Unter der Lupe – die politische Kolumne Kapitulation in Afghanistan

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Nach zwanzig Jahren verlassen die Nato-Truppen Afghanistan. Wahrscheinlich werden die Taliban die Macht übernehmen. Dabei war die Bundeswehr in den Krieg gezogen, um sie zu besiegen – nun muss man die Niederlage eingestehen. Gescheitert ist damit der Versuch, eine Demokratie nach westlichem Muster in einem Land mit anderen politischen und religiösen Traditionen aufzubauen. Hunderttausende Zivilisten und auch deutsche Soldaten hat dieses Experiment das Leben gekostet. Das hätte nicht sein müssen.

Bundeswehrsoldaten tragen auf dem Flughafen in Masar-i-Scharif eine Feldkiste zu einem wartenden Hubschrauber
Der Abzug der Truppen sei weniger ein Rückzug, sondern eine Kapitulation der Nato, inklusive Bundeswehr, schreibt Hauptstadtkorrespondent Tim Herden. Bildrechte: dpa

Erst sah es noch nach einem geordneten Rückzug aus. Bis zum August sollten die Bundeswehrsoldaten Afghanistan verlassen. Nun eher nach einer Flucht. Bereits am 4. Juli 2021 wird der Afghanistan-Einsatz beendet sein. Der Grund: Bis zum 30. April haben sich die Taliban zum Stillhalten gegenüber den ausländischen Truppen im Land verpflichtet.

Dann endet diese Garantie und die Angst wächst, dass die durch den Abtransport von Waffen, Munition und Material geschwächten Nato-Einheiten Opfer von Angriffen werden könnten. Denn die Taliban wollen ihre Stärke am Hindukusch demonstrieren und die Macht im Land wieder an sich reißen. So gesehen ist es weniger ein Rückzug, sondern eine Kapitulation der Nato, inklusive Bundeswehr.

Das Scheitern der Sowjetunion hätte eine Lehre sein können

Auf dem Papier erscheint es wie ein Nullsummenspiel. Die Nato marschierte 2001 nach Afghanistan ein, um das Taliban-Regime zu stürzen. Es war eine Strafaktion für die Unterstützung Osama bin Ladens und seiner Organisation Al-Qaida, den Drahtziehern des Attentats auf das World Trade Center in New York.

2021 verlässt sie das Land und die Taliban werden wahrscheinlich wieder regieren. Doch damit verbunden sind hunderttausende Tote. Vor allem die Zivilbevölkerung zahlte einen enormen Blutzoll für den Hochmut der westlichen Welt, ein Land mit mittelalterlichen Stammesstrukturen in ein Vorzeigeprojekt für den erfolgreichen Export westlicher Demokratien zu verwandeln.

Am heutigen Sonntag wird Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer im Deutschlandfunk bekennen, dass sich die Vorstellung, "in diesen Jahren aus Afghanistan einen modernen Staat im Sinne eines europäischen Levels zu machen ... sich nicht realisiert hat, und von der man auch ganz ehrlich sagen muss, das waren auch Ziele, die einfach von Anfang an so nicht realistisch waren."

Unter der Lupe: Tim Herden
In der wöchentlichen Kolumne "Unter der Lupe" gibt Hauptstadt-Korrespondent Tim Herden seine persönliche Meinung zum politischen Geschehen ab. Bildrechte: MDR

Diese Einsicht hätte man auch schon 2001 haben können. Denn bereits von 1979 bis 1989 hatte die damalige Supermacht Sowjetunion versucht, Afghanistan eine neue Gesellschaftsordnung mit militärischer Stärke aufzuzwingen und musste dann nach einem Jahrzehnt Krieg sich den Mudschahedin beugen und sich zurückziehen. Dieses Scheitern hat sich nun wiederholt. Nur dieses Mal für die Nato.

Demokratieexport mit militärischen Mitteln funktioniert nicht

Zukünftig sollte der Westen aufhören, erst mit militärischen Mitteln ein Regime zu stürzen, dabei das Land und seine politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen weitgehend zu zerstören, um dann den Versuch zu unternehmen, eine Demokratie aufzubauen. Das ist bisher immer schief gegangen. Nicht nur in Afghanistan, sondern auch im Irak, in Libyen oder in Syrien.

Die Frage ist, warum sich unsere Regierung mit Ausnahme im Fall Irak dabei immer hinter den USA als treuer Gefolgsmann einreihte, statt mehr auf die Diplomatie zu setzen. Das war einmal die große Stärke Deutschlands zu Zeiten des Kalten Krieges, besonders unter den Außenministern Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher.

Doch nun gibt es offenbar zu viele Politiker, die glauben, man müsste endlich deutsche Stärke über die Bundeswehr bei Auslandseinsätzen demonstrieren. Der letzte Krieg der Deutschen und die letzte deutsche Niederlage liegen auch schon über ein drei Viertel Jahrhundert zurück.

Für das gescheiterte Experiment, wie jetzt in Afghanistan, müssen die Menschen in diesen Ländern mit den Folgen oft allein klarkommen, wenn die Besatzer fort sind. Bei der Verteidigungsministerin klingt das so: "Die Frage, wie geht es weiter zwischen der gewählten Regierung und den Taliban, wir werden das militärisch nicht lösen können. Das ist eine innerafghanische Angelegenheit."

Die Taliban lösen diese Situation auf ihre Art. Sie werden wieder die Macht übernehmen und das Rad zurückdrehen. Wer mit den Nato-Truppen aus ihrer Sicht kollaboriert hat, schwebt in Lebensgefahr.

Möglicherweise hätten wir in den letzten 20 Jahren mit Sanktionen oder Entwicklungshilfe, gebunden an konkrete Bedingungen zur Verbesserung der Lebenssituation der Menschen statt des Krieges mehr erreicht. Die Chance gibt es noch. Das Land ist zu 80 Prozent von ausländischen Geldern abhängig. Das wissen auch die Taliban und könnte sie zu Zugeständnissen bewegen.

Vergessene deutsche Opfer – Soldaten mit psychischen Erkrankungen

Opfer dieses sinnlosen Krieges gibt es nicht nur unter Afghanen, sondern auch unter Deutschen. 59 Soldaten sind getötet worden, 125 Soldatinnen und Soldaten wurden im Einsatz verwundet. Wir zählen allerdings zu den Verwundeten nicht die Bundeswehrangehörigen, die mit Verletzungen an ihrer Seele in die Heimat zurückkehrten.

Tausende Soldatinnen und Soldaten leiden nach ihrer Rückkehr an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Ungezählt sind diejenigen, die aus falsch verstandener Tapferkeit versuchen, allein und ohne Behandlung mit den Folgen des Einsatzes in Afghanistan klarzukommen. "Vor dem inneren Auge läuft der Krieg als Dauerschleife ab", erzählt ein Betroffener in der Zeitung des Bundeswehrverbandes und "das Leben ist für den Arsch".

Es war eben nicht, wie lange vorgegaukelt wurde, eine Abkommandierung als bewaffneter Entwicklungshelfer zum Bauen von Brücken, Schulen und Brunnen. Es war ein Kampfeinsatz. Es war Krieg.

Zehn Jahre brauchte die deutsche Politik um dieses Wort für den Auslandseinsatz in Afghanistan zu verwenden. Mit Toten, blutenden oder sterbenden Verwundeten und vielen zivilen Opfern. Trotzdem rückte der Bundeswehreinsatz in Afghanistan meist nur ins öffentliche Bewusstsein, wenn deutsche Soldaten getötet worden waren oder die Verteidigungsministerinnen und Verteidigungsminister zu Weihnachten in die Camps reisten. Die deutsche Öffentlichkeit ignorierte weitgehend diese brutale, blutige und tödliche Realität des Krieges.

Der Soldatenberuf hat in der deutschen Gesellschaft kein großes Ansehen mehr. Deshalb war und ist das Schicksal der deutschen Soldaten am Hindukusch weitgehend egal, obwohl dort angeblich unsere Freiheit verteidigt wurde.

Diplomatie statt Krieg sollte die Lehre sein

Die deutsche Bilanz des Krieges in Afghanistan ist desaströs und sollte für zukünftige Auslandseinsätze eine Lehre sein. Die angekündigte Aufarbeitung dieser Niederlage muss nach der Rückkehr des letzten deutschen Soldaten in die Heimat nicht wie sonst in aller Stille, sondern offen und ehrlich erfolgen.

Eine Konsequenz könnte sein, deutsche Soldaten bis auf UN-Friedensmissionen in ihren Kasernen zu lassen. Stattdessen sollten die Diplomaten das Kommando über die Front des Verhandlungstisches übernehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. April 2021 | 15:00 Uhr

61 Kommentare

Emil Kaminsky vor 8 Wochen

Dieser Freund war doch nur wegen des Geldes da, somit kann ihm doch egal sein wieviel Pumpstationen er aufgebaut hat. Er war letztendlich nur ein Laufbursche des Kolonialwarenhändlers.

nasowasaberauch vor 8 Wochen

59 Tote deutsche Soldaten, eine nichtgenannte Anzahl traumatisiert und 13 Mrd. für einen sinnlosen Einsatz zur Verteidigung der Demokratie am Hindukusch. Das ist die Bilanz, die sich nicht schönreden lässt. Dabei gab es eine Blaupause wie es am Ende ausgehen wird.

ElBuffo vor 8 Wochen

Wer ist denn "man" und nur weil jemand seine Rechte nicht verteidigt, sind damit alle Probleme gelöst. Derjenige, der sie dem anderen nehmen will, wird sofort nach dem nächsten greifen.

Mehr aus Politik

Linke 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Linke hat auf ihrem Online-Parteitag das Programm für die Bundestagswahl im September beschlossen.

20.06.2021 | 17:58 Uhr

So 20.06.2021 17:47Uhr 00:51 min

https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/politik/video-528818.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mehr aus Deutschland