Unter der Lupe | Kolumne Wie geht’s? – Bestimmt bald besser!

Sarah Frühauf
Bildrechte: MDR/Lars Jeschke

Es ist das zweite Osterfest in Pandemie-Zeiten. Hinter Deutschland liegt ein Winter, der irgendwie nicht enden wollte – und vor dem Land nun doch ein Frühjahr, das man sich anders erträumt hatte. Das drückt auf die Laune. Doch wir müssen dringend raus aus dem Stimmungstief. Sonst dauert die Pandemie ewig.

Am Potsdamer Platz steht auf einem Plakat "„#Stayathome - „Aufgeben ist keine Option"“.
In Berlin prangten vor einem Jahr diese Plakate am Straßenrand – und leider gilt ihre Botschaft auch zum diesjährigen Osterfest. Aber: Aufgeben ist keine Option – so sieht das auch MDR-Korrespondentin Sarah Frühauf. Bildrechte: dpa

Meine Familie hatte sich vergangenes Weihnachten geschworen, an Ostern das nachzuholen, was zu dem Zeitpunkt nicht möglich war: Ich habe mir während der letzten Monate also ausgemalt, wie wir gemeinsam befreit vom Virus in ein Restaurant gehen, mit Freunden in Parks picknicken und vielleicht sogar zu einer Open-Air-Veranstaltung gehen. Dabei musste ich immer an Goethes Osterspaziergang denken:

Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
hier ist des Volkes wahrer Himmel,
zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein.

Johann Wolfgang von Goethe 1749 - 1832
Unter der Lupe: Sarah Frühauf
Sarah Frühauf wirft einen Blick zurück auf die letzten Monate während der Corona-Pandemie. Bildrechte: MDR

Doch der Mensch darf gerade nicht so viel. Die dritte Welle rollt nicht nur auf Deutschland zu, sie hat das Land mit voller Wucht getroffen. Ja, ich bin enttäuscht. Genervt. Will nicht mehr. In den sozialen Netzwerken kursiert seit ein paar Tagen der Begriff "mütend". Eine Wortneuschöpfung aus wütend und müde. Passt, dachte ich. Doch dann fragte ich mich: Warum bin ich eigentlich so müde? Und auf wen so wütend?

Corona-Krise ist permanent präsent

Das Pandemie-Jahr hatte für alle seine Herausforderungen. Für uns Hauptstadtjournalisten bedeutete es vor allem mehr Arbeit. Denn alle Augen blickten auf die Entscheidungen, die in Berlin getroffen wurden. Natürlich ist unsere Arbeitsbelastung nichts im Vergleich zu dem, was Ärzte und Pfleger auf den Stationen im Kampf gegen das Virus leisten. Was uns aber eint, ist, dass die Krise permanent präsent ist. Sie ist unser Job, sie bestimmt unser Privatleben.

Ich verstehe jeden, der sagt: Ich kann es nicht mehr hören! Die Zuversicht, die Politiker immer wieder versucht haben zu verbreiten, hat mich zunächst getröstet. Als es vor dem Lockdown im November hieß, das Land müsse nur einen Monat durchhalten, dann wäre ein fast normales Weihnachtsfest möglich, habe ich daran geglaubt. Und auch als die Kanzlerin noch vor ein paar Wochen versprach, das Frühjahr 2021 werde anders als das vergangene, war ich ein wenig beruhigt.

Darf die Politik Versprechen machen?

Diese Versprechen konnte die Politik nicht einhalten. Das hat mich geärgert, aber vielleicht war ich einfach zu naiv. Virologen haben von Beginn der Pandemie an immer wiederholt, dass das Virus uns sehr lange beschäftigen wird. Der Direktor der WHO für Europa, der Belgier Hans Henri Kluge, prognostiziert nun ein Ende der Krise für Anfang des nächsten Jahres.

Ich wollte nicht wahrhaben, dass sich der Alltag für so lange Zeit grundlegend ändert. Doch ohne Perspektive: Hätten wir uns an die Corona-Regeln gehalten? Ich glaube nicht. Dabei basiert die Pandemie-Bekämpfung im Grunde auf Freiwilligkeit. Die Behörden haben nicht die Kapazitäten, Kontaktbeschränkungen, Reiseverbote und Maskenpflicht zu ahnden. Die Bürger müssen "mitmachen wollen". Mittlerweile glaube ich, dass auch die Versprechen von Merkel, Spahn und Co. die Menschen haben durchhalten lassen. Es ist eine schwere Abwägung: Darf man etwas versprechen, auch wenn man nicht weiß, ob man es halten kann, weil der Zweck ein guter ist?

Durchhalteparolen seit mehr als einem Jahr

Ich finde: Ärger auf die zuletzt kopflose Pandemiepolitik der Bundesregierung ist gerechtfertigt. Wut hat allerdings nur das Virus verdient. Doch was bringt es, gegen etwas Groll zu hegen, das sich darum nicht im Geringsten schert? Dann ist Wut nur eine Verschwendung von Kraft. Doch wir brauchen gerade nichts dringender als Kraft, um weiter durchzuhalten.

Es ist eine einfache Logik: Geben wir jetzt auf, lassen wir nun locker, verbreitet sich das Virus schneller, mutiert womöglich zu noch gefährlicheren Varianten und die Pandemie schleppt sich immer länger. Ja, Durchhalteparolen gibt es seit mehr als einem Jahr. Kaum einer will sie noch hören. Muss man auch nicht, wenn man es schafft, sich selbst Mut zuzusprechen. Denn, und auch dieser Satz ist nicht neu: Jeder bestimmt selbst, ob sein Glas halb leer oder halb voll sein soll.

Nächstes Jahr wird es wieder anders sein

Nach einem langen, gefühlt unendlichen Corona-Winter versuche ich mein Glas mal wieder aufzufüllen, die Schreckensnachrichten auch mal auszublenden und Kraft zu tanken: So schreibe ich diesen Text im Homeoffice, auf meinem Balkon. Es scheint die Sonne, der Frühling ist endlich da. Die Hoffnung auf einen halbwegs normalen Sommer lasse ich mir nicht nehmen.

In Deutschland geht die Zahl der Corona-Toten zurück. Eine meiner mir liebsten Verwandten hat die erste Impfung erhalten. Das und die Kombination mit Schnelltests lässt es uns wagen, uns an Ostern zu treffen. Es gibt also einen Osterspaziergang. In ganz kleiner Runde, aber immerhin. Nächstes Jahr wird es dann wieder anders sein. Das muss mir keiner versprechen, daran glaube ich!

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 04. April 2021 | 19:30 Uhr

252 Kommentare

Sonnenseite vor 7 Tagen

"Tja Sonnenseite, einen Epidemiologen wie Karl Lauterbach, dessen Einschätzungen in der Pandemie fast immer zutrafen, kann man durchaus als Experten ansehen."

Was hat denn Lauterbach eingeschätzt? Nichts! ☝️

Er hat immer nur vor einer nächste Welle Panik gemacht und wollte immer alles schließen. 😱
Und wenn es nicht zugetroffen hätte, wäre es auch egal gewesen und ihnen erst recht @Peter. 🙄


DER Beobachter vor 7 Tagen

Ioannidis hat noch nicht mal ein Semester Epidemologie gehört und "argumentiert" mit nicht verifizierten Zahlen von vorm Herbst. Lauterbach hat u.a. mehr als ein Semester als bereits studierter Mediziner in Harvard gehört, auch wenn das in der Szene gern anders kolportiert wird...

DER Beobachter vor 7 Tagen

Doch, Sie haben nonsensverallgemeinernd "Politikern" eine nonsensverallgemeinernde "Lehre" geschrieben, die Sie als solche entweder nicht formulieren können oder nicht formulieren wollen. Bitte Butter bei die Fische...

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