Politik trifft Praxis "12 Euro Mindestlohn können wir uns nicht leisten"

In der Reihe "Politik trifft Praxis" diskutieren Politiker mit Bürgern. Die Linkspartei verspricht zwölf Euro Mindestlohn, wenn sie in die Regierung gewählt wird. Die Zwickauer Direktkandidatin Sabine Zimmermann ist in eine Bäckerei nach Annaberg gefahren, um für dieses Ziel zu werben. Doch was sagt die Chefin dazu, die dann höhere Löhne zahlen müsste?

Es duftet nach süßen Pflaumen, Hefe und Zimt, als Sabine Zimmermann die Annaberger Backwaren betritt. Die Linkspolitikerin schreitet über den Fliesenboden. Sie ist gekommen, um ein Kernanliegen ihrer Partei zu verteidigen: zwölf Euro Mindestlohn. Sie will Argumente austauschen und glaubt, dass die zum Schluss auch die Geschäftsführerin überzeugen.

Die Chefin ist skeptisch

Die Geschäftsführerin der Annaberg Backwaren ist Martina Hübner. Sie leitet das Unternehmen seit der Wiedervereinigung. Sie beschäftigt 180 Mitarbeiter, überwiegend Frauen. Hübner sagt, sie würde gern besser entlohnen. Doch das gehe nicht.

Sie könne nur für ihr Unternehmen sprechen, sagt Hübner, da kenne sie die Zahlen. Und sie könne nur das ausgeben, was eingenommen werde. Und einnehmen könne sie nur das, was der Kunde zu zahlen bereit sei.

Hübner rechnet vor: Bei zwölf Euro Mindestlohn müsse sie ihre Preise um 30 Prozent erhöhen. Schon vor zwei Jahren, zur Einführung des Mindestlohns, habe sie Brötchen und Kuchen teurer machen müssen. Weil daraufhin Kunden ausblieben, habe sie Filialen schließen müssen.

Die Politikerin Zimmermann sieht das weniger problematisch. Bei zwölf Euro Mindestlohn hätten ja die Leute auch mehr in der Tasche und würden dann auch mehr kaufen. Das sei Fakt: Die Leute kauften auch dann weiter Brötchen, wenn die ein paar Cent mehr kosteten. Hübner sieht das anders:

Was hat unser Kunde mehr in der Tasche? Am Ende hat er nicht mehr in der Tasche, aber der Staat. Krankenkassen, Rentenversicherung und, und, und … Aber meine Mitarbeiter haben das Geld, das ich ihnen mehr zahlen muss, am Ende nicht als Netto in der Tasche.

Martina Hübner, Chefin bei Annaberg Backwaren
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Die Linken-Politikerin Zimmermann will den Mindestlohn auf 12 Euro anheben. Bei einer Unternehmerin in Annaberg stößt sie mit dem Vorschlag auf Widerstand.

MDR FERNSEHEN Di 12.09.2017 21:45Uhr 02:35 min

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Preisdruck durch Discounter

Hübner sagt, ihre größte Sorge seien die großen Backfabriken. Dort machten die Lohnkosten nur wenig aus. Ein Brötchen bei Aldi werde auch mit zwölf Euro Mindestlohn kaum teurer. Sie aber mache in Annaberg Handwerk, sehr personalintensiv. Sie zeigt, wie Mitarbeiterinnen Erdbeeren putzen. In einem Bottich wird Stollenteig angerührt.

Dann kommt noch ein Kollege dazu und bringt einen weiteren wichtigen Rohstoff, die Sultaninen. Die sind vorher schön eingeweicht worden. Wenige Meter weiter formen Männer die Laibe von Hand. Zimmermann findet, das sei schon eine anstrengende Arbeit, wenn sie daran denke, das acht Stunden lang zu machen.

Anstrengende Arbeit werde bereits besser bezahlt, erklärt Hübner. Dafür gebe es einen Haustarifvertrag. Wer mehr leiste, bekomme auch mehr.

Doch das sei im Niedriglohnbereich immer noch zu wenig, versucht es Zimmermann erneut:

Also sie müssen 11,85 Euro verdienen, sagt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales - ein Leben lang in der Stunde, damit sie später nicht in Altersarmut fallen. Niedrige Löhne heißt immer niedrige Renten. Und deswegen ist Altersarmut da vorprogrammiert.

Linke-Politikerin Sabine Zimmermann

Hübner: Hohe Löhne kosten Jobs

Martina Hübner schüttelt den Kopf. Sie hält entgegen, dass der Staat seine Rentenverpflichtung doch nicht auf die Unternehmer abwälzen könne. Sie sei als Chefin für ein gutes Arbeitsklima zuständig. Und für Löhne, von denen man im Erzgebirge leben könne. Vom Wahlversprechen der Linken ist sie nicht zu überzeugen.

Bei zwölf Euro Mindestlohn würde das für unsere Branche bedeuten, dass zahlreiche Betriebe zuschließen müssten, weil sie sich das nicht leisten könnten. Und da würde nicht nur der Mitarbeiter entlassen werden, sondern auch der Bäcker selbst, der Handwerksbäcker.

Martina Hübner, Chefin bei Annaberg Backwaren

Doch auch die Linkenpolitikerin Sabine Zimmermann weicht nicht von ihrer Position ab. Am Ende geben sich beide Frauen trotzdem noch die Hand und essen Kuchen. Danach fährt Zimmermann zum nächsten Termin, um andere von zwölf Euro Mindestlohn zu überzeugen.

Bundestagswahl 2017
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Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 12.09.2017 | 06:53 Uhr

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