Befund für beide Infektionswellen 2020 Studie: Höhere Corona-Fallzahlen in Regionen mit starkem AfD-Zuspruch

Was hat das Wahlverhalten mit der Ausbreitung des Coronavirus zu tun? Forscher aus Jena, München und Bielefeld sehen einen Zusammenhang. Ihre Untersuchung gilt für ganz Deutschland.

Dorfchemnitz, 2017
52,3 Prozent der Erststimmen für die AfD bei der Bundestagswahl: Dorfchemnitz in Mittelsachsen. Bildrechte: IMAGO / Robert Michael

In der vergangenen Woche meldete die Deutsche Presse-Agentur, dass die Ortschaft Dorfchemnitz in Mittelsachsen die höchste Corona-Wocheninzidenz in allen sächsischen Landkreisen erreicht hat. Bei 1.516 Einwohnern hatte es 43 neue Fälle gegeben. Diese Information allein hätte für eine Meldung durchaus ausgereicht, doch die Redakteure ergänzten: "Der Ort geriet bundesweit in die Schlagzeilen, weil die AfD hier bei der Bundestagswahl Rekordergebnisse einfuhr: 52,3 Prozent bei den Erststimmen." Gibt es einen Zusammenhang zwischen Wahlergebnissen und der Ausbreitung von Corona? Die dpa-Redakteure konnten darüber nur spekulieren. Eine Studie aus Jena, die MDR THÜRINGEN sowie dem "Spiegel" vorliegt, beantwortet diese Frage jetzt mit Ja.

Befund für beide Infektionswellen 2020

In der Untersuchung des Jenaer "Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft" (IDZ), an der auch Wissenschaftler der Universität Bielefeld sowie des Münchner Helmholtz-Zentrums mitgewirkt haben, heißt es: "In Regionen, in denen die AfD hohe Wahlerfolge in der Bundestagswahl 2017 verzeichnen konnte, zeigten sich in beiden Infektionswellen im Jahr 2020 stärkere Infektionsanstiege als in Kreisen mit verhältnismäßig niedrigen AfD-Zweistimmenanteilen." Laut Studienautor Christoph Richter unterstreichen die Befunde "die zentrale Bedeutung des politischen Vertrauens für den demokratischen Zusammenhalt, der insbesondere in Krisenzeiten stark herausgefordert" werde.

Für ihre Studie analysierten Richter und sein Team die zwei Infektionswellen des Jahres 2020 für die 401 deutschen Kreise und kreisfreien Städte. Die Untersuchung ist also für ganz Deutschland gültig. "Der Zusammenhang zwischen AfD-Wahl und Inzidenzanstiegen zeigt sich systematisch in den Anstiegsphasen beider Wellen, sowohl in ost-, wie auch in den westdeutschen Kreisen", schreiben die Forscher. Zudem haben die Wissenschaftler untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen der Corona-Ausbreitung und den Stimmen gibt, die Wähler den anderen Parteien im Bundestag gegeben haben. Dazu heißt es: "Ähnliche Zusammenhänge wie zwischen AfD-Wahlergebnissen und Inzidenzen in den Regionen lassen sich für keine der anderen im Bundestag vertretenen Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne, Linke) finden."

37 "Drittvariablen" berücksichtigt

Den Studienautoren war bewusst, dass es zahlreiche unterschiedliche Ursachen für hohe Coronafallzahlen geben könnte. Welchen Einfluss könnte das Alter der Menschen haben? Wie hoch ist ihr Einkommen? Leben sie in Städten oder auf dem Land? Spielen Wohnverhältnisse, Bevölkerungsdichte, Mobilität, die Anzahl der vorhandenen Pflege, Schul- und Kinderbetreuungseinrichtungen oder Grenznähe eine Rolle? Insgesamt haben die Forscher 37 solcher sogenannter Drittvariablen analysiert. Ergebnis: "Auch bei Kontrolle dieser Merkmale blieben die Zusammenhänge zwischen AfD-Wahlergebnissen und Inzidenzen bestehen, sodass wir diese Faktoren als mögliche alternative Erklärungen ausschließen konnten."

Erklärungversuche

Aus anderen Untersuchungen wie etwa der Langzeit-"Autoritarismus-Studie" der Universität Leipzig oder der langjährigen Forschung am Bielefelder "Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung" ist bekannt, dass AfD-Anhänger staatliche Institutionen kritischer sehen als andere Wähler. Zudem vertrauen sie Regierungen, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und der Wissenschaft weniger. Christoph Richter schreibt: "Genau diese Institutionen waren wesentlich in die Bekämpfung der Pandemie involviert und dementsprechend kann geringes Vertrauen mit einer sinkenden Bereitschaft zur Akzeptanz von Coronaschutzmaßnahmen einhergehen", schreibt.

Tatsächlich zeigen Umfragen, dass unter AfD-Wählern die Corona-Schutzmaßnahmen skeptischer betrachtet werden und die individuelle Bereitschaft zu deren Befolgung deutlich geringer ausgeprägt ist als unter den Anhängern anderer Parteien. "Den allgemeinen Zusammenhang zwischen AfD-Zuspruch und Inzidenzanstiegen hat die Studie nun statistisch bestätigt", sagt Richter. Mit Blick auf die einzelnen Wähler der AfD stellt der Soziologe einschränkend fest: "Aussagen, dass alle AfD-Wählenden gegen Maßnahmen verstoßen oder das alle Maßnahmengegner AfD-Wählende seien, lassen sich mit unseren Daten nicht belegen."

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. November 2021 | 19:00 Uhr

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