Ausländische Fachkräfte Anerkennung von Berufsabschlüssen für Ukrainer kompliziert

Rund 600.000 Menschen aus der Ukraine sind bereits nach Deutschland geflüchtet. Vielen von ihnen wollen in ihren erlernten Berufen arbeiten, doch dafür müssen ihre ukrainischen Bildungsabschlüsse anerkannt werden. Die Anerkennung ist in Deutschland ein komplizierter Prozess – obwohl Fachkräfte gebraucht werden.

Die polnische Zahntechnikerin Eva Fijalkowska (l) schaut am Montag (02.04.2012) in der Handwerkskammer Berlin gemeinsam mit Dilep Intepe von der Handwerkskammer in ihre Unterlagen.
Bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse werden die Abschlüsse mit einer deutschen Ausbildung gleichgesetzt. Bildrechte: dpa

Tanya Schapowalow, geboren im Donbass und aufgewachsen in Deutschland, hat schon einigen Ukrainern zu einem Job verholfen. Sie spricht deren Sprache und leitet mit ihrem Mann im sächsischen Taucha eine Firma für Innenausbau. Drei ukrainische Fliesenleger haben sie selbst eingestellt und anderen Landsleuten geholfen, dass ihre Berufsabschlüsse in Deutschland offiziell anerkannt werden.

Schapowalow erklärt, wie das funktioniert: "Bei der Handwerkskammer füllt man ein Formular aus, den Antrag auf Gleichwertigkeitsprüfung. Dann muss man das ukrainische Zeugnis übersetzen in die deutsche Sprache und auch die ganzen weiteren Zeugnisse wie das Arbeitszeugnis. Lebenslauf und Arbeitsvertrag muss man beifügen." Das alles müsse man einreichen, woraufhin die Dokumente geprüft und dann mit der deutschen Ausbildung gleichgestellt würden.

Komplexes Verfahren

Was simpel klingt, ist nach Ansicht von Integrationsexperten allerdings kompliziert. Oft genügt den zuständigen Stellen nicht die Übersetzung des Zeugnisses, sondern es muss eine beglaubigte Übersetzung sein. Häufig werden zusätzliche Unterlagen aus dem Herkunftsland angefordert, was Monate dauern kann.

Außerdem gibt es nicht die eine Behörde, die Berufsabschlüsse anerkennt. Allein in Sachsen seien damit sechzig Institutionen beschäftigt, sagt Kay Tröger vom Beratungsnetzwerk IBAS: "Weil die berufsständischen Verantwortungsbereiche eben weit verteilt liegen. Die landwirtschaftlichen Berufe im Landwirtschaftsministerium, die Gesundheitsberufe im Sozialministerium, die Ingenieurkammer. Alles, was sich in den Berufen als berufsständischer Verantwortungsbereich dahinter verbirgt, hat die Hoheit, diese Anerkennungswege zu begehen und diesen Verwaltungsakt durchzuführen."

Trögers Netzwerk berät Geflüchtete durch diesen Dschungel. Das Interesse der Ukrainer, ihren Berufsabschluss in Deutschland anerkennen zu lassen, steige: "Wir haben seit März eine Verdopplung der Anfragezahlen in unseren Beratungsstellen. Im März war jeder Dritte jemand aus der Ukraine, im April schon jeder Zweite."

Einstellung ohne Anerkennung der Abschlüsse

Dass Beratung oft nötig ist, sieht man auch bei der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig. Dort beschäftigt sich Gert Ziener mit dem Thema. "Es ist in der Tat so, dass etliche unserer Mitgliedsunternehmen, die Ausländer beschäftigen wollen, dies bisher nicht getan haben. Das sind 41 Prozent, die sagen, dass ihnen dieses Verfahren einfach zu komplex ist und man eben nicht weiß, wie entsprechend vorzugehen ist", sagt Ziener.

Nun kann man einen Fliesenleger auch beschäftigten, ohne dass sein Abschluss in Deutschland anerkannt ist. Bei den meisten Berufen braucht es das Zertifikat nicht zwingend. Doch die Kammern finden die Idee, ausländische Fachkräfte auch ohne entsprechende Anerkennung als Fachkraft einzustellen, keine gute Idee: "Es ist für uns wichtig, dass wir hier die Standards auch hochhalten. Wir wollen dort die Abschlüsse nicht verwässern. Aber Fakt ist, der Druck, Fachkräfte zu gewinnen, nimmt immer mehr zu. Insofern ist es in bestimmten Bereichen, wo der Mangel besonders groß ist, legitim zu sagen, man macht dort ein paar Abstriche und lernt dann das Zusätzliche on the job" findet Ziener.

Auch die Gewerkschaften sagen: Es sei wichtig, dass die Geflüchteten ihre Abschlüsse offiziell anerkennen lassen. Ansonsten würden Facharbeiter womöglich nur zum Hilfsarbeiterlohn beschäftigt und dann würden sie so auch die Löhne anderer Facharbeiter drücken.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Mai 2022 | 06:00 Uhr

31 Kommentare

Kritische vor 6 Wochen

Doch, Atze1. Das ist Realität. Kenne selbst einige Beispiele. Auch deshalb gehört das Bafög überarbeitet. Nicht zuletzt aus diesem Grund studieren Kinder von Nicht-Akademikern wesentlich seltener als Kinder von Akademikern und in D ist dieser Unterschied besonders groß und wird immer größer. Ist leider Tatsache.

Atze1 vor 6 Wochen

Was die Investition in Bildung betrifft, bin ich auch Ihrer Meinung. Wir sollten alles tun, dass es den geflüchteten Ukrainern in dieser Beziehung erleichtert wird und ich habe schon viel gehört, dass man sich bei uns sehr bemüht. Wunder kann man nicht erwarten, alles hat seine Zeit. Ausserdem, wenn sich ein Arbeitgeber von der fachlich guten Arbeit eines Ukrainers bei ihm vergewissert hat, warum kann er dann nicht ordentlich zahlen? Wer hält ihn davon ab? Vielleicht hat er dann einen Arbeitnehmer, der seinem Betrieb nutzt und ihm die Treue hält.

Atze1 vor 6 Wochen

@Kritische
Also, das ist ja weit hergeholt, dass bildungsferne Eltern ihren Kindern raten, wegen des Lehrlingsgeldes, das dann nicht gezahlt wird, nicht zu studieren. Von wieviel Prozent der Kinder reden Sie da?

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