Kommentar zu Regierungsbeschlüssen Die zweite Welle hätte verhindert werden können

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Nur mit Mühe haben sich Bund und Länder auf neue Corona-Maßnahmen geeinigt. Die neuen Grenzwerte für Einschränkungen des öffentlichen Lebens sind theoretisch ein guter Anfang, kommen aber angesichts der wachsenden Zahl von Risikogebieten viel zu spät. Dieses erneute Aufleben der Pandemie hätte man mit mehr Konsequenz verhindern können.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (2.v.r) tritt mit Markus Söder (r, CSU), Ministerpräsident von Bayern, und Michael Müller (vorne, SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, durch eine Tür. Jeder trägt eine Atemmaske.
Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Markus Söder (r.), Ministerpräsident von Bayern, und Michael Müller (vorne), Regierender Bürgermeister von Berlin, auf dem Weg in eine Pressekonferenz. Bildrechte: Stefanie Loos/AFP POOL/dpa

Ganze acht Stunden brauchten Kanzlerin und die sechzehn Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, um neue Anti-Corona-Maßnahmen zu beschließen. Am Ende war es nicht mehr als der berühmte kleine gemeinsame Nenner. Dabei drängt die Zeit. Die Zahlen steigen jeden Tag.

Noch tröstet sich mancher, dass es ja momentan vor allem die Jungen treffe und für sie eine Infektion angeblich nicht so schlimm sei. Auch wenn es dafür längst auch genügend Gegenbeispiele gibt. Aber wie lange gilt diese Milchmädchenrechnung noch? Schon jetzt trifft es wieder mehr Menschen in Pflege- und Altenheimen, wächst die Zahl der Intensivpatienten, steigt die Zahl der Toten.

Zu wenig Kontrolle der Corona-Maßnahmen

Der Kompromiss, bereits ab 35 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen mit ersten Gegenmaßnahmen, wie einer Ausweitung der Maskenpflicht im öffentlichen Raum, einer Sperrstunde und Kontakteinschränkungen, zu beginnen, ist sinnvoll, kommt aber zu spät. Denn in vielen Orten und Landkreisen ist dieser Wert bereits überschritten.

Der rasende Zug der Pandemie hätte bereits zu Beginn des Sommers aufgehalten werden müssen. Damals war bereits die Schmerzgrenze für schärfere Corona-Maßnahmen bei 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner festgelegt worden und es gab schon Maßnahmen wie Maskenpflicht oder Kontaktbeschränkungen. Nur schauten die politisch Verantwortlichen gern bei illegalen Partys, mangelnden Abständen in Kneipen und fehlenden Masken im Nahverkehr oder in Geschäften weg.

Was fehlte und jetzt auch weiter fehlen wird, ist die Kontrolle der Maßnahmen. Die wurde immer nur angekündigt. Deshalb sollten sich jetzt endlich die Ordnungsämter weniger um Knöllchen für falsches Parken kümmern, sondern um Verstöße gegen Abstandsgebote und Hygienebestimmungen, unterstützt von der Polizei. Und das auch mit spürbaren Bußgeldern, die weh tun und nicht nur mit folgenlosen Drohgebärden.

Die Rechnung zahlen wir alle

Nun müssen wir alle diesen laxen Umgang der Behörden mit den Corona-Regeln ausbaden, zum Beispiel mit einem Reiseverbot für Bewohner aus Risikogebieten, von denen es jeden Tag mehr gibt. Und das gerade in den Herbstferien. Denn was sonst bedeutet ein Beherbergungsverbot?

Nur wenn die Landesregierungen überall aufhören zu glauben, mit einer Gefälligkeitspolitik auf die Ungeduld der Bevölkerung angesichts der Einschränkung der Lebensqualität durch Corona reagieren zu müssen, werden wir die Krise bewältigen und möglicherweise auch verkürzen können. Ansonsten ist dieser Herbst mit den wachsenden Infektionszahlen nur das Vorspiel für einen Winter mit einem zweiten Lockdown. Das will doch wohl keiner.  

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Oktober 2020 | 05:00 Uhr

278 Kommentare

MDR-Team vor 29 Wochen

Hallo Kiel_oben,
geben Sie bei solchen Kommentaren bitte auch immer eine Quelle mit an. Beachten Sie dabei aber, das keine Links erlaubt sein.

Viele Grüße die MDR.de-Redaktion

Norbert 56 NRW vor 29 Wochen

Exakt so isses, wenn wir alles mit "take it easy" abtun wird der Schuss nach hinten losgehen. Es redet überhaupt keiner von Totalüberwachung. Aber wenn ein Teil der Bevölkerung sich bisher nicht an Regeln hält, wird Sie das auch nicht machen wenn diese verschärft werden. Was allerdings die Verkehrsüberwachung mit der Eindämmung einer Pandemie zu tun hat erschließt sich mir nicht. Besondere Umstände erfordern nun mal besondere Maßnahmen. Mir wäre i.ü.
oftmals wohler öfter einen Streifenwagen zu sehen als bisher. In den Randbezirken gibt es kaum noch eine Polizeiwache das ist dauerhaft keine Lösung. Wenn ich da an nächtlich entfernte Gullideckel denke oder an etliche PKW Brandstiftungen wird mir ganz seltsam. Eine gebrochene Radaufhängung wegen diesem Vandalismus reicht mir.

Kiel_oben vor 29 Wochen

Das Pharmaunternehmen IDT Biologika aus Dessau mischt bei der Erforschung mit und hat einen Impfstoffkandidaten entwickelt. Jetzt werden die Einzelimpfdosen nach Hamburg geschickt, um sie dort am Menschen testen zu lassen. Rund 750 Millionen Euro stehen zur Verfügung. Davon könnten neben BioNTech aus Mainz und CureVac aus Tübingen auch die Sachsen-Anhalter von IDT profitieren.

Mehr aus Politik

Mehr aus Deutschland