Unter der Lupe | Kolumne Identitätspolitik: Der Streit um das eigene Ich und das gemeinsame Wir

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Der Streit um die Identitätspolitik wird immer heftiger geführt. Dabei geht es um die Rechte von sexuellen, religiösen, kulturellen und ethnischen Minderheiten. Verstärkt wurden die Diskussionen durch die "Black Lives Matter"-Bewegung nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd im vergangenen Mai. Inzwischen radikalisiert sich die Debatte immer stärker und droht - statt zu einen - die Gesellschaft zu spalten.

Mit einem Transparent mit der Aufschrift zur gleichnamigen Demonstration unter dem Motto: ?The future is intersectional ? queer perspectives? zieht ein Demonstrationszug durch Leipzig. Die Veranstalter der wollen fordern gleiche Rechte für Trans- und Nicht-Binäre-Personen sowie weltweite Solidarität mit Queeren. Es wurden 500 Teilnehmer für die Demonstration angemeldet.
Eine Frage der Perspektive: Die Mehrheit in Deutschland ist weiß und heterosexuell. Sie ist, wenn überhaupt, äußerst selten persönlich von rassistischer oder sexueller Diskriminierung betroffen. Bildrechte: dpa

Als Kind spielten wir Cowboy und Indianer. Inspiriert von den DEFA-Indianerfilmen mit Gojko Mitic oder den Karl-May-Western mit Pierre Brice tobten wir durch die Gärten, mit Federschmuck im Haar sowie Pfeil und selbstgebautem Bogen in der Hand. Wir wollten Chingachgook oder Winnetou sein. Old Shatterhand gab es natürlich auch. Irgendwann wurde dann die große Freundschaft zwischen "dem roten und dem weißen Mann" beschworen, nachdem man meist unsichtbare Gegner besiegt hatte. Ob das heute noch so ginge? Einfach die Identität eines anderen, noch dazu einer ethnischen Minderheit anzunehmen?

Wenn es nach den Vertretern der linken Identitätspolitik geht, ist das nicht mehr möglich, weil die Gefühle der Minderheit verletzt werden und es "rassistische Praxis der kulturellen Aneignung" sei. Wahrscheinlich würden sie die Wiederholung aller Filme, in denen ein weißer Mann die Rolle eines Indianers übernommen hat, für immer in den Archiven verschwinden lassen.

Gedicht wird zum Streitfall der Identitätspolitik

So gibt es gerade eine Debatte im Feuilleton-Teil der Zeitungen und den sozialen Netzwerken über die Frage, ob eine weiße Übersetzerin oder ein weißer Übersetzer das Gedicht einer schwarzen Lyrikerin übersetzen darf? Es handelt sich um das Gedicht "The Hill We Climb" von Amanda Gorman, vorgetragen bei der Amtseinführung von Joe Biden. Sie erzählt darin von ihrer Herkunft, von ihren Vorfahren, die Sklaven waren, beschreibt Amerika als ein unvollendetes Land. Und sie rief zur Versöhnung auf. Nun scheint das Gedicht eher zu spalten.

Die Lyrikerin Amanda Gorman bei der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden am Kapitol in Washington (20. Januar 2021).
US-Lyrikerin Amanda Gorman Bildrechte: dpa

Verfechter einer radikalen Identitätspolitik fordern, dass nur eine schwarze Frau das Gedicht einer Afroamerikanerin übersetzen dürfe. Somit waren die niederländische Autorin Marieke Luca Rijeneveld und der katalanische Übersetzer Victor Obiols raus. Dieser kommentierte die Entscheidung lakonisch:

Wenn ich eine Dichterin nicht übersetzen kann, weil sie eine junge, schwarze Frau ist, eine Amerikanerin des 21. Jahrhunderts, kann ich Homer auch nicht übersetzen, weil ich kein Grieche des 8. Jahrhunderts vor Christus bin.

Victor Obiols Katalanischer Übersetzer

Sollten nur noch Frauen Bücher von Autorinnen übersetzen?

Wenn man das weiterdenkt, dürften zukünftig nur Frauen Bücher von Autorinnen übersetzen und Männer Bücher von Autoren. Natürlich muss auch die ethnische Herkunft und wenn möglich die sexuelle Orientierung stimmen. Die Frage ist, ob dann jede und jeder in Bewerbungen oder Lebenslauf zum Outing der jeweiligen sexuellen Identität gezwungen werden soll. So jedenfalls scheint es der Wunsch der Identitätsaktivisten zu sein. Aber wen geht das eigentlich etwas an. Ist das nicht Privatsache und will ich das wirklich wissen?

Kann eine Gesellschaft allen gerecht werden?

Wolfgang Thierse, damals Mitglied des Neuen Forums
Wolfgang Thierse, SPD-Politiker, Ex-Bundestagspräsident und früher Mitglied des Neuen Forums hat mit seinen Wortmeldungen eine Debatte um linke Identitätspolitik ausgelöst. Bildrechte: MDR/Tellux

Wer diesen Absolutismus in Frage stellt, kann zum Beispiel schnell vom anerkannten Sozialdemokraten zum rückwärtsgewandten Genossen degradiert werden und bekommt es von der eigenen Parteivorsitzenden Saskia Esken und ihrem Stellvertreter Kevin Kühnert bescheinigt. So ist es Wolfgang Thierse ergangen. Er ist nun sicher unverdächtig, ein Rassist oder ein rechtsradikaler Denker zu sein. Er hatte in einem Artikel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" unvorsichtig die Frage gestellt, wie viel Identitätspolitik die Gesellschaft verträgt.

Thierse fürchtet, dass linke Identitätspolitik "in ihrer Entschiedenheit in der Gefahr ist, nicht akzeptieren zu können, dass nicht nur Minderheiten, sondern auch Mehrheiten berechtigte kulturelle Ansprüche haben und dies nicht nur als bloß konservativ oder reaktionär oder gar als rassistisch denunziert werden sollte".  Er sorgt sich, dass dieses Thema die notwendige Debatte um soziale Gerechtigkeit in den Hintergrund drängt.

Zum Begriff Identitätspolitik Seit einigen Jahren wird vermehrt über Identitätspolitik diskutiert – meist in Form von Kritik an Teilen der Linken und ihrer vermeintlichen Fixierung auf die Rechte von Minderheiten. Die Vorwürfe lauten unter anderem: Identitätspolitik fragmentiere die Gesellschaft, sie fördere einen Opferwettbewerb, und sie lenke vom Wesentlichen ab, nämlich von sozialer und ökonomische Benachteiligung.

Unter der Chiffre "Identitätspolitik" lässt sich eine grundlegende Debatte darüber führen, was demokratische Gesellschaften spaltet: Sind es Fragen über Kultur und Zugehörigkeit oder verteilungspolitische Fragen? Protestieren Menschen auf den Straßen und an den Wahlurnen, weil sie sich von Fremdheit bedroht fühlen oder von Armut – oder von einer Kombination aus beidem?

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung

Stigmatisierung von Kritikern der Identitätspolitik

Unter der Lupe: Tim Herden
In der wöchentlichen Kolumne "Unter der Lupe" gibt Hauptstadt-Korrespondent Tim Herden seine persönliche Meinung zum politischen Geschehen ab. Bildrechte: MDR

Noch sind wir nicht ganz so weit wie in den USA, wo eine vermeintlich falsche Formulierung, ein nicht mehr gebräuchliches Wort in akademischen Kreisen oder im Journalismus zum Karriereende führen kann. Aber Thierse scheint nun besonders in den Kreisen der linken SPD verbrannt zu sein und dort auf eine Stufe mit Thilo Sarrazin gestellt zu werden.

Denn auch in unserem Land  neigen Anhänger einer radikalen Identitätspolitik immer öfter zur Stigmatisierung von Politikern, Publizisten und Wissenschaftlern und versuchen sie, manchmal durchaus mit Erfolg, mundtot zu machen. Bekannt auch als "Cancel Culture". Besonders an Hochschulen macht sich deshalb unter den akademischen Lehrkräften Verunsicherung breit. Der amerikanische und schwarze Linguistikprofessor John McWhorter warnt im Magazin "Spiegel", dass "die Freiheit der Kunst und auch die intellektuelle Debattenkultur zunehmend abgelöst werden durch eine quasireligiöse Weltanschauung". Das erschreckt mich!

Noch viel Luft nach oben bei Minderheiten-Rechten

Schild mit der englischen Aufschrift "Transrechte sind Menschenrechte"
In Australien hat das Parlament 2019 ein Gesetz für das dritte - unbestimmte -Geschlecht in Geburtsurkunden eingeführt. Auf dem Plakat ist zu lesen: "Transrechte sind Menschenrechte". Bildrechte: imago images / AAP

Man muss sich nichts vormachen: Es wird nicht gelingen, jedem Einzelnen in einer Gesellschaft gerecht zu werden. Aber bei der Anerkennung von Minderheiten und der Rücksichtnahme auf ihre Lebensumstände ist noch viel Luft nach oben. Das beginnt bei der Sprache und damit schon in der Schule. Dort muss über diskriminierungsfreie Wortwahl aufgeklärt werden. In anderen Ländern ist man wesentlich weiter bei den Bemühungen, die Bedürfnisse und Forderungen der LGBT-Bewegung zu erfüllen.

Ich frage mich schon ewig, warum ich bei Bestellungen im Netz immer angegeben muss, ob ich Herr oder Frau bin - mal ganz zu schweigen, warum immer Herr vor Frau kommt. Gleiches gilt für viele amtliche Formulare. Weg damit. Auch bei Geschäftspost kann das Frau und Herr auf dem Adressaufkleber verschwinden. Für Bewerbungen gibt es längst anonymisierte Verfahren, durch die Geschlecht und ethnische Herkunft nicht ersichtlich sein sollten. Sie müssen nur konsequenter angewendet werden.

An anderer Stelle ist die Gesellschaft längst weiter als es oft in den Netzwerken der entsprechenden sozialen Bewegungen beschrieben wird. Es gibt die "Ehe für alle" und für Trans-Inter-Personen wurde der Ergänzungsausweis eingeführt, mit Unterstützung des Innenministeriums. Er hilft den Betroffenen, so lange die Namen- und Personenstandsänderung noch nicht vollzogen ist, sich in ihrem Sinne auszuweisen und so Diskussionen über ihre Identität bei amtlichen Vorgängen und Personenkontrollen zu vermeiden. Nur muss er natürlich von allen Institutionen anerkannt werden.

Verbale Abrüstung in der Debatte

Die Gegenseite muss allerdings auch verbal abrüsten und eine Bereitschaft entwickeln, wie es der Politikwissenschaftler Peter Brandt forderte, "auch mal durch die Augen des jeweils anderen zu sehen", und das nicht nur von der Mehrheitsgesellschaft verlangen.

Mach mal...! – Augen auf 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und da ist der Tonfall in der Auseinandersetzung. Was Aktivisten linker Identitätspolitik in sozialen Netzwerken posten, steht der rechtsradikalen Seite in der Wortwahl keineswegs nach. So hieß es in einer Mail an Wolfgang Thierse:

Wer schwulenfeindliche, reaktionäre, hinterwäldlerische, faschistoide Dreckscheiße von sich gibt, muss mit so einer Reaktion rechnen. Treten Sie zu den Religionsfaschisten von der Union über und werden Sie dort glücklich. Ein verärgerter schwuler Genosse.

Aus einer E-Mail an SPD-Politiker Wolfgang Thierse

Und dabei zählt sich auch dieser Genosse  sicher zu den Guten und lehnt Hass-Kommenare ab oder möchte auch keine in dieser Ausdruckweise verfassten Posts erhalten. Zudem läuft diese Bewegung mit vielen Forderungen Gefahr, die Gesellschaft mehr zu spalten als zu einen. Wenn nur noch Schwarze Texte von Schwarzen übersetzen dürfen, Japaner nur noch Texte von Japanern und Homosexuelle nur noch Rollen von Homosexuellen im Theater oder Filmen spielen oder nur ein Muslim über den Koran schreiben kann, führt das zwangsläufig zu separatistischen Tendenzen in unserer Gesellschaft. Damit droht, und da gebe ich Thierse Recht, am Ende statt mehr Pluralität eine Spaltung. Und genau das will ich nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Februar 2021 | 12:11 Uhr

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Di 20.04.2021 12:29Uhr 00:30 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/video-511098.html

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