Missbrauch von Kindern Neues Portal mit 100 Geschichten von Betroffenen gestartet

Es ist ein in Deutschland einzigartiges Projekt, das die Erfahrungen von sexuellem Kindesmissbrauch sensibel und gemeinsam mit Betroffenen online abbildet: das neue Portal der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Schatten eines Kindes auf einer Schaukel.
Ein neues Portal macht sexuellen Kindesmissbrauch sichtbar. 100 Geschichten, die mit Betroffenen erarbeitet wurden, wurden bisher veröffentlicht. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Achtung! Im folgenden Text geht es um sexuellen Kindesmissbrauch. Es werden keine Situationen explizit geschildert. Hilfe bekommen Betroffene, Angehörige oder Fachkräfte vertraulich beim Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800 2255 530. Weitere Hilfetelefonnummern und Adressen finden Sie am Ende des Artikels.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs veröffentlicht erstmals 100 Geschichten von Menschen, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind, auf einer neuen Internetseite.

"Das Online-Portal stellt die Perspektive der Opfer in den Mittelpunkt und nicht die Täter", sagt Kommissionsmitglied Matthias Katsch. Es signalisiere Betroffenen, ihr Schicksal sei wichtig. Das betont auch Brigitte Tilmann, ebenfalls Mitglied der Kommission:

Jede einzelne dieser Geschichten ist wichtig und zählt.

Brigitte Tilmann, Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Von der Nachkriegszeit bis 2000er Jahre

Eben diese Geschichten wurden in den vergangenen anderthalb Jahren ausgewählt und für die Online-Veröffentlichung bearbeitet.

Bis heute haben sich fast 3.000 Betroffene und Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bei der Kommission gemeldet und in vertraulichen Anhörungen und schriftlichen Berichten beschrieben, was ihnen angetan wurde und was sie erlebt haben.

Die Berichte bilden unterschiedlichste Situationen ab: in Schulen, Heimen, Sportvereinen, Kirchen und in Familien, von der Nachkriegszeit bis in die 2000er Jahre.

Weg der Bewältigung verdient Respekt

Mit der Veröffentlichung zolle man den Betroffenen Respekt und Anerkennung, nicht nur für das Leid, sondern auch für den Weg der Bewältigung, erklärt Katsch, der selbst als Minderjähriger Opfer von Missbrauch im kirchlichen Umfeld wurde. Er sagt weiter:

"Nicht jeder betroffene Mensch kann oder will über die sexuelle Gewalt in der Kindheit oder Jugend sprechen oder schreiben. Sie haben auch das Recht, darüber zu schweigen. Die biographischen Berichte und Erfahrungen auf dem Portal stehen daher stellvertretend für die vielen nicht erzählten Geschichten."

Gratwanderung: Voyeurismus nicht befeuern

Über Missbrauch zu schreiben sei dabei eine Gratwanderung, sagt Brigitte Tilman. Es stelle sich die Frage, wie explizit die Darstellung sein könne, damit Voyeurismus nicht gefördert werde, die Taten aber auch nicht verharmlost würden.

Auf dem Portal werden die Beiträge deshalb nur in enger Abstimmung mit den betroffenen Menschen, mit ihrem Einverständnis und in gekürzter und pseudonymisierter Form veröffentlicht.

Hilfe bei sexualisierter Gewalt Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530

Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch berät Jugendliche, Erwachsene und Fachkräfte vertraulich und datensicher zu allen Fragen, die mit dem Thema sexueller Missbrauch zu tun haben – kostenfrei und bei Bedarf auch online. Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch ist ein Angebot von N.I.N.A. e.V. – gefördert vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Info-Telefon Aufarbeitung: 0800 40 300 40

Sie können das Info-Telefon Aufarbeitung anrufen, wenn Sie sich über die Arbeit der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs informieren möchten. Auch wenn Sie Unterstützung beim Ausfüllen des Online-Formulars für die Anmeldung zu einer vertraulichen Anhörung benötigen oder Fragen zum Einreichen eines schriftlichen Berichts haben. Das Infotelefon dient ebenso der persönlichen Entlastung.

berta-Telefon: 0800 30 50 750

Das Hilfe-Telefon berta richtet sich an alle Menschen, die von organisierter und ritueller sexualisierter Gewalt betroffen sind, betroffen waren oder damit als helfende Person oder Fachkraft konfrontiert werden. Die Beratung ist vertraulich, anonym und kostenfrei.

Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch: https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/startseite

Das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch ist ein Online-Hilfsangebot des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Die bundesweite Datenbank des Hilfe-Portals bietet Unterstützung auf der Suche nach Beratungsstellen und Notdiensten sowie therapeutischer, medizinischer oder rechtlicher Hilfe.

Barrierefreiheit

leere Schaukel auf Spielplatz mit Audio
Betroffene von Gewalt im familiären Kontext werden oft allein gelassen, warnt der Betroffenenrat sexueller Missbrauch, dabei seien sie dieser Gewalt besonders schutzlos ausgeliefert. Bildrechte: imago images/Lichtgut

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 11. Oktober 2021 | 14:00 Uhr

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