Runder Tisch in Berlin Wie das Müllproblem in den Weltmeeren gestoppt werden soll

Verdreckte Ozeane, verendete Fische und Vögel – die Tonnen von Plastikmüll in den Weltmeeren sind ein riesiges Problem. International haben sich die G20-Staaten im Sommer verpflichtet, Abfälle in Flüssen und Abwasser zu verringern. Was aber passiert in Deutschland, das sich so häufig Vorreiter nennt? Der "Runde Tisch Meeresmüll", von Bundesumweltministerin Hendricks vor einem Jahr eingerichtet, hat nun Zwischenbilanz gezogen.

Das, was an deutsche Strände geschwemmt wird, ist manchmal bizarr. Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel schüttelt jetzt noch den Kopf: "Wir hatten im letzten Jahr diese Überraschungseier, wo ganze Containerladungen offenbar auf See geplatzt  und über Bord gegangen sind. Das ist dann mit unendlich viel Arbeit von Ehrenamtlichen beseitigt worden. Oder wir hatten Container, die über Bord gegangen sind, da waren dann Dachlatten oder Balken drin."

Solche vergleichsweise großen Güter lassen sich noch recht gut einsammeln. Obwohl auch das teuer ist – die Reinigung von deutschen Stränden kostet pro Kilometer zwischen 3.000 und 65.000 Euro, sagt die Chefin des Umweltbundesamts, Maria Krautzberger. Dramatisch vor allem: der Plastikmüll. "Wir finden zum Beispiel auf hundert Metern Nordseestrand knapp 400 Müllteile, und auf 100 Metern Ostseestrand rund 70 Müllteile. 70 Prozent und mehr davon sind Kunststoffe", fasst Krautzberger zusammen.

Mikroplastik kommt überall durch

Im Meer selbst nehmen Fische und Vögel zudem noch winzige Mikroplastikteile auf, kaum sichtbare Rückstände aus Kosmetika und Dusch- oder Peeling-Cremes. Die Schönheitspflege-Industrie hat sich vor einiger Zeit verpflichtet, solche Mikroplastik sparsamer einzusetzen.

Klaus Rettinger vom Industrieverband Körperpflege und Waschmittel sitzt mit am Runden Tisch gegen Meeresmüll. Er fühlt sich zu Unrecht am Pranger: "Für Mikro-Kunststoffpartikel gibt es die Verzichtserklärung unseres Verbandes, die schon ein gutes Stück umgesetzt ist. Von 2012 bis 2015 sind die Partikel um 80 Prozent reduziert worden. Da sind wir schon Vorreiter, finden wir."

Bundesumweltministerin Hendricks will diese Erfolgsmeldung der Schönheitspflege-Industrie nun erstmal prüfen. Sie schlägt neue Wege für die Schönheitsindustrie vor: "Wenn man statt Mikroplastik zum Beispiel für Peeling-Effekte gemahlene Walnuss nimmt, und man macht das in allen großen Konzernen in allen Tagescremes, dann ist das natürlich ein großer Effekt."

Eine Art "Müll-Pfandsystem" für Schiffe

Studien zufolge gelangen zwischen zwei und viereinhalb Prozent der produzierten Kunststoffe weltweit in die Meere – Plastikabfälle, aber auch Abrieb von Schuhsohlen, Autoreifen, Fleecepullis. Zum Teil werden Abfälle von Schiffen ins Meer gekippt, der größere Teil aber gelangt vom Strand aus ins Wasser.

Schiffsbesatzungen sollen nun animiert werden, ihren Müll ordnungsgemäß im Hafen zu entsorgen, statt ihn über Bord zu kippen. Dazu will der Runde Tisch die EU auffordern, eine einheitliche Hafengebühr in Europa einzuführen, die die Müllentsorgung mit einschließt, sagt Niedersachsens Umweltminister Wenzel. Seine Begründung: "Wir können nicht auf See hinter jedem Schiff einen Polizisten herschicken, das wäre logistisch nicht machbar. Deswegen ist dieses Anreizsystem gut geeignet."

Zukunft ohne Kunststoff unmöglich?

Vor gut einem Jahr hat sich der Runde Tisch zum Meeresmüll erstmals getroffen. Mit dabei sind Umweltorganisationen, Ministerien, Forscher, Industrieverbände. Umweltministerin Hendricks nennt ihn eine Denkfabrik angesichts der großen Herausforderung Meeresmüll.

Dass diese Müll-Herausforderung nicht kleiner wird, bestätigt Rüdiger Baunemann von "PlasticsEurope", dem Kunststoffindustrieverband: Plastik sei inzwischen nämlich häufig nicht nur Teil des Problems, sondern Teil der Lösung. "Die Elektromobilität wird nur mit leichten Baustoffen für das Automobil funktionieren. Im Bauwesen geht der Energieverbrauch nur durch Dämmung zurück. "Und auch in der alternativen Erzeugung brauchen wir Kunststoffe – ohne laufen Windräder nicht." Kunststoffe zu vermeiden, werde also schwierig, so Baunemann – und gutes Recycling dafür umso wichtiger.  

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 13.09.2017 | 17:18 Uhr

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