Unter der Lupe – die politische Kolumne Geschlechterkampf am Frühstückstisch

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Über das Gendern in der deutschen Sprache wird viel gestritten. Immer öfter verwenden auch Journalistinnen und Journalisten gendergerechte Formulierungen in ihren Texten und Beiträgen. Damit versuchen sie, gegen die immer noch bestehende Ungleichheit zwischen Frau und Mann in unserer Gesellschaft anzuschreiben oder anzusenden. Trotzdem ist man sich in vielen Redaktionen nicht einig, ob man sich mit diesem Wandel in der Sprache nicht zu sehr von den Lesern, Hörern und Zuschauern entfernt.

Ein Gendersternchen liegt auf einem rosa Untergrund.
Gleichberechtigte Sprache: überfällig oder überflüssig? Bildrechte: dpa

Sonntagmorgen. Endlich mal Zeit, in Ruhe zu frühstücken und miteinander zu reden. Aber auch gefährlich. Schnell kann zwischen Butterdose und Marmeladenglas eine Frontlinie verlaufen. Schon einfach deshalb, weil auf der einen Seite Frau, auf der anderen Mann sitzt, erschwerend hier aus West, da aus Ost und beide Journalisten, von denen es eh jeder besser weiß. Seit gut einem halben Jahr führen wir dort einen Stellungskrieg um ein berufliches Thema: Das Gendern.

Pro und Contra Gendern in der Familie

Meine Frau ist natürlich Pro und fährt immer gleich dicke Geschütze auf. Gendern sei die Antwort auf das jahrhundertelange Unrecht, das Frauen widerfahren sei. Und noch immer würden sie in dieser Männergesellschaft unterdrückt.

"Geht's auch eine Nummer kleiner?", denke ich mir. Klar weiß ich, dass Frauen immer noch weniger verdienen, seltener Führungspositionen besetzen und die Gleichheit von Mann und Frau per Grundgesetz für viele nur auf dem Papier steht. Aber trotzdem ist meine Verteidigungslinie klar contra. Begründung: Gendern ist abgehoben. Als Journalisten sollten wir keine andere Sprache sprechen als unser Publikum. Ich krame aus meinem Geschichtsunterricht noch die Erfolgsstory der Gebrüder Grimm aus. Sie schufen eine gemeinsame deutsche Sprache, nachdem früher an den Höfen Französisch und bei den einfachen Leuten Deutsch geredet wurde.

Grafik: Mann und Frau, ausgeglichen auf einer Waage 4 min
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Für die einen ist es Gendergaga oder Genderwahn – auf der anderen spricht man von Sexismus und toxischer Maskulinität: Bei gendergerechter Sprache scheinen die Fronten verhärtet. Aber es gibt auch gemäßigte Stimmen.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 14.08.2020 18:00Uhr 04:23 min

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Unterschiedliche Sicht auf Emanzipation in Ost und West?

So sitzen wir des Öfteren am Frühstückstisch in unseren geschlechtsspezifischen Schützengräben. Lange geht es nicht vor und nicht zurück. Bis auf kleine Scharmützel. Meine Frau berichtet freudestrahlend, der USA-Korrespondent vom Deutschlandradio würde jetzt auch gendern. Seine Töchter hätten ihm gesagt, ohne Gendern wirke er alt. "Na und", erwidere ich. Männer in der Midlife-Krise kaufen sich auch grelle rote Turnschuhe oder beginnen zu joggen, um wieder jung zu wirken und bei jungen Frauen zu landen, die ihre Töchter sein könnten. Ein anderes Mal besucht uns eine gleichaltrige Freundin meiner Frau und gendert, als hätte sie als Kleinkind nichts anderes gelernt. Nachdem sie das Haus verlassen hat, wird mir das natürlich gleich aufs Butterbrot geschmiert, perlt aber ab: "Heike bewegt sich doch nur in Uni-Kreisen oder in Gutmenschen-Organisationen, weit weg von den normalen Menschen."

Ich ziele bei meinen kleinen Vorstößen auf die Herkunft meiner Frau: Was kann die Sprache dafür, dass ihr als Frauen früher im Westen und jetzt in Gesamtdeutschland immer noch emanzipatorisch hinterher seid und das jetzt mit Gendersternchen und Binnen-I aufholen wollt. Wir im Osten waren viel weiter. Meine Schuldirektorin: eine Frau. Meine Dozentin: eine Frau. Meine erste Chefin: eine Frau. Noch Fragen?

Leider entpuppen sich meine Trümpfe beim gemeinsamen Ansehen des DEFA-Dokumentarfilms "Winter adé" im letzten Herbst als Blindgänger. Regisseurin Heike Misselwitz hat mit ihrer filmischen Reise 1988 von Chemnitz zur Ostsee gezeigt, dass Gleichberechtigung in der DDR, wie so vieles, nur ein Potemkinsches Dorf war: Die Designerin einer Werbeagentur erzählt von einer Auszeichnungsveranstaltung, bei der sie die einzige Frau war; zu sehen sind bei einem Festakt zum Frauentag die bräsigen Männer des SED-Politbüros, in dem es bis auf zwei Kandidatinnen keine Frauen gab; und dann gibt es in diesem Film noch eine junge Frau, die mit einem sehr schweren Hammer den ganzen Tag durch die Brikettfabrik Altenburg läuft und die Rohre freiklopft. Emanzipation "made in GDR". Nach Ende des Films räumte ich still meine Vorposten.

Nicht alle Journalistinnen sind für geschlechtergerechte Sprache

Aber dann gelang mir die Eröffnung einer Art zweiter Front. Zwei Kolleginnen unterstützten meine Position. Beide fürchten, dass wir uns als Journalisten durch gegenderte Sprache von unserem Publikum entfernen. Viele könnten einfach nicht nachvollziehen, warum jetzt mit "Gender_Gap" zum Beispiel immer von Mitarbeiter_innen gesprochen wird. Dann versetzte auch noch meine 14-jährige Nichte Amelie aus einem niedersächsischen Dorf meiner Frau beim Familienbesuch den emanzipatorischen Tiefschlag. Sie suchte nach einem Thema für ein Schulreferat über ein aktuelles politisches Thema. Kati schlug ihr die aktuell diskutierte Frauenquote vor. Das fand Amelie langweilig. Der Argumentation meiner Frau, es sei doch ungerecht, dass sie fast nur Lehrerinnen an ihrer Schule unterrichteten, aber der Direktor ein Mann sei, konterte sie trocken mit dem Satz: "Vielleicht können es Männer einfach besser." Nur zur Klarstellung: Diese Position teile ich nicht. Aber dem Kind droht nun beim alljährlichen Urlaub mit der Tante ein feministisches Trainingslager. Auf der Rückfahrt sagte meine Frau: "Da siehst du es, wie Bilder und Sprache das Verhältnis prägen. Amelie sieht als Direktor einen Mann und es wird immer nur von Lehrern geredet und schon glaubt sie, es sei richtig, dass Männer überall das Sagen haben." Dann herrschte Funkstille.

Eigener Testlauf im Gendern: Paarform, geschlechtsneutrale Formulierung, Genderstern

Es war dann ein Bild und die Sprache in der dazugehörigen Nachricht, die mich in unserem linguistischen Krieg zum Rückzug bewegten. Es war ein Erlebnis bei einer etwas ruppigen Demonstration in Berlin wenig später. Ich sah, wie ein Wurfgeschoss einen Polizisten traf. Er brach zusammen, Kollegen zogen ihn zurück. Dem Verletzten wurde der Helm abgenommen. Zu sehen war das schmerzverzerrte Gesicht einer Polizistin. Am nächsten Tag war in der Polizeimeldung nur von sieben verletzten Polizisten die Rede, aber nicht von verletzten Polizistinnen. Doch die musste es gegeben haben, mindestens eine. Und so ist es immer bei derartigen Meldungen. Die mangelnde Berücksichtigung der uns schützenden und nun verletzten Frau ärgerte mich. Doch so läuft es auch im täglichen Journalismus oft. Wir reden in unseren Beiträgen von Arbeitern, von Lehrern, von Ärzten, von Soldaten. Ungleichheit oder auch ungleiche Behandlung von Frauen findet in der Sprache über das sogenannte generische Maskulinum statt. Es begegnet uns im Alltag, ohne dass wir uns daran stören: Mit dem Schild "Radfahrer absteigen" oder der Bezeichnung "Bürgeramt".

Unter der Lupe: Tim Herden
In der wöchentlichen Kolumne "Unter der Lupe" gibt Hauptstadt-Korrespondent Tim Herden seine persönliche Meinung zum politischen Geschehen ab. Bildrechte: MDR

Nun wollte ich nicht gleich die weiße Fahne hissen, sondern es war eher ein Wandel durch Annäherung. Ich testete die verschiedenen Arten von gendergerechter Sprache auf ihre Praktikabilität für meine Fernsehbeiträge. Länger als eine Minute und dreißig Sekunden werden die Beiträge meist nicht und so kämpft man mit jedem zusätzlichen Wort gegen die Zeit. Zum Beispiel beim Dauerthema Corona. Aber die sogenannte Paarform wie Virologinnen und Virologen ist schon zwei Worte mehr statt des einfachen generischen Maskulinums Virologen. Alternativ suche ich also nach einer geschlechtsneutralen Formulierung, einer weiteren Form des Genderns. Da wird es bei Virologen noch schwieriger. Die Internetseite "geschicktgendern" lässt mich im Stich. Unter Virologe finde ich "noch kein passender Begriff gefunden". Das ist übrigens kein Einzelfall. Ich denke, Virologen sind ja auch Forscher. Dafür gibt es gleich mehrere Angebote: "Forschende; wissenschaftliches Personal der Universität; Menschen, die in der Forschung tätig sind; Forschungsteam."

Neue Probleme bei der Umsetzung: Der Ersatz "am Virus Forschende" ist nicht unbedingt kürzer als die Parallelform und klingt umständlich. Gleiches gilt für "Menschen, die in der Virusforschung tätig sind". Ich habe überhaupt mit genderneutralen Formulierungen selbst bei einfacheren Übersetzungen aus dem generischen Maskulinum oder der Paarform wie Studenten in Studierende, Mitarbeiter in Mitarbeitende, Autofahrer in Autofahrende ein Problem. Diese Bezeichnungen wirken auf mich recht entmenschlicht. Aber wir sind doch Menschen und das muss durch die Sprache auch zu spüren sein. Also auch abgewählt.

Bleibt noch der Genderstern, wie Virolog*innen. In den entsprechenden Ratgebern für gendergerechte gesprochene Sprache wird es als "stimmloser glottaler Verschlusslaut" beschrieben. Er entsteht durch das kurze vollständige Schließen der Stimmbänder und soll so mit der Lücke beim Sprechen die Ungleichheit zwischen Frau und Mann zum Ausdruck bringen. Ich kann mich mit diesem Knacklaut nicht anfreunden. Es behindert meinen Sprachfluss.

Am Ende ein Kompromiss

Warum lesen wir nicht einfach darüber hinweg und nutzen gleich die Pluralform ohne Genderstern. Frauen stellen doch sowieso mit 50,7 Prozent die Mehrheit in der Bevölkerung. Also Virologinnen. Einmal benutzt in einem Text ecke ich gleich mal beim Chef vom Dienst an. Natürlich einem Mann. Er könnte sich natürlich nun auch diskriminiert fühlen, wenn nur noch das generische Femininum verwendet werden würde. So scheint die Paarform für mich der einzig gangbare Weg zu Gendern zu sein, der gleichzeitig für meine Zuschauer nicht abgehoben wirkt. So konnte ich dann auch einen Waffenstillstand am Frühstückstisch schließen.

Liebe Leserinnen und Leser, was sagen Sie dazu?

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. Januar 2021 | 06:00 Uhr

233 Kommentare

Gerd Mueller vor 25 Wochen

endlich wird sich neben Corona mit wirklich weltbewegendem ...
Freitagsdemo ist verpufft weil die Kids immer frei haben ...
Leerdenkende sich mehrheitlich rechts radikalisieren ...
wir aufs Impfen und Feiern warten dürfen ...
uns Atheisten mit Bibelbeufassungen überraschen ....

jackblack vor 25 Wochen

Bitte auch Mörder und Mörderinnen, Täter und Täterinnen und was wird aus DUMMKOPF.........IDIOT usw.oder auch DER BERG. die BERGINNEN -Gendern ist FALSCH.

Demokrat vor 25 Wochen

Sahra Wagenknecht kritisiert Intoleranz im linksliberalen Milieu, bzw. eben einen Linksilliberalismus, ein falsches und unduldsames Moralisieren von Debatten.
Das betrifft zwar primär "gecancelt", trifft aber auf "gegendert! wohl ebenso zu!

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