Zu wenig Spender Neues Organspendegesetz bislang ohne Effekt

In Deutschland warten deutlich mehr Menschen auf ein Spenderorgan, als es Spender gibt. Derzeit muss man aktiv entscheiden, ob man Spender ist. Im Vorjahr lehnte der Bundestag die Widerspruchslösung ab, billigte aber Reformen. Nun ist etwa ein Online-Register für freiwillige Spender geplant. Unter anderem wegen der Corona-Pandemie geht es aber nur langsam voran.

Eine Hand hält drei Organspendeausweise.
Vor Corona stieg die Nachfrage nach Organspendeausweisen. Bildrechte: IMAGO

Dreimal in der Woche sitzt der Dresdner Theodor Ludwig am Dialyse-Gerät. Mehrere Stunden dauert es jedes Mal, bis sein Blut wieder sauber ist. Seine Niere schafft das nicht mehr allein. Seit Mai 2018 wartet der 42-Jährige Anwalt auf ein Spenderorgan: "Ich sollte eigentlich auf gepackten Koffern sitzen, weil jederzeit der Anruf kommen könnte, die Niere ist da. Aber mit einer statistischen Wartezeit von zehn Jahren, von denen zwei rum sind, tue ich das nicht." Es sei vorher so gewesen, dass katastrophal wenig gespendet wurde, wenig gemacht worden sei, die Wartezeiten unendlich lang gewesen seien und das sei jetzt noch so, sagt Ludwig.

Organspenden in Deutschland am niedrigsten

Insgesamt erhielten in Deutschland im vergangenen Jahr 2.845 Empfänger ein oder mehrere Organe von Spendern. Zum Vergleich: Mehr als 9.000 Menschen standen Ende vergangenen Jahres auf der Warteliste für ein Organ. Die Zahl der Organspender ging erneut leicht zurück.

Angesichts der Corona-Pandemie müsse man damit aber eher zufrieden sein, meint der Transplantationsmediziner Christian Hugo vom  Universitätsklinikum Dresden und damit, "dass die Organspende in Deutschland nicht eingebrochen ist, so wie in anderen Ländern. Aber man darf nie vergessen, wir befinden uns auf dem niedrigsten Niveau im Vergleich zu allen anderen Ländern."

Das Problem insgesamt sei, dass sich überhaupt nichts verändert habe, obwohl es gewisse gesetzliche Veränderungen seit 2019 gegeben habe durch Minister Spahn, die tatsächlich eine Verbesserung brächten, bemerkt Hugo. "Aber die neue Gesetzesinitiative ist vermutlich eher ein Weiter so, von dem ich mir nicht viel erhoffe."

Online-Register geplant

Jetzt soll es also ein Online-Register geben, in das man sich freiwillig als Spender eintragen kann. Hausärzte und Behörden sollen zudem regelmäßig über das Thema Organspende aufklären. Für Mediziner Hugo ein Tropfen auf den heißen Stein: "Ich sage voraus, dass wir in fünf bis sieben Jahren feststellen werden, dass dieses Gesetz nichts gebracht hat und stehen dann wieder genau an dem Punkt, an dem wir eben letztes Jahr waren."

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation hatte auf die Widerspruchslösung gehofft. Denn zuletzt waren wieder mehr Menschen bereit, ein Organ zu spenden. Bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie waren die Zahlen deutlich nach oben gegangen. Nicht zuletzt, weil sich die Kliniken stärker engagiert haben, indem beispielsweise mehr Transplantationsbeauftragte eingesetzt wurden, die die Abläufe der Organspende koordinieren.

Organspendeausweis und Matchbox-Rettungswagen 4 min
Bildrechte: imago/Christian Ohde

"Brauchen uns nix vorzumachen"

Auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen in Thüringen, Babett Pfefferlein, sieht die Organspende in Deutschland auf einem guten Weg: "2020, als diese ganze Debatte darum geführt worden ist, ist dieses Thema wirklich in den Vordergrund gerückt und die, wenn man mal schaut, Nachfrage nach einem Organspendeausweis ist im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel gestiegen."

Aber man müsse auch feststellen, dass das Thema durch Corona nicht mehr ganz oben stehe, auch nicht bei den Krankenhäusern, sagt Pfefferlein. Und was das Register anbelange und so weiter und so fort, stecke das noch in den Kinderschuhen: "Also brauchen wir uns gar nix vorzumachen", betont die Politikerin.

Auch für Theodor Ludwig heißt es deshalb, weiter zu warten, bis der erlösende Anruf für eine neue Niere kommt: "Ich rechne damit, dass ich weitere acht Jahre meines Lebens in diesem Halbzustand verbringen werde, wo andere Leute das haben, was man Rushhour des Lebens nennt, mit Karriere, mit Familie. Es ist einfach so viel verlorene Lebenszeit."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. Januar 2021 | 06:00 Uhr

15 Kommentare

Kiel_oben vor 44 Wochen

www aktion-mensch de:
Eine gesonderte Begründung der Ärztin bzw. des Arztes ist dabei nicht erforderlich. Ebenso sind Menschen mit Behinderungen von der Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasenbedeckung befreit. Zur Glaubhaftmachung genügt die Vorlage eines Schwerbehindertenausweises.

Matthi vor 44 Wochen

Solange es Menschen gibt die für Geld alles machen und diejenigen die für Gesundheit viel bezahlen wird es Korruption und Betrügereien auch bei der Organspenden Zuteilung geben. Es gibt nicht umsonst internationalen Organhandel.

Matthi vor 44 Wochen

Es gibt genug Beispiele in Deutschland wo Ärzte Medizinische Werte von Patienten schlechter dargestellt haben damit der Patient auf der Warteliste nach oben rutscht und dadurch eher ein Organ bekommt als andere.

Mehr aus Politik

Grafik Koalitionsvertrag 1 min
Bildrechte: MDR
07.12.2021 | 20:47 Uhr

Insgesamt sechs Mal taucht "Ostdeutschland" im neuen Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP auf. Ein Blick auf die benannten Themen und die ostdeutschen Vertreter in der neuen Regierung.

Di 07.12.2021 18:19Uhr 00:46 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/video-ampel-koalition-vertrag-ostdeutschland-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Standbild aus Grafikvideo zu Corona-Bussgeldern 1 min
Standbild aus Grafikvideo zu Corona-Bussgeldern Bildrechte: mdr

Mehr aus Deutschland

Grafik Koalitionsvertrag 1 min
Bildrechte: MDR
07.12.2021 | 20:47 Uhr

Insgesamt sechs Mal taucht "Ostdeutschland" im neuen Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP auf. Ein Blick auf die benannten Themen und die ostdeutschen Vertreter in der neuen Regierung.

Di 07.12.2021 18:19Uhr 00:46 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/video-ampel-koalition-vertrag-ostdeutschland-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video