Kommentar Allgemeine Wehr- und Dienstpflicht: Warum nicht?

MDR THÜRINGEN-Reporter Marcus Dörmer ist Jahrgang 1994 und meint angesichts von Corona-Pandemie und Krieg in der Ukraine sollten festgefahrene Standpunkte nochmal neu bewertet werden. Eine allgemeine Dienstpflicht könnte den Gemeinschaftssinn wieder stärken. Sein Kommentar zum Thema.

Marcus Dörmer (links) und dahinter aufgereiht Rekruten vor dem deutschen Bundestag.
MDR THÜRINGEN-Reporter Marcus Dörmer würde ein Zurück zur Wehr- und Dienstpflicht befürworten. Bildrechte: IMAGO/MDR/Marcus Dörmer

Der Krieg in der Ukraine stellt gerade für meine Generation eine Zäsur dar. Wir sind mit einer Nachkriegserzählung aufgewachsen, in der Krieg, falscher Patriotismus und gesellschaftlich akzeptierter Militarismus Relikte eines vergangenes Jahrhunderts sein sollten.

Welche Pflichten haben Staat und Bürger?

Aber nicht erst der Krieg in der Ukraine hat die Gewissheiten von einem immer währenden Frieden in Europa und selbstverständlicher Freiheit zerstört. Schon mit der Corona-Pandemie fand eine Desillusionierung dahingehend statt, dass der Zusammenhalt innerhalb unserer Gesellschaft brüchiger geworden ist und die Fliehkräfte aus den unterschiedlichsten Gründen zugenommen haben. Gerade in diesem Zusammenhang drängte sich mir schon länger die Frage auf, welche Pflicht dem Staat zukommt, die Sicherheit und Freiheit seiner Bürger zu garantieren, aber ebenso die Pflicht der Bürger ihrem Staat gegenüber.

Festgefahrene Standpunkte neu bewerten

Auch für mich erscheint eine Diskussion über eine Wiedereinführung der Wehr- und Dienstpflicht aus der Zeit gefallen. Aber wegen der politische Zeitenwende, die mit dem Krieg in der Ukraine eingeläutet wurde, müssen vorherige Standpunkte neu bewertet werden.

Uns wurde auf erschreckende Weise vor Augen geführt, dass wir in keiner Weise darauf vorbereitet wären, wenn wir unser Land im Ernstfall verteidigen müssten. Dabei spreche ich nicht über den desolaten Zustand der Bundeswehr, sondern auch von der individuellen Unfähigkeit, in solchen Situationen angemessen und souverän reagieren zu können.

Wehr- und Dienstpflicht als Chance, den Gemeinschaftssinn wiederherzustellen

Aber auch unabhängig von der aktuellen Kriegsgefahr kann eine allgemeine Wehr- und Dienstplicht ein zweckdienliches Mittel sein, um den Gemeinsinn und die Bindekräfte einer Gesellschaft zu stärken, die unter dem Eindruck von Globalisierung, aufkeimenden Populismus und einer Verrohung der Sprache im Netz erodieren.

Hinzu kommt, dass speziell ein Einwanderungsland wie Deutschland sich nicht nur auf die Integrationskraft von Schulen, die für alle verpflichtend sind, verlassen darf. Es bedarf weiterer gesellschaftlicher Institutionen, die das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb einer Gemeinschaft fördern müssen, worauf die allgemeine Wehr- und Dienstpflicht eine Antwort sein könnte.

Dienst im Gesundheitssystem wieder anerkennen

Im Gegensatz dazu hat uns ebenso die Corona-Pandemie eindrucksvoll gezeigt, in welchem ruinösen Zustand sich unser Gesundheitssystem befindet. Mit einer Dienstpflicht hätte sodann der Staat ein weiteres Bordmittel zur Hand, die gesellschaftliche Wertschätzung gegenüber einem systemtragenden Berufsstand zu erhöhen und in Anbetracht neuer Krisen besser vorbereitet zu sein.

Aus diesen genannten Gründen würde meiner Ansicht nach eine reine Wiedereinführung der Wehrpflicht zu kurz greifen. Es braucht die alternative Form einer allgemeinen Dienstpflicht, sowohl für Männer als auch für Frauen. Denn erst sie schafft die Möglichkeit, sich nicht nur dem Wehrdienst aus Gewissensgründen zu verweigern, sondern zugleich den gesamtgesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden und zukünftigen Herausforderungen widerstandsfähiger zu begegnen.

Lesen Sie hier die Gegenmeinung

Foto mit marschierenden Soldaten - davor Portrait eines jungen Mannes mit Brille und dunklen Haaren, der freundlich in Kamera lächelt, MDR SACHSEN-Reporter Florian Glatter
MDR SACHSEN-Reporter Florian Glatter sieht eine derzeit diskutierte Wiedereinführung einer Wehr- oder Dienstpflicht kritisch. Bildrechte: MDR/Florian Glatter/BMVg/Jana Neumann (Bundeswehr)

MDR (jw)

40 Kommentare

Wessi vor 48 Wochen

nö @ Klima....d, warum sollten wir revisionistisch sein?Wir haben mit der antifaschistischen BRD ein gutes System.Sie unterstellen, daß konservatives Denken "Weiterentwicklung verhindert" und meinen damit nur:ZURÜCK.Oder noch einfacher: Sie sind beileibe kein Schüler oder hängen mindestens aber dem Ungeist der Leute vor 1945 nach.MIR mangelt es keinesfalls an Diziplin und ich bin zwar kein Freund der Nato, aber bereit mit demokratischen Mitteln, vor allem gegen Militaristen (wie gegen den "Kriegsverbrecher" (Zit. Mützenich) Putin und seine Bewunderer wie AfD+Wagenknecht mit allen Mitteln zu kämpfen.Ja, ich liebe diese freiheitliche+pazifistische BRD!Wer selbst zugiebt egoman "gesellschaftlich nicht sehr aktiv" zu sein, hat, mindestens, sich das falsche Land ausgesucht...ist mithin irgendwie "Ausländer"+"IchIchIch"-Gesellschaftsfeind. Demokratie bedeutet IMER Beteiligung+überhaupt nicht strammstehen und gehorchen!1945 ist vorbei+das ist gut so!

Klimawandelleugnerleugner vor 48 Wochen

Ja, ich sehe es hier viel zu oft und oft auch an mir selbst, dass sich in Deutschland jeder gegen Veränderung strebt. Außerdem scheinen viele Leute eine Art Militärphobie zu haben und alles was in dieses Gebiet fällt lehnen sie krampfhaft ab. Ich gebe zu, dass es mir oft an Disziplin mangelt. Auch bin ich nicht allzu sehr gemeinschaftlich aktiv. Aber gerade darin besteht die Chance. Sich slebst weiterzuentwickeln! Schade nur, dass das manche hier nucht sehen können oder wollen.

Klimawandelleugnerleugner vor 48 Wochen

Sie sind also der Meinung mehr über mich zu wissen als ich es selbst tue. Des weiteren sind sie der Meinung, dass wir einfach gar nicht erst anfangen sollten ein neues (von mir aus auch verbessertes) System aufzubauen, da wir es momentan nicht haben? Genauso diese Einstellung hindert Deutschland seit Jahrzehnten sich weiterzuentwickeln. Übrigens darf ich ja wohl selbst eine Meinung über einen nicht allzu kleinen Teil meiner Mitmenschen in meinem Alter haben.

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