Kanzlerkandidatin im Porträt Annalena Baerbock – Fehlstart statt Aufbruch

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Nach sechzehn Jahren Angela Merkel wirkte die Kandidatur von Annalena Baerbock zunächst wie ein Aufbruch. Zum ersten Mal wagt eine Grüne eine Kandidatur für das Kanzleramt. Die 40 Jahre junge Vertreterin einer neuen politischen Generation, Mutter von zwei Kindern, Parteivorsitzende und Bundestagsabgeordnete greift nach der Macht. Natürlich fragte die Berliner Presse gleich, was man bei einem Mann nie gefragt hätte: Könnte sie das überhaupt? Ohne Regierungserfahrung?

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen
Ist eine schwarz-grüne Zweierkoalition noch möglich – mit Baerbock als Kanzlerin? Bildrechte: dpa

Mittlerweile scheint die Frage durchaus berechtigt. Denn Baerbock hat durch eigene Schuld ihren Vertrauensvorschuss und damit wahrscheinlich auch die Chance der Grünen auf das mächtigste Amt im Staat verspielt. Da wurden Weihnachtsgeld und Bonuszahlungen der Bundestagsverwaltung verschwiegen, weil man das altruistische Bild der grünen Parteivorsitzenden ohne Gehalt aufrechterhalten wollte. Da schönte Baerbock ihren Lebenslauf. Aus dem Trainee am "British Institute of Comparative und Public International Law" wurde eine Mitarbeiterin, obwohl sie dort nicht mehr als ein Praktikum absolviert hatte.

Immer wieder änderte sie ihre Angaben zu Studium und Studienabschluss an der Universität Hamburg. Außerdem mussten Informationen zu Mitgliedschaften in Organisationen korrigiert werden, bei denen man gar nicht Mitglied sein kann, wie dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR. Nun muss sie sich auch noch mit Plagiatsvorwürfen zu ihrem Buch "Jetzt" auseinandersetzen. Wie andere vor ihr hat sie wohl manche passende Formulierung anderswo abgeschrieben oder ohne Kennzeichnung übernommen.

Steckbrief Annalena Baerbock

  • Geboren: 15.12.1980 in Hannover
  • Abitur in Hannover und Studium zur Politikwissenschaft in Hamburg (Vordiplom), Masterstudium in Public International Law in London (Abschluss Master of Laws)
  • Privates: Baerbock ist evangelisch, verheiratet und hat zwei Kinder
  • 2000 – 2003: Freie Mitarbeiterin der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung
  • 2008 – 2013: Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Europa für die Grünen
  • 2009 – 2012: Vorstandsmitglied der Europäischen Grünen Partei
  • 2009 – 2013 Grünen-Ko-Parteivorsitzende in Brandenburg
  • 2012 – 2015: Mitglied des Grünen-Parteirats
  • seit 2018: Ko-Bundesvorsitzende der Grünen mit Robert Habeck


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Kanzlerkandidatin ist ehrlich beim Klimaschutz

Zugutehalten muss man Annalena Baerbock, dass sie, anders als ihre beiden Mitbewerber Laschet und Scholz den Menschen reinen Wein einschenkt, dass mehr Klimaschutz nicht zum Nulltarif zu haben ist und uns wahrscheinlich an vielen Stellen eine Veränderung unserer derzeitigen Lebensweise abverlangen wird. So wird die Erhöhung des CO-2-Preises natürlich an der Zapfsäule vor allem die Pendler treffen.

Kurzstreckentrips per Flugzeug von Berlin nach München oder Köln werden auf Dauer bei einer Besteuerung des Kerosins kaum noch sinnvoll sein, weil sie dann deutlich mehr kosten als bisher, und die Schiene die klimafreundlichere Alternative ist. Außenpolitisch fährt Baerbock einen deutlich radikaleren Kurs gegenüber Russland und China als die bisherige Regierung und könnte da schnell bei der Wirtschaft auf Widerstand stoßen.

Landet Annalena Baerbock auf der Regierungs- oder Oppositionsbank?

Auf einen Sieg kann Baerbock nach den derzeitigen Umfragewerten kaum noch hoffen. Grün-Rot-Rot ist weit von einer Mehrheit entfernt. Jetzt muss es ihr wenigstens gelingen, den Rückstand zur Union wieder so zu verringern, dass es für eine schwarz-grüne Zweierkoalition reicht oder die Union gegen die Grünen keine Regierung bilden kann.

Für Baerbocks Partei wäre es eine große Enttäuschung, wenn man wieder nur auf den Oppositionsbänken landet, obwohl man in den vergangenen Jahren schon so fürs Regieren im Bund geübt hat. Immerhin ist man in vielen Landesregierungen vertreten. In der Corona-Pandemie stand man oft an der Seite der Großen Koalition. Noch könnte es für die Plätze auf der Regierungsbank im Bundestag nicht zu spät sein.

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