Afghanistan Steinmeier: Auch Deutschland verantwortlich für Tragödie in Kabul

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die jüngste Entwicklung in Afghanistan als "menschliche Tragödie" bezeichnet. Die Bilder der Verzweiflung aus Kabul seien beschämend für den Westen und auch für Deutschland.

Menschen rennen zum Flughafen in Kabul
Am Flughafen von Kabul haben sich in den vergangenen Tagen dramatische Szenen abgespielt: Menschen versuchten, einen Platz in einem der Militärflugzeuge zu bekommen, um das Land verlassen zu können. Bildrechte: Jawad Sukhanyar

Angesichts der dramatische Lage der Bevölkerung in Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Mitverantwortung Deutschlands unterstrichen. Er sagte am Dienstag in Berlin: "Wir erleben in diesen Tagen eine menschliche Tragödie, für die wir Mitverantwortung tragen, eine politische Zäsur, die uns erschüttert und die Welt verändern wird."

Die Bilder der Verzweiflung am Flughafen Kabul sind beschämend für den politischen Westen.

Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident

Verzweiflung am Flughafen

Menschen versuchen die Mauer des Flughafens ins Kabul zu überwinden.
Vor dem mittlerweile geräumten Flughafen in Kabul versuchen Menschen weiter, Zutritt zu erlangen, um mit einem Flugzeug vor den Taliban zu fliehen. Bildrechte: IMAGO / NurPhoto

Am Flughafen der afghanischen Hauptstadt halten sich tausende Menschen auf, die aus Angst vor den seit dem Wochenende herrschenden islamistischen Taliban dringend das Land verlassen wollen. Immer wieder gibt es Bilder von Menschen, die sich an Fluggastbrücken oder sogar an die Flugzeuge selbst klammern – in der verzweifelten Hoffnung, irgendwie doch noch mitfliegen zu können.

Die dramatischen Bilder aus Kabul und die Ereignisse in Afghanistan ließen niemanden unberührt, sagte Steinmeier und fügte an: "Ich bin mir sicher: Bürgerinnen und Bürger im ganzen Land denken in diesen Stunden an Afghanistan und an das afghanische Volk."

Steinmeier: Verbündeten Deutschlands helfen

Besonders bedrückend seien die Nachrichten aus Afghanistan für alle, die sich in den vergangenen 20 Jahren für ein besseres Leben der Menschen dort engagiert und dafür vielfach die eigene Gesundheit, ja das eigene Leben, eingesetzt hätten, erklärte der Bundespräsident.

Deutschland müsse nun "alles daran setzen, unsere Landsleute und alle Afghaninnen und Afghanen, die ihnen jahrelang zur Seite standen, in Sicherheit zu bringen", forderte Steinmeier. Darüber hinaus müsse gemeinsam mit Deutschlands Verbündeten nach Möglichkeiten gesucht werden, denen zu helfen, "die in Afghanistan jetzt von Gewalt oder Tod bedroht sind, darunter viele mutige Frauen".

Entwicklungshilfe für Afghanistan ausgesetzt

Wie angekündigt hat Deutschland die staatliche Entwicklungshilfe für Afghanistan gestoppt. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller erklärte am Dienstag, die Entwicklungszusammenarbeit sei derzeit ausgesetzt. Für dieses Jahr waren 250 Millionen Euro veranschlagt, von denen aber noch nichts ausbezahlt wurde.

Einen derartigen Schritt hatte Bundesaußenminister Heiko Maas bereits vergangene Woche angekündigt. Er sagte, Deutschland werde keinen Cent mehr nach Afghanistan geben, wenn die Taliban dort zurück an die Macht kämen.

Afghanistan war bislang eines der Schwerpunktländer für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit. Auf der Geberkonferenz im November 2020 hatte Deutschland bis zu 430 Millionen Euro an ziviler Unterstützung zugesagt.

Kritik an Äußerungen Laschets

Mit seiner Reaktion auf die Geschehnisse in Afghanistan hat sich unterdessen Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet heftige Kritik eingehandelt. Laschet hatte sich am Montag skeptisch über eine etwaige Aufnahme afghanischer Flüchtlinge in großer Zahl geäußert. "Ich glaube, dass wir jetzt nicht das Signal aussenden sollten, dass Deutschland alle, die jetzt in Not sind, quasi aufnehmen kann", sagte er. Die Konzentration müsse darauf gerichtet sein, vor Ort und anders als 2015 diesmal rechtzeitig humanitäre Hilfe zu leisten.

Unter anderem der Ko-Vorsitzende der Grünen in Nordrhein-Westfalen, Felix Banaszak, kritisierte die Äußerungen Laschets scharf. In Afghanistan seien viele Menschen akut vom Tod bedroht. Für drastische Fehleinschätzungen der Bundesregierung würden jetzt viele Menschen mit ihrem Leben bezahlen. Dass Laschet in einer solchen Lage "innenpolitisch motiviert" sinngemäß sage, 2015 dürfe sich nicht wiederholen, sei "unanständig, unchristlich und am Ende auch unwürdig".

Die Entwicklungen in Afghanistan im Überblick:

Quelle: MDR, dpa, epd, AFP

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. August 2021 | 12:00 Uhr

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