Debatte um Afghanistan-Einsatz Verband beklagt Fehlen einer Veteranenkultur in Deutschland

Der Evakuierungseinsatz der Bundeswehr in Afghanistan lässt nach Ansicht des Bundes Deutscher Einsatzveteranen ein seit Jahren schwelendes Problem in Deutschland wieder aufploppen: Viele ehemalige Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr fühlen sich nicht wertgeschätzt und von der Politik im Stich gelassen. Manche von ihnen fühlen sich irgendwann nicht mehr "in der politischen Mitte" zu Hause und driften ins rechte Lager, meint BDV-Chef Bernhard Drescher.

BDV-Bundesvorsitzender Bernhard Drescher
Der BDV-Bundesvorsitzende Bernhard Drescher Bildrechte: MDR/Lisa Kästner

Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Einsatzveteranen, Bernhard Drescher, hat Vorwürfe der Thüringer AfD zurückgewiesen, dass er Einsatzsoldaten der Bundeswehr "pauschal in eine rechte Ecke" schieben wolle. Drescher sagte MDR THÜRINGEN, er habe die Sorge, dass manche Einsatzveteranen aus der politischen Mitte nach rechts abdriften könnten. Grund sei die Enttäuschung über den Umgang der Politik mit den Veteranen. Gerade das Ende des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr und die hastige Rückkehr nach Kabul zu Evakuierung von afghanischen Ortskräften habe bei vielen die Frage nach dem Sinn ihrer Einsätze erneut gestellt.

"Stimmung unter Einsatzveteranen derzeit grottenschlecht"

Der Thüringer AfD-Landtagsabgeordnete Birger Gröning hatte dem BDV und seinem Vorsitzenden Drescher am Mittwoch vorgeworfen, die Soldaten der Bundeswehr "pauschal zu verurteilen und kollektiv in eine rechte Ecke schieben zu wollen". Anlass waren Äußerungen von Drescher in einem Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Diesem sagte er, die Stimmung unter den Einsatzveteranen sei derzeit "grottenschlecht". Man verliere "emotional eine Gruppe von Menschen, die für den Staat wichtig ist". In der Folge entstünden neuerdings rechtsorientierte Gruppen wie "Veteranen 5n12" oder "Veteranen Pool".

Verband beklagt das Fehlen einer "Veteranenkultur"

Dem MDR sagte Drescher, man beobachte die Entstehung dieser Gruppierungen mit Sorge. Unter dem Deckmantel des Veteranenbegriffs sei dort von "Umsturz" und von "Machtübernahme" die Rede gewesen. Der BDV distanziere sich ausdrücklich von solchen Gruppierungen. Ihre Entstehung habe auch damit zu tun, dass es nach wie vor in Deutschland keine Veteranenkultur gebe, die von Betreuung und Fürsorge für Einsatzveteran geprägt sei. Stattdessen müssten ehemalige Soldaten, die unter gesundheitlichen Schäden infolge ihrer Auslandseinsätze litten, oft jahrelang um staatliche Hilfe und Fürsorge kämpfen.

"Nicht die Bundeswehr hat versagt, sondern die Politik"

Drescher sagte weiter, die jüngsten Ereignisse im Zusammenhang mit dem Ende des Afghanistan-Einsatzes habe die Enttäuschung vieler Einsatzveteranen noch verstärkt. Erst sei das letzte Bundeswehr-Kontingent ohne Begrüßung durch Vertreter der Politik nach Deutschland zurückgeholt worden. Hier sei ein historischer Moment "politisch verpatzt" worden. Und die jüngsten Ereignisse in Afghanistan stellten bei vielen Einsatzsoldaten die Sinnfrage. "Nicht die Bundeswehr hat hier versagt, sondern die Politik", sagte Drescher. Vor diesem Hintergrund dürfe man sich nicht wundern, wenn sich viele Einsatzveteranen "nicht mehr in der politischen Mitte wiederfinden".

Dubiose "Veteranen"-Gruppen

Die von Drescher genannten Gruppierungen haben sich in den vergangenen Monaten im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie gebildet. So spricht auf der Website der Organisation "Veteranen 5n12" ein Mann in uniformähnlicher Kleidung und mit schwarzem Barett der Bundeswehr-Panzertruppe in einem Video mit dem Titel "Veteranen-News" von "Hochverrat" deutscher Politiker und fordert unter anderem die Inhaftierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und weiteren Bundespolitikern, aller Länder-Ministerpräsidenten, von Bürgermeistern und "aller CEOs von öffentlich-rechtlichen Medienanstalten".

Die Gruppe "Veteranen-Pool" kommuniziert hingegen vor allem auf "Telegram". Deren Gründer hatten im Frühjahr dieses Jahres ehemalige Soldaten von Bundeswehr und NVA dazu aufgerufen, sich auf Demonstrationen von Gegnern der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zwischen Demonstranten und Polizei zu stellen, um die Demonstrierenden vor "Übergriffen der Staatsmacht" zu schützen. In einem Post vom April hieß es unter anderem: "Wir ziehen nicht in den Krieg. Wir sind im Krieg." Der Post wurde wenige Tage nach Veröffentlichung wieder gelöscht.

Post im Telegramm-Kanal Veteranenpool
Post im Telegram-Kanal Veteranen-Pool (Screenshot aufgenommen am 29.04.2021) Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Begriff Veteran ist nicht geschützt

Der Begriff Veteran ist in Deutschland nicht rechtlich geschützt. Das Bundesverteidigungsministerium hatte vor einigen Jahren festgelegt, dass sich jeder ehemalige Soldat der Bundeswehr als Veteran bezeichnen darf. Für ehemalige Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR gibt es keine solche Festlegung. Der BDV fordert, diese Bezeichnung nur für Soldatinnen und Soldaten zu verwenden, die an Auslandseinsätzen der Bundeswehr teilgenommen haben.

Quelle: MDR THÜRINGEN/dr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 25. August 2021 | 21:45 Uhr

Mehr aus Deutschland

Moderator vor Parteitagskulisse 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK