Senkrechte Solarmodule
Agri-PV ermöglichen Solarstrom und Landwirtschaft – etwa mit senkrechten Modulen. Bildrechte: Next2Sun

Zweiter Photovoltaik-Gipfel Dach, Wiese, Parkplatz oder Moor: Habeck will neue Solarstrategie vorstellen

05. Mai 2023, 05:00 Uhr

Um die deutschen Klimaziele zu erreichen, muss viel mehr Energie aus Solarstrom gewonnen werden. Bundeswirtschaftsminister Habeck will deshalb den Ausbau auf Freiflächen vorantreiben – und dabei auch Agrarflächen nutzen. Das Potenzial für auf diese Art gewonnenen Strom ist groß. Doch es gibt auch Widerstände.

Am Freitag werden in Berlin die Weichen für den künftigen Ausbau der Solarenergie in Deutschland gestellt. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wird seine überarbeitete Photovoltaikstrategie vorstellen. Zuvor trifft Habeck beim inzwischen zweiten Photovoltaik-Gipfel Branchenvertreter und Verbände – ein Treffen, an dem auch Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingmann (SPD) als derzeitiger Vorsitzender der Energieministerkonferenz teilnimmt.

Sowohl Branchenvertreter als auch die Landespolitik blicken gespannt nach Berlin: "Wir erwarten eine Vertiefung und Konkretisierung der elf Handlungsfelder", sagt ein Sprecher des Thüringer Umweltministeriums mit Blick auf die im März beim ersten Photovoltaik-Gipfel genannten elf Handlungsfelder, darunter neben der Stärkung der von Agri-Photovoltaikanlagen, um Freiflächenanlagen stärker ausbauen auch unter anderem einfachere Meldepflichten für Steckersolargeräte - also Solarzellen vor Balkone. Es sei wichtig, die Initiativen des Bundes genau zu kennen, um Landesinitiativen darauf abzustimmen.  

Insgesamt will das Bundeswirtschaftsministerium dem ersten Entwurf zufolge den jährlichen Ausbau von Photovoltaik in den kommenden Jahren verdreifachen. Laut Strategieentwurf sollen die neu installierten Solarstromflächen jeweils zur Hälfte auf Dächern und Freiflächen entstehen. Damit steigt der Freiflächenanteil deutlich. 

Solaranlagen auf Parkplätzen und Seen 

Doch warum überhaupt so ein starker Ausbau auf Freiflächen und nicht auf den vorhandenen Dächern? Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) verspricht sich davon vor allem geringe Kosten und einen schnellen Ausbau. Im Verhältnis zu Dachanlagen können die Komponenten in der Regel kostengünstiger beschafft und Fachkräfte schnell angelernt werden, heißt es in dem Entwurf.   

Dabei ist Freifläche nicht gleich Freifläche. Das Wirtschaftsministerium identifiziert neben den bislang besonders bekannten Freiflächen-Anlagen weitere Kategorien, die durch das Erneuerbare-Energiegesetz gefördert werden sollen. Das BMWK ist dabei offenbar auch bereit, unkonventionelle Wege zu gehen. So soll es neue Kategorien für Freiflächenanlagen geben: Auf den Seitenrandstreifen von Autobahnen und Bahnschienen etwa sollen künftig PV-Anlagen bis zu 500 statt bisher 200 Meter breit möglich sein. Auch Parkplätze ("Parkplatz-PV"), Seen ("Floating-PV"), wiedervernässte Moorböden ("Moor-PV") und Landwirtschaftsflächen ("Agri-PV") sollen eine Rolle spielen.

Agri-PV: Versuchsanlagen schon in Betrieb 

Gerade bei Agri-PV sieht das Bundeswirtschaftsministerium Potenzial. Laut Strategieentwurf soll bis Mitte des Jahres dazu ein Konzept erarbeitet werden. Bei Agri-PV sollen Photovoltaik-Anlagen auf landwirtschaftlichen Flächen installiert werden – und Landwirtschaft trotzdem betrieben werden. Und genau in dieser Doppelnutzung sieht das Wirtschaftsministerium den großen Vorteil des Konzepts. Möglich sind dabei etwa Solaranlagen in mehreren Metern Höhe, darunter können zum Beispiel Obstbäume wachsen. Bei anderen Konzepten werden PV-Anlagen nur mit großem Abstand zueinander installiert, dazwischen ist dann Platz für landwirtschaftliche Maschinen.  

Seit vergangenem Jahr werden Agri-PV-Flächen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz speziell gefördert. Im Strategiepapier der Bundesregierung heißt es zudem, dass bestimmte Anlagen auf Feldern oder in Mooren wegen "ihrer höheren Kostenstruktur einen Bonus in den Ausschreibungen" erhalten sollen.   

Agri-PV Mit Agri-Photovoltaik (Agri-PV) wird die gleichzeitige Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Nahrungsmittelproduktion und die PV-Stromerzeugung bzeichnet.

Dadurch soll Solarenergie auf Freiflächen gewonnen und parallel Nahrungsmittel gewonnen werden.

Naturschutzring: Ökologische Verträglichkeit wichtig 

Auch in Mitteldeutschland sind einige Agri-PV-Anlagen bereits in Planung, zum Beispiel im sächsischen Ostrau. Dort soll eine über 100 Hektar große Anlage in Betrieb gehen. Doch können Agri-PV-Anlagen überhaupt eine größere Rolle bei der Energiewende spielen? Florian Schöne ist da skeptisch. Er ist Geschäftsführer des Deutschen Naturschutzringes, einer Dachorganisation von Natur-, Tier-, und Umweltschutzorganisationen. Schöne bezeichnet die Idee hinter Agri-PV im Gespräch mit dem MDR als grundsätzlich sinnvoll. "Es ist bisher aber nur ein Nischensegment, das sich im Experimentierstadium befindet", sagte Schöne weiter. Zudem sei es deutlich teurer. "Deswegen müssen wir am Ende schauen, ob das wirtschaftlich darstellbar ist. Und auch, ob es Akteure gibt, die in großem Umfang in die Fläche einsteigen. Das ist im Moment noch nicht unmittelbar absehbar."

Solaranlagen auf Freiflächen seien grundsätzlich leichter zu erschließen als Dachflächen, dort gebe es große Potenziale. Wichtig ist Schöne dabei die ökologische Verträglichkeit. Daher sollten versiegelte Freiflächen wie Parkplätze oder Flächen in Gewerbeflächen immer im Vordergrund stehen. 

Agri-PV – dieses Kürzel geht aber nicht nur das Wirtschaftsministerium etwas an, hier hat auch das ebenfalls grün geführte Landwirtschaftsministerium (BMEL) ein Wort mitzureden. Und das stellt klar: Landwirtschaftlich genutzte Flächen sollten erhalten und vorrangig zur Nahrungsmittelproduktion genutzt werden. "Gleichzeitig unterstützt das BMEL das Ziel, das sich die Bundesregierung beim Ausbau der erneuerbaren Energien gesetzt hat. Mit Photovoltaik vorrangig auf bereits versiegelten Flächen, wiedervernässten Mooren und als Agri-PV-Anlagen kann die zusätzliche Flächeninanspruchnahme idealerweise so ausgestaltet werden, dass sie beiden Zielen gerecht wird", sagte eine Sprecherin dieses Ministeriums dem MDR.

Habeck bekommt Rückendeckung von Länderkollegen

Das Bundeswirtschaftsministerium steht derzeit unter hohem Druck, denn nur mit einem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien kann Deutschland klimaneutral werden. Rückendeckung bekommt Habeck allerdings von seinen Länderkollegen. Diese hatten bei ihrem Treffen Ende März in Merseburg gleichzeitig gefordert, die Rahmenbedingungen für Freiflächen-Solaranlagen zu verbessern. Zudem sollten Kommunen beim Ausbau möglichst finanziell beteiligt werden.  

Das Thüringer Umweltministerium hält "Agri-PV-Anlagen unter passenden Umständen für eine Win-Win-Situation. Für die Energiewende, die wir alle brauchen, und die Landwirtschaft. Agri-PV-Anlagen machen eine zeitgleiche Nutzung einer Fläche für die Photovoltaik als auch für die Landwirtschaft und den Gartenbau möglich", teilte ein Ministeriumssprecher dem MDR mit. Die Flächen blieben für die Landwirtschaft oder dem Gartenbau weitgehend erhalten. Sie ermögliche und verbessere teilweise sogar eine landwirtschaftliche und gartenbauliche Nutzung, weil die Solarmodule Pflanzen beispielsweise gegen Witterungseinflüsse schützten.

Grafik mit drei Deutschlandkarten zu Flächen-Photovoltaik-Bestand und Ausbau-Potenzial bis 2037 und 2045. Postleitzahlengebiete sind eingefärbt je nach Megawatt pro Quadratkilometer. Kartenerklärung im Text.
Bildrechte: MDR WISSEN

Linke: Flächen nicht zupflastern 

Bei der Opposition im Bundestag blickt man allerdings auch mit Skepsis auf die künftige Photovoltaik-Strategie der Bundesregierung. Ralph Lenkert ist energiepolitischer der Linken-Bundestagsfraktion und Bundestagsabgeordneter aus Thüringen. Er sagte dem MDR: "Ich finde es unverantwortlich, dass Freiflächen mit Photovoltaik-Anlagen zugepflastert werden sollen. Vorstellen kann ich mir das nur an Autobahnen, auf Konversionsflächen – also etwa alten Mülldeponien – oder eventuell bei Flächen mit schlechter Bodenqualität." Agri-PV sei zwar sinnvoll, aber der Nutzen sei eher beim Schutz der Pflanzen vor Sonne und Trockenheit zu sehen. Denn der PV-Zubau spiele dort insgesamt kaum eine Rolle. Vielmehr solle man sich auf Dachflächen konzentrieren und dort den Ausbau erleichtern, sagte Lenkert. 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. März 2023 | 18:00 Uhr

143 Kommentare

ElBuffo am 07.05.2023

Weil zur Dämpfung der hohen Stromkosten ganz schnell ein paar AKW verkauft werden konnten, die man gerade auf Lager hatte? Keine Ahnung, wer sowas kauft und was die dafür bezahlen, wenn schon Pipelines nach 10 Jahren derart verschlissen sind, dass sie immer wieder wochenlang wegen außerplanmäßigen Wartungen nicht funktionieren.

ElBuffo am 07.05.2023

Man hörte zuletzt die Vauwitschaft barmen, dass die Aufträge eingebrochen sein. Da sollte also ei gewisser Überhang vorhanden sein. Da werden eben weniger Neubauten hingestellt, sondern auf vorhandenen rumgeturnt oder auf den Neubauten gleich noch solche Anlagen angeschraubt.

Peter am 06.05.2023

Germinator: Im Moment ist Gas mein Hauptenergieträger. Das ist vollkommen richtig. KWK war vor ein paar Jahren Stand der Technik. Wie viele Andere hat mich Russlands Gas-Boykott auf dem falschen Fuß erwischt. Solange meine KWK-Anlage läuft, nutze ich sie. Immer noch besser, als Strom aus dem Kohlekraftwerk Lippendorf zu beziehen. Wenn sie nicht mehr läuft, fliegt sie raus und wird durch Photovoltaik und Wärmepumpe ersetzt. Inklusive Förderung und niedrigeren laufenden Kosten für Heizung und Strom rechnet sich das allemal.

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