Rentendebatte Rente mit 67 – in manchen Jobs eine Illusion

Vor 15 Jahren hat der Bundestag die Rente mit 67 beschlossen. Damals war das Thema hoch umstritten. Seit zehn Jahren wird sie nun schrittweise eingeführt. In einigen Berufen scheint es tatsächlich möglich zu sein, länger zu arbeiten, weil die Belastung geringer ist. Allerdings gibt es echte Knochen-Jobs, in denen es die Menschen schon kaum bis zur Rente mit 65 geschafft haben. Und nun wird über die Rente mit 69 diskutiert. Ist das realistisch?

Dachdecker auf einer Baustelle
Dachdecker Heiko Schmidt (59) mit MDR-Reporter Thomas Niemann auf einer Baustelle in Brotterode bei Eisenach. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Arbeitsbeginn für Heiko Schmidt ist bereits sieben Uhr morgens. Dann klettert er im Arbeitsanzug Gerüste an Hausfassaden hoch, denn sein Arbeitsplatz ist ganz oben, auf dem Dach. Der 59-Jährige arbeitet seit 1977 als Dachdecker – einem körperlich anspruchsvollen Beruf. So wiegt einer der Dachziegel, die er täglich verlegen muss, im Schnitt drei Kilogramm und allein ein mittleres Dach hat 1.600 Ziegel. Die vergangenen 45 Jahre im Beruf spürt Schmidt mittlerweile deutlich, wie er erzählt: "Die Knochen sind kaputt, Knie, Kreuz. Die Beweglichkeit fehlt dann halt. Als junger Mensch kann man sich viel besser bewegen."

Die Folgen der körperlichen Belastung zeigen sich auch in den Zahlen der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft. Demnach leiden 23 Prozent der Beschäftigten an Hörstörungen. 30 Prozent haben Probleme mit dem Muskel- und Skelettsystem. 44 Prozent belastet die Arbeit in Zwangshaltungen. Dachdecker hören deshalb im Schnitt schon mit 61 Jahren auf. Durch die Rente mit 67 müssten sie aber noch länger durchhalten – sonst drohen Abschläge für jeden Monat, den sie eher in Rente gehen.

Dachdecker auf einer Baustelle
Das geht auf die Arme: Im Schnitt wiegt jeder Dachziegel drei Kilogramm und allein bei einem mittleren Dach müssen 1.600 Stück davon verlegt werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rente mit 67 vor Einführung umstritten

Jahrzehntelang durften Männer in Ost- und Westdeutschland mit 65 in Rente gehen, Frauen schon mit 60. Seit 2000 gilt für alle die Rente mit 65. Doch schon damals war klar: Das Geld wird knapp. 2007 strebte die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD deshalb eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre an, wodurch eine Entlastung des Rentensystems geschaffen werden sollte.

Die Gewerkschaften waren damals strikt dagegen. So rief Michael Sommer, 2007 noch Bundesvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), auf einer Kundgebung gegen die Pläne der Regierung: "Das Grundübel, dass wir bis 67 arbeiten sollen und es nicht können, bleibt. Und deswegen werden wir den Kampf gegen die Rente mit 67 fortsetzen." Doch der Protest nützte nichts. Die Rente mit 67 wurde beschlossen und seit 2012 wird sie stufenweise eingeführt.

Renteneintrittsalter im Schnitt bei 64,2 Jahren

Schon bei der Einführung der Rente mit 67 Jahren arbeiteten nur wenige bis 65. Im Schnitt lag das reale Renteneintrittsalter vor 20 Jahren bei 62,7 Jahren – jetzt sind es 64,2. Laut Renten-Experte Martin Brussig von der Universität Duisburg-Essen ergeben sich aus der steigenden Regelaltersgrenze Ängste bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern: "Sie haben die Sorge, dass sie eben nicht bis zur Regelaltersgrenze arbeiten können."

Es ist in den Zahlen der Rentenzugangs-Statistik deutlich erkennbar, dass diejenigen, die in besonders belastenden Berufen sind, früher und dann eben auch mit höheren Abschlägen in Rente gehen.

Martin Brussig, Universität Duisburg-Essen

Wer vorzeitig mit der Arbeit aufhöre, dem drohten Arbeitslosigkeit und Abschläge bei der Rente, so Brussig. Aus seiner Sicht ist die Angst davor begründet. "Es ist auch in den Zahlen der Rentenzugangs-Statistik deutlich erkennbar, dass diejenigen, die in besonders belastenden Berufen sind, früher und dann eben auch mit höheren Abschlägen in Rente gehen."

Beschäftigte nehmen Abschläge durch frühere Rente in Kauf

Nicht nur Beschäftigungen im Baugewerbe gelten als besonders anstrengend – auch im Pflegebereich ist die Arbeit oft ein Knochenjob. Annette Herrmann arbeitet in einem Pflegeheim in Bernburg als Hilfs-Pflegerin. Dazu gehört auch, mit einem Kollegen Heimbewohner aus dem Bett zu heben. Sie liebt ihren Job, doch sie spürt jeden Tag, wie anstrengend er ist. Dazu kommt die psychische Belastung: Herrmann erlebt täglich Menschen, denen es schlecht geht und denen sie nur begrenzt helfen kann. "Ich kann damit umgehen, aber ich hab auch den Moment, wo ich sage, jetzt ist Feierabend, jetzt fahre ich nach Hause und dann setze ich mich auf die Couch und ruhe mich erstmal aus."

Durch den Pflegenotstand ist die Belastung noch höher: Laut der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege machen 80 Prozent der Pflegekräfte regelmäßig Überstunden. Mit 28 Tagen pro Jahr sind sie überdurchschnittlich viel krank, Depressionen und Rückenschmerzen sind die häufigsten Beschwerden. Auch Annette Herrmann hat Probleme mit ihrem Rücken, mehrere Male ist sie schon operiert worden. Eine Rente mit 67 ist für sie deshalb undenkbar. Noch dieses Jahr will die 61-Jährige in Rente gehen – und nimmt dafür Abschläge von zehn Prozent in Kauf.

Pflegekräfte mit Seniorin
Laut der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege machen 80 Prozent der Pflegekräfte regelmäßig Überstunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Frühere Rente bei anstrengenden Berufen?

Um die Nachteile einiger Berufszweige angesichts der Rente mit 67 auszugleichen, könnte eine Lösung sein, dass Beschäftigte in anstrengenden Berufen eher in Rente gehen dürfen. Renten-Experte Martin Brussig hält das allerdings nicht für zielführend. "Es wird immer einen starken Streit darum geben, welche Berufe das nun sein werden. Und es wird dann immer auch darum gehen, welche Berufsgruppe sich besonders gut durchsetzen kann."

Das Bundesarbeitsministerium teilte dazu auf Anfrage der "Umschau" lediglich mit, dass die Sozialpartner aufgerufen seien, "differenzierte betriebs- und branchenbezogene Regelungen für die besonderen Belastungen bestimmter Arbeitnehmergruppen zu schaffen."

Inzwischen gibt es Vorschläge, das Rentenalter sogar auf 69 anzuheben. Experten der Bundesbank fordern eine stufenweise Anhebung ab 2030. Studien zeigen jedoch, dass 20 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von der Rente mit 69 nichts haben werden, weil sie vorher – noch während des Arbeitslebens – versterben.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 19. April 2022 | 20:15 Uhr