Bildungspolitik Wachsende Wissenslücken durch Corona - Pläne gegen Lerndefizite noch vage

Gerade erst offen und schon wieder zu. Mit dem neuen Bundesinfektionsschutzgesetz müssen Schulen schließen, wenn die 7-Tage-Inzidenz in einem Landkreis an drei aufeinanderfolgenden Tagen über 165 steigt. Viele Schulen in Mitteldeutschland werden deshalb ab Montag dicht sein. Der Frust staut sich ebenso wie der versäumte Unterrichtsstoff. Doch Pläne, wie die Wissenslücken geschlossen werden können, sind vor allem in Sachsen-Anhalt und Thüringen noch vage.

Ein Mädchen sitzt vor einem Laptop
Schülerinnen und Schüler verbringen laut ifo Institut im Home Schooling deutlich weniger Zeit mit Unterrichtsstoff als vor der Pandemie in der Schule. Bildrechte: imago images/Cavan Images

Eine bundesweite aktuelle Elternbefragung des ifo Institutes München zeigt, dass Kinder und Jugendliche im zweiten Lockdown seit Anfang dieses Jahres täglich im Schnitt nur 4,3 Stunden mit Unterrichtsstoff verbracht haben. Vor der Pandemie sind es mit der Hausaufgabenzeit noch 7,4 Stunden gewesen.

Dass vielerorts digitaler Unterricht noch immer vor allem aus dem Versenden und Bearbeiten von Arbeitsblättern besteht, ist dem Lernstand wohl ebenfalls nicht zuträglich. Laut ifo Befragung beschränkt sich der Onlineunterricht für 39 Prozent der Schülerinnen und Schüler noch immer auf maximal eine Videoschalte pro Woche. Diese Ergebnisse decken sich auch mit den Recherchen der "Fakt ist!"-Redaktion aus Dresden, die mit zahlreichen Eltern und Schülern gesprochen hat. Einiges an Schulstoff wird wohl liegen bleiben.

Lehrplanstreichungen bisher nur in Sachsen

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz hat darauf inzwischen reagiert und Schwerpunkte in den Lehrplänen für alle Schularten, Klassenstufen und Fächer gesetzt, die in diesem Schuljahr zu bearbeiten sind. Themen, die nicht behandelt werden konnten, verschieben sich in reduzierter Form auf das nächste Schuljahr. Klar ist allerdings, dass auch dann der Lehrplan ausgedünnt wird. Welche Lernbereiche genau gestrichen werden, soll sich im Juli entscheiden. Kein Fach soll dabei aber komplett wegfallen, so das Kultusministerium.

In Sachsen-Anhalt und Thüringen wurden solche Streichungen bisher nicht vorgenommen. Dort verweisen die Bildungsministerien auf "kompetenzorientierte Lehrpläne", die den Schulen mehr Flexibilität einräumen, Schulstoff auf mehrere Klassenstufen zu verteilen. Eine Arbeitsgruppe sei in Sachsen-Anhalt mit dem Thema befasst. Derzeit werde ein "schulfachliches Konzept" zum Umgang mit Lerndefiziten erstellt. Was das genau heißt, ist noch nicht bekannt. Geplant seien zudem unterstützende Bildungsangebote, die zum Großteil in den Sommerferien stattfinden sollen. Sommerferienangebote, um Bildungslücken zu schließen plant auch Thüringen. Zudem soll es zeitnah einen Leitfaden zum Umgang mit unterschiedlichen Lernständen geben. Der sächsische Kultusminister Christian Piwarz sprach sich gegenüber dem MDR gegen eine Sommerschule aus. "Wir sind der Meinung, weil dieses Schuljahr wirklich so schwierig für alle Beteiligten gewesen ist, dass man diese sechs Wochen Sommerferien wirklich nutzen sollte."

Dass durch Sommerschulangebote alle Schülerinnen und Schüler mitgenommen werden, ist ohnehin anzuzweifeln, liest man die Studie des ifo Institutes weiter. Demnach haben nur zehn Prozent der Schüler im vergangenen Sommer entsprechende Angebote an der Schule wahrgenommen.

Milliardenschweres Förderprogramm geplant

Ein wesentliches Problem dürfte jedoch die Tatsache sein, dass noch immer nicht klar ist, wie groß die Wissenslücken inzwischen überhaupt sind. Laut Ludger Wößmann, Leiter des Ifo Institutes für Bildungsökonomik in München, wurden bisher keine Lernstandserhebungen durchgeführt.

Es wäre vor allem für die Lehrerinnen und Lehrer sehr hilfreich zu wissen, wo stehen überhaupt die Kinder und Jugendlichen, um dann darauf einzugehen.

Ludger Wößmann | Bildungswissenschaftler ifo Institut

Prof. Dr. Ludger Wöߟmann
Prof. Dr. Ludger Wöߟmann ist Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik in München Bildrechte: imago/Jürgen Heinrich

Um Lernstanderhebungen durchzuführen und Defizite auszugleichen, planen Bund und Länder ein Förderprogramm in Milliardenhöhe. Auch psychische und persönliche Belastungen sollen in den Blick genommen werden. Neben der Finanzierung von Förderangeboten und Zusatzpersonal, werden die Lehrkräfte vor Ort mit "geeigneten Testmaterialen und Diagnoseinstrumenten unterstützt, die von den Ländern zentral zur Verfügung gestellt werden", heißt es auf Nachfrage von der Kultusministerkonferenz. Erst mit Beginn des neuen Schuljahres soll die Initiative starten. Dann wird wohl das ganze Ausmaß der Lerndefizite offensichtlich werden.

Lernstandserhebungen auf dem Weg

Stühle stehen in einem leeren Klassenzimmer
Mit dem neuen Bundesinfektionsschutzgesetz müssen zahlreiche Schulen schon ab Montag wieder schließen. Bildrechte: dpa

Unterdessen seien in Thüringen Lehrerinnen und Lehrer aktuell schon dabei, Lernstände zu erheben. "Erst in einigen Wochen werden wir ein genaueres Bild haben, wie die Lage tatsächlich ist", teilt das zuständige Bildungsministerium auf Anfrage mit. Das Sächsische Kultusministerium kündigte entsprechende Erhebungen für den Beginn des neuen Schuljahres an. Im Juli sollen die Lehrkräfte hierfür Testaufgaben erhalten. Sachsen-Anhalt stellt unterdessen noch Überlegungen dazu an, ob und wie Lernstände abseits von Zeugnisnoten zusätzlich erhoben werden könnten.

An der Notenvergabe wollen aber alle drei mitteldeutschen Bundesländer auch in diesem Schuljahr grundsätzlich festhalten, wenn auch "mit pädagogischem Augenmaß", so das Bildungsministerium Sachsen-Anhalt.

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Quelle: MDR/js

Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen - Fakt ist! aus Dresden | 26. April 2021 | 22.10 Uhr

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