Bundestagswahl 2021 Wer mit wem? Das sind die möglichen Koalitionen nach der Wahl

Carolin Voigt, Nachrichtenredakteurin und -sprecherin, Redakteurin Online und Social Media
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Nach 16 Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel wird es nach der Bundestagswahl am 26. September einen neuen Kanzler oder eine neue Kanzlerin geben. Das Rennen zwischen Union, SPD und Grünen ist aktuellen Umfragen zufolge knapp. Womöglich werden auch die FDP oder die Linke ein Wörtchen mitzureden haben. Doch welche Partei steht nach der Wahl an der Spitze und übernimmt das Kanzleramt? Ein Blick auf die Koalitionsoptionen.

Wahlplakate von Linke, Grüne, SPD und CDU zur Bundestagswahl 2021 stehen auf einer Grünfläche am Gothaer Platz in Erfurt
Dieses Jahr ist die Bundestagswahl besonders spannend. Zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte haben zwei Bewerber und eine Bewerberin Chancen, ins Kanzleramt einzuziehen. Nach aktuellem Stand wären mehrere Koalitionen möglich. Bildrechte: MDR/Michael Frömmert

Natürlich ist vorab alles Spekulation – gewählt wird erst am 26. September. Außerdem schwankten die Umfragewerte zuletzt stärker als gewöhnlich. Doch gewisse langfristige Trends zeichnen sich ab. So hatten etwa die Grünen im Frühjahr noch einen Höhenflug. Zeitweilig war die Partei in Umfragen mit 26 Prozent Zustimmung stärkste Kraft vor der Union. Nach Patzern der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wurde es ruhiger.

ARD-DeutschlandTrend vom 16. September 2021

Grüne und Union schwächeln – SPD profitiert

Im letzten Deutschlandtrend vor der Wahl, der repräsentativen Umfrage von infratest dimap im Auftrag der ARD, kamen die Grünen auf 15 Prozent. Das würde aber immer noch einen deutlichen Zuwachs im Vergleich zur BTW 2017 bedeuten.

Die Union mit ihrem umstrittenen Kanzlerkandidaten Armin Laschet verlor in den vergangenen Wochen an Zustimmung. CDU/CSU erreichten bei der Sonntagsfrage 22 Prozent, konnten damit aber zum historisch niedrigsten Umfragewert im August zwei Punkte zulegen. FDP und AfD liegen bei elf Prozent Zustimmung, die Linke bei sechs Prozent.

Die SPD mit Kanzlerkandidat Olaf Scholz profitiert offenbar vom Straucheln der Konkurrenz. Die Sozialdemokraten setzten sich in den vergangenen Wochen ab und lagen zehn Tage vor der Wahl bei 26 Prozent. Unter allen drei Kanzlerkandidaten ist Scholz zudem der beliebteste – auch unter Nicht-SPD-Wählern.

Keine der drei Parteien, die eine künftige Regierung anführen könnten, kann demnach allein mit einer qualifizierten Mehrheit im Bundestag rechnen. Das ist auch keine Überraschung, seit 1961 konnte keine Partei eine absolute Mehrheit erringen. Es wird also auf eine Koalition hinauslaufen, wahrscheinlich sogar auf ein Dreierbündnis.

Vieles spricht für Dreierkoalition

Noch im Frühsommer schien eine Koalition aus Union und Grünen am wahrscheinlichsten. Jetzt kommen beide Parteien zusammen auf nur 37 Prozent. Ebenfalls knapp würde es für eine Fortsetzung der Großen Koaliton von SPD und Union mit einem Stimmenanteil von 48 Prozent. Zudem hat SPD-Chefin Saskia Esken vor einiger Zeit ein Weiterregieren mit der Union ausgeschlossen.

Rechnerisch möglich wären diverse Kombinationen unter Führung der SPD. Die Sozialdemokraten könnten ein Bündnis mit Grünen und FDP schmieden, also die sogenannte "Ampel-Koalition". In Sachsen-Anhalt gäbe es dafür ein Vorbild. Knapp reichen könnte es möglicherweise auch für eine Verbindung mit Grünen und Linken, also eine rot-grün-rote Koalition. Theoretisch wären auch SPD-geführte Koalitionen mit Union und FDP oder mit Union und Grünen denkbar. Gegen die SPD könnten zudem Union, Grüne und FDP ein sogenanntes "Jamaika"-Bündnis eingehen.

Freie Demokraten haben die Wahl

Eine Regierungsbeteiligung der Linkspartei polarisiert. SPD-Kanzlerkandidat Scholz hat das nicht grundsätzlich ausgeschlossen, aber mehrere Grundsätze einer möglichen Regierung unter seiner Führung genannt, die von der Linkspartei derzeit nicht eindeutig erfüllt werden. Daher richten sich die Blicke insbesondere auf die FDP. Die Liberalen könnten der Mehrheitsbeschaffer in Dreierbündnissen sein. Es gilt auch als unwahrscheinlich, dass die FDP erneut eine Regierungsbeteiligung ausschlägt, wie bei den gescheiterten "Jamaika"-Sondierungen 2017.

Die FDP-Parteispitze unterstrich in den vergangenen Monaten ihren Anspruch auf eine Regierungsbeteiligung. Ein "Jamaika"-Bündnis oder eine "Ampelkoalition" sind also realistische Optionen. Allerdings gibt es zwischen Liberalen und Grünen große Hürden zu überwinden. FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner äußerte sich im ARD-Sommerinterview sehr zurückhaltend. Bei großen Themen wie Klimaschutz, Bildung und Innovation sind die Positionen beider Parteien unterschiedlich. Streitthemen könnten vor allem die Steuer- und Sozialpolitik werden.

AfD ist isoliert

Keine Rolle bei der Regierungsbildung wird voraussichtlich die AfD spielen. Denn alle anderen Parteien im Bundestag haben eine Zusammenarbeit mit den Rechtsaußen ausgeschlossen. Sowohl FDP-Chef Lindner als auch Unions-Kanzlerkandidat Laschet positionierten sich im Wahlkampf explizit gegen eine Kooperation mit der ins Visier des Verfassungsschutzes geratenen AfD. Ein Eklat wie bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen 2020 darf sich nach Aussage von Lindner nicht wiederholen.

Der Wahlkampf der AfD kommt überdies kaum in Fahrt. Mit elf Prozent liegt die Partei bundesweit in etwa auf dem Niveau der Bundestagswahl 2017. Wobei die AfD in Mitteldeutschland stärker abschneidet. In Sachsen lag sie im jüngsten Sachsen-Trend sogar auf dem ersten Platz vor der Union.

Viele Unentschlossene könnten Ausschlag geben

Alle genannten Koalitionsoptionen sind Beispiele auf Basis der letzten Umfragen. Die Parteien gehen jetzt in den Wahlkampf-Endspurt. Auch in den letzten Tagen vor der Wahl kann erfahrungsgemäß noch viel passieren. Aktuelle Ereignisse wie zuletzt die Hochwasserkatastrophe, das Afghanistan-Debakel und die vierte Corona-Welle könnten das Wahlverhalten beeinflussen. Den Ausschlag könnten vor allem diejenigen geben, die jetzt noch unentschlossen sind. Und das sind nach Angaben von infratest dimap nicht wenige. Noch immer wissen knapp ein Fünftel der Wahlberechtigten nicht, wem sie ihre Stimmen geben wollen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 06. August 2021 | 07:30 Uhr

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