Interview "Querdenker", Verschwörungsideologen und der Krieg: "Ein Nährboden für faschistische Agitation"

Alexander Laboda
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

"Querdenker", Corona-Leugner und Rechtsextremisten finden mit dem Ukraine-Krieg ein neues Thema für Falschnachrichten und Verschwörungserzählungen. Nach Einschätzung des Leipziger Politikwissenschaftlers Johannes Kiess könnten vor allem die sozialen Folgen des Krieges für extremistische Hetze und Aufwiegelung genutzt werden.

Johannes Kiess, Politikwissenschaftler an der Universität Leipzig
Johannes Kiess ist Stellvertretender Direktor des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts für Demokratieforschung an der Universität Leipzig. Bildrechte: Universität Leipzig/Swen Reichhold

Ist der Ukraine-Krieg das neue große Thema von "Querdenkern", Verschwörungsideologen und Extremisten?

Extremistische Bewegungen brauchen immer Krisen für ihre Mobilisierung. Das ist die Logik, nach der ihre Ideologie funktioniert. Ein Krieg, eine solche Katastrophe mit all ihren Folgen, kommt diesen Akteuren deshalb gerade recht. Er ist für sie thematisch anschlussfähig. Exemplarisch sehen kann man des etwa bei den "Freien Sachsen". Die sagen, dass sie beim Thema Corona immer schon für Frieden, Freiheit und gegen Diktatur waren – und das behaupten sie eben auch jetzt mit Bezug zur Ukraine zu sein.

Wie wird der Krieg von diesen Bewegungen gedeutet?

Das Gros der rechtextremen Szene ist pro-russisch oder besser gesagt pro Putin. Das hat etwas damit zu tun, dass die russische Auslandspropaganda dort, in verschwörungsideologischen Kreisen und bei Corona-Leugnern in den vergangenen Jahren eine große Rolle spielte. Das können wir zum Beispiel in Analysen von Telegram-Kanälen nachweisen, dass Nachrichten etwa von RT Deutsch besonders oft geteilt werden. Daneben gibt es eine ideologische Nähe. Putin lässt sich als autoritärer Diktator charakterisieren. Und solch einen autoritären Führer wünschen sich die "Freien Sachsen" und andere.

Wie passt das zusammen mit Nachrichten von deutschen Rechtsextremisten, die angeblich auf Seiten der Ukraine kämpfen wollen?

Es gibt diese Ausnahmen. Deutsche und europäische Neonazis pflegen Beziehungen zu ihresgleichen in der Ukraine. Das ist für diese Personen jetzt natürlich ein Problem, weil sie in ihrer eigenen Blase hier in Deutschland zu einer Minderheit gehören, aber gleichzeitig ihre Kameraden in der Ukraine nicht im Stich lassen wollen. Insgesamt halte ich das aber für eine kleine Gruppe.

Welchen Erzählungen folgt die Mehrheit der "Querdenker" und Verschwörungsideologen?

Man glaubt ja den Medien und Eliten hier in Deutschland sowieso nichts. Entsprechend müsse auch die Berichterstattung über die Ukraine verlogen, falsch oder mindestens nicht ganz richtig sein. Und es müsse mehr dahinterstecken. Das ist die typische verschwörungstheoretische Vermutung. Konkret ist also nicht nur Putin schuld am Krieg, sondern die Nato mindestens genauso. Hinter dem Krieg stehen diesen Vorstellungen zufolge eigentlich die Amerikaner und dahinter letztendlich eine jüdische Weltverschwörung – so der harte Kern dieser antisemitischen Erzählung. Die Zuspitzung davon sehen wir auf Demos der "Freien Sachsen", wo behauptet wird, Soros und Rothschild verdienten am Krieg. Wie gesagt wird außerdem die russische Propaganda übernommen, wonach zum Beispiel Wolodymyr Selenskyj eine Marionettenregierung des Westens führt oder es um eine Demokratisierung und Entnazifizierung der Ukraine geht. Falschnachrichten und harte Verschwörungserzählungen gehen Hand in Hand.

Soros und Rothschild Die Namen Soros und Rothschild stehen in antisemitischen Verschwörungsmythen stellvertretend für zentrale Personen im Zentrum einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung. Konkret geht es dabei um George Soros, einen 91-jährigen US-Amerikaner, der in Ungarn geboren wurde. Soros entging der Verfolgung durch die Nazis in den 1930er und 1940er-Jahren und wurde später durch Finanzgeschäfte an der Wall Street zum Milliardär. Er gründete Stiftungen und setzte sich für gegen Autoritarismus und Nationalismus ein. Vermutlich wurde er durch dieses Engagement zum Feindbild vieler rechter Ideologen.

Noch viel weiter zurück reichen die Verschwörungsmythen um die Familie Rothschild, eine jüdische Familie, deren Stammreihe sich bis ins Mittelalter in Deutschland belegen lässt. Durch ihre erfolgreichen Finanzgeschäfte wurden die Rothschilds schon im 19. Jahrhundert zum Feindbild vieler europäischer Antisemiten. Bis heute steht der Name Rothschild für Verschwörungsmythen, die sich darum drehen, dass eine kleine, jüdische Elite die Fäden der Weltpolitik ziehen würde.

Hat der Krieg als Thema in diesen Milieus das gleiche Mobilisierungspotential wie die Corona-Pandemie?

Ich glaube, dass das Potenzial insgesamt weniger groß ist. Das behaupte ich, weil die Bilder des Krieges so eindeutig sind. Das Leid der Zivilbevölkerung ist einfach schrecklich. Daran lässt sich nichts verdrehen. Anders sieht es aus, wenn wir über die Folgen des Krieges sprechen. Wir haben jetzt schon mit höheren Energiekosten und gestiegenen Lebensmittelpreisen zu tun. Wir werden durch die vielen Geflüchteten Herausforderungen haben. Es drohen uns soziale Verwerfungen. Da spielt es am Ende gar nicht mehr die Rolle, ob Putin oder die Nato daran schuld sind. Das ist dann ein möglicher Nährboden für faschistische Agitation.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 22. März 2022 | 16:00 Uhr

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