Die Linke und ihre Spitzenkandidaten im Porträt Janine Wissler und Dietmar Bartsch – die Revolutionärin und der Reformer

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Janine Wissler ist eher kein Fan von politischen Kompromissen, für Dietmar Bartsch wäre ein Ministeramt aber wohl die Vollendung der politischen Karriere. Das ungleiche Paar hat mit innerparteilichen Querelen und einer Vielzahl von Milieus in der eigenen Partei zu tun. Können sie den Laden zusammenhalten? Ein gutes Wahlergebnis wäre für beide eminent wichtig.

Janine Wissler (l), Parteivorsitzende und Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke
Für das Spitzenduo der Linken Janine Wissler und Dietmar Bartsch als auch für die Partei geht es um alles oder nichts. Bildrechte: dpa

Ein Ministeramt wäre für Dietmar Bartsch wohl die Vollendung seiner politischen Karriere. Seit gut dreißig Jahren bestimmt er die Strategie der Linken in Deutschland mit, erst der PDS und dann der Linkspartei. Neben Gregor Gysi hat es seine Partei vor allem ihm zu verdanken, dass die PDS nach und nach das Image des politischen Schmuddelkindes als SED-Nachfolgepartei absteifen konnte und von der politischen Konkurrenz als Mitbewerber akzeptiert wird. Möglicherweise würde er seinen Weg gern als Arbeits- oder Familienminister krönen. Sein Kampf gegen die Kinderarmut in Deutschland ist ihm eine Mission, nicht nur ein politischer Schachzug. Aber der Traum scheint ein Traum zu bleiben.

Steckbrief Janine Wissler

  • Geboren: 23.05.1981 in Langen (Hessen)
  • Abitur in Dreieich; Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt, Abschluss als Diplom-Politologin; währenddessen zeitweise Fachverkäuferin in einem Baumarkt
  • seit 2008: Linke-Landtagsabgeordnete in Hessen
  • seit 2009: Linke-Ko-Fraktionsvorsitzende in Hessen
  • 2012 und 2018: Kandidatur für das Oberbürgermeisteramt in Frankfurt/Main
  • seit Februar 2021: Linke-Ko-Bundesparteivorsitzende mit der Thüringer Landesvorsitzenden Hennig-Wellsow


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Steckbrief Dietmar Bartsch

  • Geboren: 31.03.1958 in Stralsund
  • Abitur in Franzburg, Grundwehrdienst bei der NVA, Studium zum Grad des Diplomwirtschaftswissenschaftlers in Berlin, promovierte in Moskau
  • 1977: Eintritt in die SED
  • 1989: Mitgründer der AG Junge GenossInnen in der SED-PDS
  • 1990 – 1991: Geschäftsführer des Verlags "Junge Welt"
  • 2004 – 2005 Geschäftsführer der Zeitung "Neues Deutschland"
  • 1991 – 1997: PDS-Bundesschatzmeister
  • 1997 – 2002: PDS-Bundesgeschäftsführer
  • 2005 – 2007: Linkspartei.PDS-Bundesgeschäftsführer
  • 2007 – 2010: Linke-Bundesgeschäftsführer
  • 2010 – 2015: stellv. Linke-Fraktionsvorsitzender im Bundestag
  • seit 2015 Linke-Ko-Fraktionsvorsitzender im Bundestag


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Pro oder contra Regierungsbeteiligung der Linken?

Das liegt nicht nur an den Umfragen, sondern vor allem an der eigenen Partei. Schon seine Partnerin im Spitzenduo, Janine Wissler, ist nicht unbedingt ein Fan vom Regieren – oder wenigstens von einer notwendigen Grundtugend dafür, nämlich dem politischen Kompromiss. Aber auch Wissler hat wesentlich zu einer gewachsenen gesamtdeutschen Akzeptanz der Linkspartei beigetragen. Unter ihrer Führung ist die Partei viermal in den Landtag des westdeutschen Flächenlands Hessen eingezogen. Für viele andere westdeutsche Landesverbände der Linkspartei ist das weiter ein unerreichbarer Traum. Nur in den Stadtstaaten Bremen und Hamburg sowie – durch die Präsenz Oskar Lafontaines – im Saarland kann man auf ähnliche Erfolge schauen. Aber in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen ist die Linkspartei weiterhin weit weg vom Einzug in den Landtag.

Wissler verhandelte als Fraktionsvorsitzende im hessischen Landtag auch zweimal mit SPD und Grünen über eine Koalition und scheiterte dabei an den politischen Partnern. Aber auf Bundesebene geht es nicht nur um die Finanzierung von Schulen oder Wirtschaftsförderung, sondern auch um Verteidigungs- und Außenpolitik. Da zieht Janine Wissler, anders als Dietmar Bartsch, klare rote Linien als Stoppschild: keine Auslandseinsätze, Stopp von Rüstungsexporten, möglicher Austritt aus der Nato.

Bartsch hofft dagegen auf eine gewisse Beinfreiheit, sollte es wirklich eine Chance für ein Bündnis mit Grünen und SPD auf Bundesebene geben. Zum Beispiel ein Ja zu UN-Friedensmissionen. Wo sich beide einig sind: Die Linke muss zu ihrer Kernkompetenz, dem Kampf um soziale Gerechtigkeit, zurückkehren. Für beide geht Klimaschutz nur mit einer deutlichen sozialen Komponente, die das Thema nicht zu einem "Elitenprojekt" macht.

Querelen um Sarah Wagenknecht erschweren Wahlkampf

Erschwert wird die Mission von Bartsch und Wissler durch parteiinterne Querelen. Besonders die Auseinandersetzungen um Sahra Wagenknecht und ihre Kritik an der eigenen Partei überlagern den Wahlkampf der Linkspartei. Es wird mehr über das Ausschlussverfahren gegen Wagenknecht berichtet als über die Ziele der Partei – wie eine Mindestrente, ein Mindesteinkommen für Arbeitslose von 1.200 Euro oder einen Mindestlohn von 13 Euro.

Vor allem ältere Genossinnen und Genossen in Ostdeutschland sind über die Attacken gegen Wagenknecht erbost. Bartsch soll deshalb dort gerade die Gemüter beruhigen und die alten Hochburgen, wenn nicht zurückerobern, so doch wenigstens etwas vom verlorenen politischen Terrain zurückgewinnen. Dabei setzt er auf das Ost-West-Thema, also die Benachteiligung der Ostdeutschen bei Posten, Gehalt und Rente. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vor wenigen Wochen, wo sich Bartsch sehr stark im Wahlkampf engagierte, hat das allerdings nicht so gut funktioniert wie früher. Vielleicht gibt es einen Abnutzungseffekt.

Wissler wiederum soll mehr im Westen auf Stimmenfang gehen. Dort vertreten viele in der Mitgliedschaft noch die reine Lehre und setzen auf Klassenkampf. Wissler selbst stammt als Mitglied der trotzkistischen Gruppe "Marx21" aus dieser Klientel.

Abschneiden bei den Wahlen entscheidet Zukunft der Partei

Für beide, Wissler wie Bartsch, ist die Wahl eine Bewährungsprobe. Derzeitig pendeln die Umfragen zwischen 6 und 7 Prozent. Mit einem wesentlich schlechteren Ergebnis als 2017 (damals erreichte die Linkspartei 9,2 Prozent) oder sogar einem Ausscheiden aus dem Bundestag wäre die politische Karriere von Dietmar Bartsch wohl beendet, Janine Wissler als neue Parteivorsitzende schwer angeschlagen. Den Traum von einer Regierungsbeteiligung neben SPD und Grünen hat selbst Dietmar Bartsch wahrscheinlich weitgehend ausgeträumt.

Da gäbe es nur eine Chance, nämlich wenn das Ergebnis der Linkspartei reicht, um die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, zur Kanzlerin zu wählen. Danach sieht es nicht aus. Ansonsten gibt es weniger Schnittmengen mit den Grünen als mit der SPD, gerade in der Außenpolitik. Der Traum von Dietmar Bartsch vom Ministeramt bleibt also wohl unerfüllt. Vielmehr geht es sowohl für das Spitzenduo als auch für die Partei um alles oder nichts.

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