Pflegeheime in der Corona-Pandemie Stille Triage oder selbstbestimmte Entscheidung?

Viele an Corona erkrankte Menschen in den Pflegeeinrichtungen werden – anders als in der ersten Welle – nicht mehr auf die Intensivstationen gebracht, sondern sterben zum Beispiel im Pflegeheim Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz kritisiert das scharf: "Das bedeutet praktisch die Verweigerung medizinischer Therapie im Krankenhaus." Findet also so etwas wie eine "stille Triage" in den Pflegeheimen statt?

Eine Seniorenresidenz in Gerstungen bei Eisenach in Westthüringen. Waltraud Bohrmann sitzt am Bett ihres Mannes, mit dem sie hier gemeinsam wohnt. Bis jetzt sind die Bewohner dieses Heimes von einem Corona-Ausbruch verschont geblieben. Aber die Angst vor einer Infektion ist dennoch allgegenwärtig.

"Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden würde."

"Wenn, dann soll es schnell gehen", sagt Waltraud Bohrmann. Solange raus zögern möchte man das Leiden nicht." Ob sie sich im Fall der Fälle für oder gegen eine intensivmedizinische Behandlung entscheiden würde? "Ich weiß es nicht, wie ich mich entscheiden würde", antwortet sie. "Man sagt jetzt so, und wenn man dann in der Situation ist – ich weiß es nicht, wie ich mich entscheiden würde!"

Seniorin mit Mundschutz im Rollstuhl neben Senior im Pflegebett
Waltraud Bohrmann und ihr Mann hoffen, dass sie in der Coronazeit nicht vor der Entscheidung stehen werden, ob sie eine intensivmedizinische Behandlung in Anspruch nehmen oder nicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch gerade in diesen Tagen ist eine Diskussion darüber entbrannt, ob die alten Menschen in den Pflegeheimen überhaupt eine Wahl haben. Von verschiedenen Seiten heißt es: Pflegeheimbewohner kämen nur noch selten auf die Intensivstationen.

Versteckte Triage in Pflegeheimen?

So sorgte die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Corinna Rüffer,  jüngst für Schlagzeilen mit der Aussage: in den Pflegeheimen gäbe es eine versteckte Triage – nicht alle, die es benötigen, würden intensivmedizinisch behandelt. Das ergibt sich für sie aus der Statistik: "Es klafft einfach eine Lücke zwischen den Personen, die auf Intensivstation verstorben sind: das ist ein geringer Anteil! – Und ein sehr großer Anteil, der vor allen Dingen in den Pflegeeinrichtungen verstorben ist! Dann muss man sich die Frage stellen: Woran liegt das?"

Eine Frau sitzt an einem Konferenztisch.
Bundestagsabgeordnete der Grünen, Corinna Rüffer, hat einen Verdacht auf versteckte Triage in Pflegeheimen, der sich für sie aus der Statistik ergibt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Frage stellt sich auch die Stiftung Patientenschutz. Warum sterben so viele Corona-Patienten im Pflegeheim? Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz, sagt: "Es steht zu befürchten, dass einer sehr großen Zahl von Covid-19-Patienten in Pflegeeinrichtungen eine adäquate stationäre Versorgung in Krankenhäusern versagt wird! Dass da eine Triage im Pflegeheim stattfindet! Das heißt eine Auswahl: Wer kommt tatsächlich ins Krankenhaus, und wer nicht?"

Die Lehren aus der ersten Welle

Eine wichtige Frage, die sich auch der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach, gestellt hat. Auch er sagte öffentlich, dass Pflegeheimbewohner kaum mehr auf die Intensivstationen kämen, sondern in den Pflegeheimen sterben. Doch warum ist das so? "Wir haben in der ersten Welle gesehen, dass die allermeisten Pflegebedürftigen, die auf der Intensivstation beatmet werden mussten, das nicht überlebt haben. Und diejenigen, die es überlebt haben, haben sehr häufig danach einen schweren Demenzschub bekommen. Somit ist die Prognose also sehr schlecht, und daher wünschen viele Angehörige das nicht, wünschen viele Patienten selbst das nicht, und es ist auch oft in den Patientenverfügungen so klar gemacht, dass solche Maßnahmen nicht gemacht werden sollen", sagt Karl Lauterbach.

Videokonferenz
Der SPD-Gesundheitspolitiker, Karl Lauterbach, sagt, dass im Gegensatz zur ersten Welle sich Pflegebedürftige heute öfter gegen eine intensive Behandlung entscheiden würden, weil die Aussicht auf Erfolg gering sei. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Häufig medizinische Gründe also. Nur: Auch das würde in vielen Fällen bedeuten, dass schon im Heim entschieden wurde: Wir versuchen es erst gar nicht.

Selbstbestimmte Entscheidung?

Palliativmediziner und Chefarzt in der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum Jena, Dr. Ulrich Wedding, sagt dazu: "Die Tatsache, dass wesentlich weniger alte Menschen im Krankenhaus sterben, als es im Frühjahr der Fall war, kann auch Ausdruck von besseren Entscheidungsprozessen mit den Betroffenen sein, auf solch eine Behandlung verzichten zu wollen."

Diese Erklärung wäre wohl die beste: Wenn die alten Menschen in den Pflegeheimen selbst für sich entschieden hätten, dass sie nicht mehr intensiv behandelt werden wollen. Wenn es sich also um die eigene Entscheidung der Betroffenen Doch kann das die einzige Erklärung sein, wenn zwei Drittel der Corona-Toten, die meisten davon alte Menschen, außerhalb der Intensivstationen verstarben? Haben sie das wirklich alle selbst entschieden? Die Bundestagsabgeordnete Corinna Rüffer glaubt daran nicht.

Zwei Drittel sterben abseits der Intensivstationen

"Also es gibt Gründe. Und in vielen Fällen wird das mit Sicherheit auch so entschieden", sagt die Parlamentarierin. "Aber das erklärt nicht diese hohe Zahl von zwei Dritteln! Nach dem, was mir übermittelt wird, läuft es häufig so, dass gesagt wird: also, diese alte Person hat wenig Chancen zu überleben, das ist eine unheimlich anstrengende Situation, bedenken Sie, dass Sie im Krankenhaus einer jüngeren Person mit einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit auch ein Stück weit den Platz stehlen, die sind eh belastet, warum müssen wir, sozusagen, allen Seiten das noch antun? Das ist so ein Narrativ, das mir sehr häufig gespiegelt worden ist."

Mann bei Videokonferenz
Eugen Brysch, Vorstand der Stiftung Patientenschutz, sieht die Gefahr, dass Pflegeheimbewohner ihre Entscheidung über eine mögliche intensivmedizinische Behandlung unter Druck Dritter treffen könnten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das wiederum würde bedeuten: eine Drucksituation, der die betagten Heimbewohner und deren Angehörige ausgesetzt waren. Diese Gefahr sieht auch Eugen Brysch von der Stiftung Patientenschutz: "Die große Befürchtung dazu ist, dass das nicht der Wille des Patienten ist, sondern letztendlich eine Entscheidung von Altenheim-Betreibern, Angehörigen und Ärzten! Ich bin mir nämlich zurzeit gar nicht sicher, ob das ein System hat! Aber das ist fast noch gefährlicher. Wenn nämlich ein schleichender Prozess der Triage erfolgt, ohne dass da ein System ist, dann müssen wir das in der gesellschaftlichen Diskussion offen benennen und uns bewusst machen. Denn: schleichend, könnte gefährlicher sein als strukturiert! Etwas Strukturiertes lässt sich immer durch eine gesetzliche Norm sofort beenden. Der schleichende Prozess einer Triage ist viel gefährlicher für die alten Menschen!"

"Es braucht eine gesetzliche Triage-Regelung"

Andererseits: Wenn mehr Menschen die Intensivstationen tatsächlich erreichen, können diese schnell an ihre Grenzen kommen. Eine gesetzliche Regelung für die Triage gibt es aber nicht. "Meine Forderung ist: Der Gesetzgeber und auch die Bundesregierung muss hier für Aufklärung sorgen, sofort", sagt die Grünen-Abgeordnete, Corinna Rüffer. "Sie müssen auch klar stellen, dass jeder Mensch, der den Zugang zum intensivmedizinischen System wünscht, diesen auch bekommt. Und dann braucht es eine gesetzliche Regelung für den Fall der Überforderung des intensivmedizinischen Systems. Es braucht eine Triage-Regelung, eine gesetzliche."

Blick durch Fensterfront in den Speisesaal eines Pflegeheims
Laut Statistik sind zwei Drittel aller Coronatoten in Pflegeheimen verstorben. Das wirft Fragen auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wenn zwei Drittel der Corona-Toten gar nicht erst auf eine Intensivstation kamen, dann besteht in der Tat Aufklärungsbedarf. Doch es gibt auch Hoffnung, dass tatsächlich aus dieser Zeit der Pandemie dennoch positive Impulse für selbstbestimmte Entscheidungen am Lebensende entstehen.

Positive Impulse für die Zukunft

Dr. Ulrich Wedding von der Uniklinik Jena dazu: "Das sehen wir schon, dass diese Diskussion – was ist wichtig in einer Situation für die Bewohner – einen neuen Schub erhält in der jetzigen Situation. Und ich hoffe und wünsche mir, dass auch Erfahrungen der Pandemie nach der Pandemie bleiben. Dass es wichtig ist, mit Älteren, mit Pflegeheimbewohnern zu planen, vorausschauend zu gucken: was ist Ihnen wichtig für eine Situation schwerer Erkrankungen? Wie viel Therapie soll durchgeführt werden?"

Waltraut Bohrmann in der Seniorenresidenz in Gerstungen hat eine solche Entscheidung noch nicht getroffen. Und natürlich hofft sie für sich und ihren Mann, dass ihnen das jetzt, in dieser Coronazeit, erspart bleibt.

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Beatmung eines Covid-Patient 35 min
Bildrechte: imago images/Le Pictorium

Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 26. Januar 2021 | 22:50 Uhr

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