Tag der Deutschen Einheit in Halle Was bringen Diskussionen zu Unterschieden zwischen Ost und West?

Am Wochenende wird in Halle in Sachsen-Anhalt der Tag der Deutschen Einheit gefeiert: mit einer Rede der Bundeskanzlerin, auch Bundespräsident und Bundestagspräsident werden zu Gast sein. MDR AKTUELL hat zuvor mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff gesprochen. Und zwar über die Frage, ob die Diskussion über Unterschiede zwischen Ost und West mehr trennt, als das sie eint, und ob es gut ist den Tag der Deutschen Einheit zu feiern.

Reiner Haseloff im Fernsehstudio - im Hintergrund eines seiner Wahlplakate.
Reiner Haseloff ist als Ministerpräsident Sachsen-Anhalts und Bundesratspräsident Gastgeber der Feierlichkeiten in Halle. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Reiner Haseloff sitzt in einem Besprechungsraum der Staatskanzlei. Zum Tag der Deutschen Einheit stellt er fest: "Jedes Jahr bekomme ich vom Bundesamt für Statistik alle Datenmaterialien aufgearbeitet. Da ist die alte DDR-Grenze immer noch abgebildet. Die Unterschiede, die schmelzen, aber sie sind da und wer sich sozusagen damit nicht zufrieden geben möchte – und das sagt ja auch unsere Verfassung, dass wir eine Angleichung der Lebensverhältnisse als Ziel haben – der muss gemeinsam identifizieren, woran liegt das und was muss man tun, damit diese Unterschiede abgebaut werden."

Haseloff: Unterschiede benennen, nicht ignorieren

Die Gefahr, dass die Diskussionen, die nun schon über 30 Jahre zu Unterschieden und Differenzen geführt werden, vielleicht eher trennen und nicht einen, sieht Haseloff nicht. Verschweigen sei jedenfalls kein Weg: "Wir müssen sozusagen die Unterschiede benennen, weil wir auch nicht einfach die Realität wegdrücken können und ansonsten Ignoranten wären, aber wir müssen gleichzeitig sagen, was tun wir auch in einer nächsten Legislaturperiode auf Bundesebene in einem neuen Koalitionsvertrag, um diese Unterschiede weg zu bekommen."

Einheitsbotschafter: Warum die Trennung mitschwingen muss

Da stimmt auch der Einheitsbotschafter Falk Schuster aus Halle zu. Jedes Bundesland hat zum Tag der Deutschen Einheit zwei Botschafter ernannt – sie sollen der Wiedervereinigung ein Gesicht geben. Einer der beiden aus Sachsen-Anhalt ist Schuster. Natürlich werde an so einem Tag wie dem der Deutschen Einheit Trennendes sichtbar, sagt Schuster: "Es kann ja auch trennend sein. Es kann ja auch Unterschiede zwischen Ost und West und Süd und Ost geben. Was für mich als Ostdeutschen, der auch politik- und gesellschaftsinteressiert ist, sicherlich eine Rolle spielt, ist, dass die Trennung nach 30 Jahren ja immer noch mitschwingen muss, weil es irgendwie recht viele Baustellen gibt."

Linguist: Sprache offenbart Unterschiede zwischen Ost und West

Da kann Professor Kersten Sven Roth nur nicken. Der Sprachwissenschaftler von der Otto-von-Guericke Universität befasst sich mit Gesellschaftsforschung, unter anderem geht es um diskriminierende Sprache. An das, was Ost und West trennt,  müsse 30 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht erinnert werden, sagt Roth. Das sei ja noch sehr präsent: "Was wir in linguistischen Untersuchungen tatsächlich seit 30 Jahren völlig unverändert zeigen können ist, dass über den Osten in einem bestimmten Format nahezu ausschließlich gesprochen wird, das ich mal eine topische Treppe genannt habe. Der Osten ist das Andere, das Exotische, das Abweichende. Der Osten ist das Schwache und der Osten ist dann darauf aufbauend irgendwie auch noch das Belastende für Westdeutschland oder für Gesamtdeutschland."

Erfahrung der Ostdeutschen mit Umbruchzeiten nutzen

Roth rät zum Perspektivwechsel, dazu, die Stärken des Ostens zu unterstreichen. In den Reden zum Tag der Deutschen Einheit am Sonntag, aber auch darüber hinaus. Konkretes Beispiel: "Wir haben anderthalb Jahre jetzt hinter uns mit ganz massiven Umbrüchen und Brüchen im Zuge der Pandemie. Und es hat mich sehr gewundert, dass es überhaupt nicht gelungen ist, im politischen und öffentlichen Diskurs dieser Zeit die Expertise der Ostdeutschen, jedenfalls der älteren ostdeutschen Generation für solche Umbruchphasen stärker in den Vordergrund zu rücken. Das hat meines Erachtens nach nahezu gar nicht stattgefunden." Das könnte auch gut in einer der Reden zum Festakt am Wochenende Platz finden, sagt Roth noch nachdenklich.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Oktober 2021 | 06:00 Uhr

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