", äußern. Die MDR-Informationen decken sich allerdings mit einem Schaubild zur künftigen Heeresstruktur der Bundeswehr, das der Reservistenverband kürzlich veröffentlicht hatte.

Puma soll Marder ersetzen

Mit den neuen Puma-Schützenpanzern sollen die alten Marder-Modelle in Sachsen und Thüringen ersetzt werden. Zwar hatte die Bundeswehr in den vergangenen Jahren bereits 350 Puma-Panzer angeschafft, doch diese gingen alle an Standorte in Westdeutschland. Im Osten gibt es neben den Panzergrenadierbataillonen in Marienberg und Bad Salzungen noch zwei weitere in Mecklenburg-Vorpommern. Allerdings sollen diese offenbar nicht den Puma erhalten.

Die Marder-Schützenpanzer sind in Deutschland teilweise schon seit den 1970er-Jahren im Einsatz und müssen dringend ersetzt werden. Der Puma wird seit 2010 an die Bundeswehr ausgeliefert und hat wesentlich modernere Waffensysteme und Panzerungen. Wegen technischer Mängel musste das Modell allerdings nachgebessert werden. Ein Puma kostet mindestens 17 Millionen Euro – je nach Ausrüstung.

Umtausch-Plan ins Stocken geraten

Noch Anfang des Jahres sah es so aus, als ob in absehbarer Zeit alle Marder durch Puma-Schützenpanzer ersetzt würden. Die Bundesregierung hatte das 100-Milliarden-Euro-Paket für die Bundeswehr angekündigt – und damit sollten auch genügend Mittel für neue Puma zur Verfügung stehen. Der Haushaltsplan 2022 sah dafür bis zum Jahr 2030 knapp vier Milliarden Euro vor.

Doch Mitte des Jahres zeichnete sich dann ab, dass es doch nicht an allen Standorten etwas werden könnte mit dem Austausch. Stattdessen setzt das Verteidigungsministerium inzwischen auf eine andere Lösung: Geplant ist derzeit wohl der Kauf von höchstens 111 Puma-Schützenpanzern. Das hatte Rheinmetall-Chef Armin Papperger zumindest im Sommer angekündigt und auf beginnende Vertragsverhandlungen mit der Bundesregierung verwiesen. 111 Fahrzeuge reichen allerdings bei weitem nicht für alle Standorte, insgesamt bräuchte die Bundeswehr fast doppelt so viele Panzer, um die alten Marder überall zu ersetzen. Ein Bataillon verfügt standardmäßig über rund 40 Panzer.

Laut dem vom Bundesverteidigungsministerium vor einigen Tagen veröffentlichten aktuellen Rüstungsbericht sind sogar vorerst nur 50 neue Pumas vorgesehen. Diese sollen dem Bericht zufolge als sogenanntes 2. Los beim Hersteller geordert und bis 2031 ausgeliefert werden. Ob danach noch weitere Schützenpanzer gekauft werden, ist derzeit unklar.

Bundeswehr will Boxer statt Puma

Stattdessen setzt die Bundesregierung neben dem Puma auf den Boxer, nach MDR-Informationen stand zwischenzeitlich im Raum, 160 Stück anzuschaffen. Das Bundesverteidigungsministerium wollte die Zahl nicht bestätigen und verweist auf laufende Gespräche. Aus dem Schaubild, das der Reservistenverband veröffentlicht hat, geht allerdings hervor, dass die Panzergrenadier-Standorte Viereck und Hagenow und das Jägerbataillon in Torgelow den Boxer erhalten sollen.

Bei der Bundeswehr verspricht man sich von einer Anschaffung des Boxers im Ernstfall eine schnelle Verlegung der gepanzerten Fahrzeuge. Denn der Puma ist ein Kettenfahrzeug, müsste also vor allem per Bahn ins Einsatzgebiet gebracht werden. Der Boxer hingegen hat Reifen und kann als leichteres Radfahrzeug problemloser auf der Straße verlegt werden als ein Kettenfahrzeug. Die Boxer könnten mit einem Waffenturm vom Typ Puma ausgestattet werden. Beide Fahrzeugtypen – Puma und Boxer – werden von den Rüstungsunternehmen KMW und Rheinmetall gemeinsam produziert.

Heer wird umgebaut

Das Heer baut derzeit die Streitkräfte um, künftig soll es Verbände geben, die in leichte, mittlere und schwere Kräfte gegliedert werden. "Mittlere Kräfte bezeichnen eine neue Kräftekategorie, die sich ausschließlich auf radbewegliche Gefechtsfahrzeuge abstützt, welche das Kräftekontinuum in der Dimension Land mit dem übergeordneten Ziel der Erhöhung der operativen Flexibilität vervollständigen", sagte ein Sprecher des Heeres dem MDR dazu.

Vom Umbau des Heeres hängt letztlich auch ab, welche Fahrzeuge für welche Standorte beschafft werden. Die "Mittleren Kräfte" würde demnach den Boxer erhalten.

Die beiden Panzergrenadierbataillone in Bad Salzungen und in Marienberg gehören zur 10. Panzerdivision der Bundeswehr. Dieser kommt künftig eine besondere Rolle zu, denn sie ist für das Bundeswehr-Projekt „Division 25“ vorgesehen. Kern des Projektes ist die Zusage der Bundesregierung an die Nato, bis zum Jahr 2025 eine vollausgestattete Heeresdivision für Einsätze zur Verfügung zu stellen. Im Konfliktfall könnte diese Verbündete in Osteuropa schützen.

CDU: Situation frustrierend für Panzergrenadierbataillone

Dass noch keine konkreten Pläne vorliegen, wie der Umbau des Heeres genau aussehen soll und welche Schützenpanzer beschafft werden sollen, kommt bei der Opposition im Bundestag nicht gut an. Jens Lehmann ist CDU-Bundestagsabgeordneter aus Leipzig und sitzt im Verteidigungsausschuss. Er sagte dem MDR: "Das Bundesverteidigungsministerium bleibt eine Antwort schuldig, wie die wichtigste zukünftige Kräftekategorie des Deutschen Heeres aussehen soll." Neun Monate nach der von Bundeskanzler Olaf Scholz verkündeten "„Zeitenwende" gebe es nur vage Ideen, aber keine konkreten Pläne, wie und wo diese "Mittleren Kräfte" ausgestattet und stationiert werden könnten. "Das ist vor allem für die ostdeutschen Panzergrenadierbataillone sehr frustrierend, weil deren Zukunft besonders daran hängt", sagte Lehmann weiter.

Inflation bremst Rüstungsvorhaben

Wie viele Puma und Boxer letztlich beschafft werden, könnte sich auch durch den weiteren Verlauf der Inflation entscheiden. Denn die Teuerung geht an Rüstungsgütern nicht vorbei. Anfang Oktober hatte der Bundesrechnungshof den Wirtschaftsplan der Bundesregierung zum 100-Milliarden-Paket für die Bundeswehr in einem internen Bericht kritisiert. Der Bericht liegt dem MDR vor. Dort heißt es: "Auf die Risiken steigender Zinsen und inflationsbedingt steigender Beschaffungs- und Entwicklungsausgaben ist das BMVG (Bundesverteidigungsministerium) in seiner Stellungnahme nicht eingegangen. Damit bleibt offen, wie das BMVG mit diesen Risiken umgehen will."

Der Rechnungshof kritisierte zudem, dass die 100 Milliarden Euro nicht für alle vorgesehen Rüstungsausgaben ausreichen würden. Vorgesehen ist bisher, dass auch Puma und Boxer aus dem Paket bezahlt werden sollen.

Derzeit stehen mehrere große Rüstungsprojekte auf der Agenda des Verteidigungsministeriums. Neben der Anschaffung neuer Schützenpanzer gehören dazu unter anderem der mindestens sechs Milliarden Euro teure Kauf neuer Transporthubschrauber und die Anschaffung von F-35-Kampfflugzeugen. Das Verteidigungsministerium musste zuletzt Kritik einstecken, weil bei beiden Vorhaben Verzögerungen drohen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. November 2022 | 11:00 Uhr

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