"#wirmachenauf" Gastronomen und Einzelhändler wehren sich gegen Lockdown

Jessica Brautzsch
Bildrechte: MDR/Markus Geuther

Die Verlängerung des Lockdowns hatte sich in den vergangenen Tagen bereits abgezeichnet – zum Ärger vieler Einzelhändler und Gastronomen. Einige von ihnen haben nun angekündigt, trotz der Verlängerung des Lockdowns ihre Geschäfte und Gaststätten zum 11. Januar wieder zu öffnen.

Läden und Gastro am Erfurter Domplatz im Lockdown
Gastronomie und Einzelhandel müssen bis Ende Januar geschlossen bleiben. Bildrechte: imago images / Karina Hessland

Sie machen auf. So zumindest lautet die Ankündigung einer wachsenden Gruppe in den sozialen Netzwerken. Hier planen Einzelhändler, Gastronomen, Fitnesstrainer, Friseure und Co., ihre Türen am 11. Januar wieder für Kundschaft zu öffnen – trotz Lockdown und weiterhin hohen Infektionszahlen. Unter dem Hashtag "wirmachenauf" organisieren sie sich.

Initiator der Aktion ist nach eigenen Angaben ein Kosmetiker aus Krefeld. In einer Gruppe des Nachrichtendienstes Telegram schreibt er: "Liebe Freunde, Gewerbetreiber und alle anderen im Kanal. (…) Ich bin einer von vielen. Und viele sind in der gleichen Situation. Wir machen auf, weil wir die gleichen Probleme haben. (…) Aus allen Branchen bekomme ich Emails, die genau wie ich kurz vor dem Existenzende sind."

Unterstützung von Querdenkern und Rechtsextremen

Bei Telegram sind über 23.000 Menschen der größten "wirmachenauf"-Gruppe beigetreten. Auf der Website der Initiative sind dagegen nur um die 2.000 registriert. Viele Menschen in den Gruppen sind wütend und frustriert. Einige verlinken auch immer wieder in die Querdenkerszene, bestreiten die Existenz und Gefährlichkeit des Coronavirus. Andere posten auch rechtsextreme Inhalte. Nur ein kleiner Teil gibt an, aus Mitteldeutschland zu sein.

Dennoch hat auch der Präsident des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga in Sachsen-Anhalt, Michael Schmidt, von ähnlichen Bestrebungen im Land gehört. "Im Grundsatz ist im Landesverband nichts eingegangen, dass einer von den Mitgliedern dieser Initiative folgen will." Schmidt sagt, er wisse aber von Plänen einzelner in Wittenberg, unter anderem, dass es dort auch eine Demonstration geben solle.

Verbände können Kritik der Aktion nachvollziehen

Michael Schmidt hat ein gewisses Verständnis für Gastronomen, die an solchen Aktionen teilnehmen. Es fehle einfach das Licht am Ende des Tunnels – etwa ein Datum, ab wann man wieder öffnen könne. Und noch wichtiger: Die Finanzhilfen müssten dringend ausgezahlt werden. Denn die seien zum großen Teil noch nicht angekommen. Trotzdem wolle der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband die Maßnahmen der Politik mittragen.

Ganz ähnlich äußert sich auch René Glaser, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Sachsen. Die Aktion verdeutliche, wie verzweifelt viele Unternehmen in der derzeitigen Situation seien.

Die Politik verlängert einerseits den Lockdown, zeigt den Unternehmen aber andererseits keine klaren Perspektiven auf und unterstützt sie in der aktuell sehr dramatischen Situation nicht mit wirkungsvollen Wirtschaftshilfen.

René Glaser, Handelsverband Sachsen

Betroffene fürchten rechtliche Konsequenzen

Dennoch müsse man sich an Recht und Gesetz halten, so Glaser. Und auch die im Frühjahr 2020 gegründete Protest-Initiative der Gastronomen, Veranstalter und Hoteliers "Leere Stühle" lehne eine Beteiligung an der Aktion #wirmachenauf ab, sagt Kathleen Parma: "Wenn wir das machen würden, würden wir uns strafbar machen. Und wir haben bisher versucht, uns mit unseren Initiativen im Rahmen der Legalität zu bewegen."

Tatsächlich drohen für illegale Öffnungen Bußgelder in Höhe von 500 Euro in Sachsen und 1.000 Euro in Sachsen-Anhalt. Gastronomen könnten im schlimmsten Fall aber auch ihre Gaststättenerlaubnis verlieren, fürchten "Leere Stühle" und Dehoga Sachsen-Anhalt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Januar 2021 | 06:19 Uhr

92 Kommentare

Rotti vor 23 Wochen

Aber Milliarden sind in Konzerne gestopft worden. Die Familienbetriebe kämpfen um die nackten Existenzen. Da ist meiner Meinung nach jedes Mittel recht. Am besten, wir zahlen alle keine Steuern mehr und schicken die Politiker in Kurzarbeit

Kritiker vor 23 Wochen

@Rotti: Lesen Sie oben den Artikel noch mal und Sie werden die Antwort finden, da bedarf es keinen der nicht Betroffener ist. Die Finanzhilfen, laut Artikel, zum großen Teil NOCH NICHT ANGEKOMMEN SIND .

Denkschnecke vor 23 Wochen

Es ist kaum noch zu glauben, wie bei manchen Leuten die Empathie nciht mal dann einsetzt, wenn sie persönlich Betroffenen gegenüber stehen. Und paulesachdochwas hat auch überhaupt nicht "alle Ü 60 zum Tode verurteilt", sondern sehr weise gesagt, dass das Risiko jeder mit sich selbst und seinem Gewissen ausmachen muss. Wenn Sie nicht mal dazu bereit sind...

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