Interview mit Dr. Jochen Pimpertz (DIW) Finanzexperte: "Wir kommen nicht umhin, die Regelaltersgrenze perspektivisch anzuheben"

Pläne für eine "Rente ab 68" sorgen bereits für heftige Kritik. Der demographische Wandel erfordere jedoch noch größere Einschnitte, betont Dr. Jochen Pimpertz vom Institut für Deutsche Wirtschaft (DIW).

Jochen Pimpertz
Dr. Jochen Pimpertz ist Mitglied vom Institut der Deutschen Wirtschaft (DIW). Der Finazexperte sagt sogar, dass eine Rente mit 68 die Finanzierung des derzeitigen Rentensystems nicht stabilisieren könne. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was ist ihr Ansatz, um das Problem "Rentensystem" anzugehen?

Jochen Pimpertz: Die Demografie lässt sich nicht verändern. In den kommenden 20 bis 30 Jahren altert die Bevölkerung und deswegen kommen wir nicht umhin, die Regelaltersgrenze perspektivisch anzuheben, um die alterungsbedingten zusätzlichen Lasten fair zwischen den Generationen zu verteilen.

Da sind übrigens unsere europäischen Nachbarn deutlich weiter als wir hierzulande. Es ist allerhöchste Zeit, sich nicht mehr dagegen zu sperren, sondern den Fokus vielmehr darauf zu legen, wie wir Menschen befähigen können, länger am Arbeitsmarkt teilzuhaben. Das ist die Kernfrage hinter der Diskussion um eine höhere Regelaltersgrenze. 

Stichwort europäische Nachbarn: Welche Länder haben welche Regelungen?

Jochen Pimpertz: In Schweden stellen wir beispielsweise fest, dass dort die Arbeitnehmer zwei Jahre später in Ruhestand wechseln als hierzulande. In Dänemark gilt 2030 bereits eine Regelaltersgrenze von 68 Jahren und 67 gilt in Niederlanden schon heute. Beide Länder haben bereits ins Gesetz geschrieben, dass bei steigender Lebenserwartung die Regelaltersgrenze auch künftig weiter angehoben wird. Es scheint, als ob der Widerstand gegen das längere Arbeiten vor allen Dingen ein deutsches Phänomen ist. Andere Länder sind da weiter, sich auf die Alterung ihrer Gesellschaften einzustellen.

Nimmt man an, man wollte den aktuellen Beitragssatz und das aktuelle Rentenniveau auch in Zukunft beibehalten, bis zu welchem Alter müsste man arbeiten, damit das klappt?

Jochen Pimpertz: So herum haben wir es tatsächlich nicht ausgerechnet. Aber selbst wenn wir bis Mitte des Jahrhunderts die Regelaltersgrenze bis auf 70 fortschreiben würden, lässt sich der Beitragsanstieg nicht vermeiden. Ab Ende der 2030er-Jahre würde er dann immer noch bei über 21% liegen. Aber immerhin ließe sich das Sicherungsniveau nachhaltig bei ungefähr 46% stabilisieren.

Typisch für Deutschland ist, dass in den kommenden beiden Jahrzehnten die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand altern und deshalb mehr Rentner von weniger Beitragszahlern zu finanzieren sind. Wollte man das ausgleichen, würde es bedeuten, dass wir die Regelaltersgrenze schon bis zum Jahre 2030 deutlich schneller und höher anheben müssten, um dieses Verhältnis zu stabilisieren.

Welchen Unterschied gibt es konkret zu anderen europäischen Ländern?

Jochen Pimpertz: Nochmal zu dem Vergleich mit anderen europäischen Ländern: Die demografische Herausforderung ist in Deutschland besonders ausgeprägt, stärker als zum Beispiel in Dänemark, den Niederlanden oder Schweden, weil dort das Phänomen der geburtenstarken Jahrgänge nicht so deutlich ausgeprägt ist. Die Menschen leben hierzulande also nicht nur immer länger, es wechseln nun auch mit den besonders stark besetzten Jahrgänge mehr und mehr Menschen in den Ruhestand. Ihnen folgen aber relativ schwächer besetzte Jahrgänge ins Erwerbsleben. Das ist die Folge der dauerhaft niedrigen Geburtenziffern seit 1970. Diese Entwicklung belastet das Verhältnis zwischen den beiden Generationen der Rentenbezieher und Beitragszahler dauerhaft.

Als eine Möglichkeit die Beitragsseite zu stabilisieren, wird immer wieder Einwanderung von Fachkräften genannt, ist das ein möglicher Weg?

Jochen Pimpertz: Wir haben in unseren Modellrechnungen tatsächlich schon eine Netto-Zuwanderung von jährlich 200.000 Menschen unterstellt. Doch das reicht nicht aus, um die Alterung der Bevölkerung auszugleichen.

Es gibt Modellrechnungen, die versuchen das zahlenmäßige Verhältnis von Rentner und Beitragszahler zu stabilisieren. Die kommen auf deutlich höhere Zuwanderungszahlen: jährlich bis zu eine Million. Dabei ist es gar nicht die Frage, ob Deutschland das zulassen will, sondern vielmehr, ob es jedes Jahr so viele Menschen geben wird, die ihre Zukunft in Deutschland sehen. Letztlich sind das Milchmädchen-Rechnungen, weil die Entscheidungen über die Zuwanderung nicht nur in unserer Hand liegen. Wenn aber das Heil in der Zuwanderung liegen soll, muss die Gesellschaft schauen, dass der Standort für junge ausgebildete Menschen in Zukunft attraktiv ist.

Als eine Möglichkeit die Beitragsseite zu stabilisieren, wird immer wieder Einwanderung von Fachkräften genannte, ist das ein möglicher Weg?

Zuwanderung ist tatsächlich eine Möglichkeit, die Wirtschaftskraft in Deutschland zu stärken und zu erhalten, weil wir demografiebedingt einen Rückgang der Erwerbspersonenzahlen erwarten müssen. Deutschland kann besser darin werden, die Zuwanderung qualifiziert zu steuern, und dabei auch noch besser werden, was die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse angeht. Aber Fragezeichen bleiben, ob es uns gelingen kann, allein darüber das Rentensicherungssystem zu stabilisieren.

Ist es nicht möglich oder auch an der Zeit, an einem grundsätzlich anderes System zu arbeiten?

Jochen Pimpertz: Die Vergleiche mit anderen Ländern führen in die Irre, denn die Modelle funktionieren grundsätzlich nicht anders als das, was wir in Deutschland längst verabredet haben. Auch in Schweden, Dänemark oder den Niederlanden gibt es ergänzende Säulen, die allerdings anders als hierzulande nicht freiwillig, sondern verpflichtend sind. Aber eine Lebensstandardsicherung gelingt auch in diesen Ländern nur, indem die Menschen zusätzlich ergänzend vorsorgen.

Das haben wir in Deutschland vor zwei Jahrzehnten verabredet und die Diskussionen über die Notwendigkeit oder Vorzüge kapitalgedeckter Ergänzungen verunsichern eher die Erwartungen der Menschen. Im Kern geht es aber um die Frage, ob auch alle Bürger dazu in der Lage sind, privat vorzusorgen, also um die Förderung der Geringverdiener. Hier sein daran erinnert: Die Riester-Förderung geht genau darauf ein und nimmt besondere Rücksicht auf diese Gruppen. Zudem haben wir jüngst in Deutschland verabredet, auch die betriebliche Altersvorsorge zugunsten von Geringverdienern zu bezuschussen.

Also, der Unterschied besteht nicht darin, dass es eine zweite und dritte Säule gibt, sondern dass die ergänzende Vorsorge hierzulande freiwillig geschieht.

Welche Alterssicherungssysteme oder auch Elemente würden sie in Deutschland empfehlen?

Jochen Pimpertz: Ich halte das deutsche System der drei Säulen für gar nicht so verkehrt, wie es in der Diskussion gerade vor dem Bundestagswahlkampf manchmal erscheinen mag.

Die gesetzliche Alterssicherung im Umlageverfahren ist grundsätzlich leistungsfähig, aber wir können eben die demografischen Wahrheiten nicht leugnen. Deshalb ist es notwendig, diese zusätzlichen alterungsbedingten Lasten fair auf die Generationen der Beitragszahler und Rentner zu verteilen. Aber das System bietet Stellschrauben, um diese Lastverteilung immer wieder zu justieren.

Wichtig ist mir aber, dass die Menschen hierzulande wissen, dass eine Lebensstandardsicherung allein durch die umlagefinanzierte Rente kaum noch gelingen wird. Ergänzende Vorsorge ist notwendig und deshalb das Signal wichtig, damit die Bürger sichere Erwartungen für ihre Lebensplanung bilden können.

Wäre eine Möglichkeit zur Änderung auch, wenn man neue Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung mit einbeziehen würde?

Jochen Pimpertz: Es könnte für die gesetzliche Rentenversicherung tatsächlich vorübergehend eine Entlastung bedeuten, wenn alle jüngeren Staatsdiener in die gesetzliche Sicherung einzahlen. Das führt zu mehr Beitragseinnahmen, der Beitragssatzanstieg ließe sich idealerweise bremsen. Nur wenn in zwei Jahrzehnten und später die heute noch jungen Staatsdiener in Ruhestand gehen, müssen deren Ansprüche dann zusätzlich von den heutigen Kindern und Enkeln finanziert werden. Das demografische Problem wird also nicht gelöst, sondern die Lösung nur verschoben.

In der Zwischenzeit muss der Staat aber bestehende Pensionsverpflichtungen weiterhin aus Steuermitteln zahlen und zusätzlich auch noch die Arbeitgeberbeiträge zur Rentenversicherung für die jüngeren Staatsdiener. Für den Gesamtstaat ist das also keine Entlastung, auch wenn es manch einem als gerechtere Lösung erscheinen mag.

Könnten Ökonomen ein neues Rentenversicherungssystem "auf der grünen Wiese" entwerfen, würden sie sicherlich keine Trennung nach dem Erwerbsstatus vorschlagen. Aber mit Blick auf den demografischen Wandel hilft das nicht, weil der Übergang zu einem einheitlichen System nur über lange Zeiträume gelingen kann und kostet. Eine nachhaltige Sicherung gelingt auch damit nicht.

In vielen Berufen scheint es kaum möglich zu sein, bis 68 Jahre oder länger zu arbeiten. Wie soll das funktionieren?

Jochen Pimpertz: Wichtig zum Verständnis ist, dass unsere Projektion auf einer Modellrechnung beruht und wir dabei unterstellen, dass die Menschen künftig länger erwerbstätig sind. Ich habe dabei viel Verständnis dafür, dass dies in bestimmten Berufsfeldern kaum vorstellbar ist. Diese Zweifel kommen allerdings auch schon heute mit der "Rente mit 67" auf.

 Die Kernfrage ist doch nicht, ob die demografische Entwicklung vermieden werden kann. Tatsächlich wird die Bevölkerungsalterung unvermeidlich eintreten. Sondern die politische Kernfrage ist, welcher Anstrengungen es bedarf, damit Menschen länger erfolgreich am Arbeitsmarkt teilhaben können. Dazu gehört eine ganze Palette von Maßnahmen, von der Weiterqualifikation bis zum gesunden Arbeiten. Gefordert sind dabei beide Sozialpartner und die Bundesregierung.

Hierin liegt die gesellschaftspolitische Aufgabe der Zukunft: dafür Sorge zu tragen, dass Menschen länger an Erwerbsleben teilhaben können. Andernfalls würde eine höhere Regelaltersgrenze nur dazu führen, dass Menschen mit geringeren Ansprüchen früher in den Ruhestand wechseln müssen und das kann nicht die Lösung sein.

Funktioniert das derzeitige System Ihrer Meinung nach wirklich gut?

Jochen Pimpertz: Es gilt sich immer wieder klarzumachen: Wer andere Systeme denken möchte, muss den Übergang gestalten, weil ja die Erwerbstätigen in den verschiedenen Systemen über Jahre eingezahlt haben und auf die versprochene Versorgung vertrauen. Da kann man nicht von heute auf morgen umsteigen, ohne diese Anwartschaften in Frage zu stellen. Deshalb ist der Vertrauensschutz für die Versicherten wichtig.

Die intergenerative Balance halte ich in der gesetzlichen Rentenversicherung für gestaltbar und glaube, dass das System dabei grundsätzlich leistungsfähig bleibt. Eine Voraussetzung ist aber, dass sich die Gesellschaft hierzulande "ehrlich macht", wo die Grenzen der einzelnen Systeme liegen. Immer dann, wenn höhere Leistungen versprochen werden, löst dies zusätzliche Finanzierungslasten aus. Zum Beispiel steht mit einem dauerhaften Sicherungsniveau von 48 Prozent die Frage im Raum, wer das bezahlen soll. In der alternden Gesellschaft hieße das, die immer schwächer besetzten Jahrgängen im Erwerbsalter noch mehr zu belasten. Damit steht die gesellschaftspolitisch relevante Frage im Raum, warum die Kinder- und Enkelgenerationen gefordert sein sollen, wenn ausgerechnet deren Eltern, also die geburtenstarken Jahrgänge, nicht für ausreichend Nachwuchs gesorgt haben.

Der Knackpunkt ist eigentlich, dass wir immer wieder in der Öffentlichkeit so diskutieren, als ob man die demografischen Fakten, die für 20 oder 30 Jahre unser Leben prägen werden, vermeiden könne. Aber wie die Corona-Pandemie oder die Digitalisierung lassen sich die damit einhergehenden Veränderungen nicht ausblenden. Die Gesellschaft hat nur die Chance, den Umgang damit zu gestalten. Solange wir aber so tun wollen, als ob es irgendwelche Lösungen gäbe, wo das Geld vom Himmel regnet, vermeiden wir einen konstruktiven Umgang mit der unvermeidbaren Herausforderung.

 Quelle: MDR Umschau

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 08. Juni 2021 | 20:15 Uhr

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