30 Jahre Deutsche Einheit Ostdeutsche Landtage - die Macht der alten Herren

Unsere Vorstellung von Demokratie ist - wir wählen Vertreter, die dann für einen bestimmten Zeitraum für uns die Herrschaft im Land ausüben und gehen davon aus, dass sie unsere Interessen vertreten. Wenn man sich allerdings die Zusammensetzung der Landtage in Ostdeutschland anschaut, dann bestehen Zweifel, ob alle Bevölkerungsgruppen angemessen vertreten werden. Weder in Alter, Bildung oder Geschlecht spiegelt sich dort die Zusammensetzung der Bevölkerung wider.

Landtag
Im Thüringer Landtag - der "typische" Landtagsabgeordnete ist männlich, über 45 Jahre und hat Hochschulreife. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den Landtagen liegt der Anteil von Abgeordneten mit einer (Fach-) Hochschulreife bei 89 Prozent, in der ostdeutschen Bevölkerung liegt er bei 27 Prozent. Über die Hälfte der Bevölkerung -  55 Prozent -  hat die Schule mit der mittleren Reife abgeschlossen. Unter den Abgeordneten sind es jedoch nur 11 Prozent. Nicht einmal ein Prozent der Abgeordneten, von denen Abschlüsse ermittelt werden konnten, gaben einen Haupt- oder Volksschulabschluss als höchsten Abschluss an, während er in der Bevölkerung einen Anteil von 16 Prozent ausmacht.

Dieses Missverhältnis besteht bereits seit der Wiedervereinigung. Als sich 1990 die ersten ostdeutschen Landesparlamente konstituierten, hatten sogar 97 Prozent der Abgeordneten die Hochschulreife. Für Elitenforscher, wie den Soziologen Michael Hartmann ist das problematisch. Hartmann beobachtete in seinen Studien, dass sich die politischen Eliten immer mehr von der Wirklichkeit der Normalbevölkerung entfernen.

Ganz Junge und Alte unterrepräsentiert

Auch die Alterszusammensetzung entspricht nicht den Bevölkerungsverhältnissen. Die größte Gruppe der Abgeordneten, nämlich 59 Prozent, sind zwischen 45 und 65 Jahre alt. In der Bevölkerung beträgt der Anteil der 45- bis 65-Jährigen jedoch nur 24 Prozent. Auch die Altersgruppe der 30- bis unter 45-Jährigen ist in den Landesparlamenten stark vertreten. Die ganz Jungen unter 30 und die Älteren über 65 Jahre sind in den Parlamenten unterrepräsentiert. Die Jungen haben neue Formen der politischen Beteiligung gefunden und verschaffen sich zum Beispiel mit den "Fridays for Future" - Protesten Gehör.

 

Gefahr für die Demokratie?

Die Mehrzahl der Abgeordneten in den Landesparlamenten ist nicht nur über 45 Jahre und hat einen Hochschulabschluss. Die Mehrzahl ist auch männlich. Knapp 51 Prozent der Bevölkerung sind Frauen, doch in die ostdeutschen Parlamente wurden zuletzt gerade einmal 29 Prozent weibliche Abgeordnete gewählt.

Diese Diskrepanz zwischen Bevölkerungsstruktur und Zusammensetzung der Parlamente ist genauso auf Bundesebene oder selbst auf europäischer Ebene zu finden: im Bundestag sind zurzeit 33 Prozent der Abgeordneten weiblich. 83 Prozent der Abgeordneten haben studiert. Das hat Auswirkungen, vor denen Forscher schon seit längerem warnen: Wird das Land von "Eliten" regiert, werden gerade die Menschen aus sozial schwachen Schichten nicht mehr in der Politik vertreten und fühlen sich auch nicht mehr vertreten. Sie gehen nicht mehr wählen oder nehmen eher demokratiefeindliche Positionen ein.

Die Datenrecherche entstand im Zusammenhang mit dem TV Projekt "Wir Ostdeutsche – 30 Jahre im vereinten Land", am 02.Oktober um 20.15 im MDR Fernsehen und jetzt schon in der Mediathek.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Wir Ostdeutsche - 30 Jahre im vereinten Land | 02. Oktober 2020 | 20:15 Uhr

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