Einkommensunterschiede Studie: Corona-Krise verstärkt soziale Ungleichheit

Eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt: Die Corona-Krise trifft diejenigen besonders hart, die schon vorher finanziell schlecht dastanden. Die Stiftung spricht von einer "besorgniserregenden Entwicklung".

Kurzarbeit, Entlassungen, weniger Jobangebote – auch wenn Politikerinnen und Politiker oft bekräftigen, dass Deutschland bislang gut durch die Krise kam – finanziell ging die Pandemie nicht spurlos an den Menschen vorbei. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat seit Beginn der Corona-Krise finanzielle Einbußen. Das belegt eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung zu Einkommensunterschieden. Die repräsentative Befragung von 25.000 Personen zeigt auch: Die Schere zwischen der armen und der reichen Bevölkerungsschicht ist seit Beginn der Pandemie größer geworden.

Je geringer das Einkommen, desto höher die finanziellen Einbußen

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat zwei große Befragungen durchgeführt. Der erste Teil bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 2010 und 2017 und der zweite Teil deckt die Zeit vom Beginn der Pandemie bis Juni dieses Jahres ab. Zeigte sich im ersten Zeitraum noch eine leicht abnehmende Einkommensungleichheit, nahm diese mit der Corona-Krise wieder zu.

Ein Kellner mit Mundschutz in einem Straßencafé
Das Gastgewerbe ist besonders von finanziellen Einbußen betroffen. Bildrechte: limago images / ZUMA Wire / Jordi Boixareu

Von finanziellen Einbußen bis Juni besonders betroffen waren Personen aus dem Gastgewerbe, freiberuflich Tätige, Selbstständige, Menschen in Kurzarbeit sowie Eltern. Und auch diejenigen, die schon vor der Krise in prekären Beschäftigungsverhältnissen waren sowie Menschen mit Migrationshintergrund sind finanziell stärker von der Krise betroffen. Die Befragung zeigt einen deutlichen Trend: Je weniger Einkommen eine Person vor der Krise hatte, desto stärker sind auch die finanziellen Verluste, die sie seit Beginn der Pandemie hatte.

Sie arbeiten oft an den Rändern des Arbeitsmarktes. Dort werden sie nur unzureichend durch Schutzmechanismen in den Sozialversicherungen oder durch Tarifverträge erfasst, die viele Beschäftigte im mittleren Einkommensbereich bisher recht effektiv vor drastischen Einkommenseinbußen bewahrt haben.

Bettina Kohlrausch Wissenschaftliche Direktorin des WSI, zur Situation der unteren Einkommensgruppe

Prognose: In Zukunft wird soziale Ungleichheit noch stärker

Die Ergebnisse der jüngsten Studie beziehen sich nur auf den Zeitraum bis Juni. In Anbetracht der Entwicklung seitdem und des zweiten Lockdowns im November befürchtet Andreas Hövermann, Ko-Autor der Studie, noch stärkere finanzielle Probleme bei der ärmeren Bevölkerung und dadurch in Zukunft auch eine wachsende soziale Ungleichheit. Direktorin Kohlrausch spricht von einer "besorgniserregenden Entwicklung".  Die Situation sei für die unteren Einkommensgruppen existenzbedrohend und könne auch für die gesamte Gesellschaft eine destabilisierende Wirkung haben.

Menschen mit Einkommensverlusten sind empfänglicher für Verschwörungsideologien

Eine weitere Konsequenz aus den Einkommensverlusten der ärmeren Bevölkerung ist eine größere Skepsis gegenüber dem System. Wer von finanziellen Einbußen durch die Krise besonders betroffen ist, sei politischen Maßnahmen gegenüber kritischer eingestellt. Direktorin Kohlrausch warnt davor, dass die finanziellen Verluste zu weniger Vertrauen in die Demokratie führen könnten. Studien-Ko-Autor Hövermann geht in der Erklärung der Auswirkungen für Menschen mit wenig Einkommen noch einen Schritt weiter: "Sie zeigen sich im Durchschnitt sogar empfänglicher für Verschwörungsmythen zur Pandemie."

Institutsdirektorin fordert schnelles Handeln von der Politik

Kohlrausch fordert ein rasches Handeln von der Politik. Für eine soziale Absicherung der unteren Bevölkerungsgruppe müsse es für diese mehr Kollektiv- oder Tarifverträge geben, also feste oder branchenweite Vereinbarungen zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern. Diese seien vor allem in der Krise "Aktivposten unserer sozialen Marktwirtschaft". Zudem müsse man Haushalte mit geringerem Einkommen besser vor noch mehr Verlusten schützen.

Arbeitsministerium verweist auf bisherige Maßnahmen

Eine Sprecherin des Bundesarbeitsministeriums verweist auf Anfrage von MDR AKTUELL auf eine Anpassung der Mindestsicherungssysteme, die Einbußen aufgrund der Corona-Krise abmildern sollen: "So wurde der Zugang zur Grundsicherung seit März 2020 vereinfacht. Dadurch wird beispielsweise die Vermögensprüfung für sechs Monate ab Bewilligung grundsätzlich ausgesetzt und die Wohn- und Heizkosten werden voll anerkannt."

Der Sprecherin zufolge profitieren Eltern während der Krise auch vom sogenannten Starke-Familien-Gesetz. Das sehe Unterstützung für Schulbedarf, Tickets oder Mittagessen vor. Zudem verweist das Ministerium auf den Kinderbonus: "Mit diesen 300 Euro zusätzlich wollen wir die Familien unterstützen, die coronabedingt in den letzten Wochen und Monaten besondere Belastungen schultern."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. November 2020 | 16:00 Uhr

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