Hörer machen Programm Unbezahlte Überstunden: Gewerkschaft Verdi kritisiert Discounter

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Die Lebensmittel-Discounter haben in Sachen Arbeitsbedingungen keinen guten Ruf. Der Druck auf die Beschäftigten ist hoch, die Bezahlung mäßig. Diesen Eindruck musste auch unser Hörer Christian Scharf gewinnen. Seine Tochter hat bei Netto gearbeitet. Wenn er sie dort mit dem Auto abholen wollte, musste er stets warten. Die Überstunden wurden allerdings nicht bezahlt. Er fragt sich, ob das bei Discountern wie Netto Gang und Gäbe ist.

Ein Mann steht an einer Kasse im Supermarkt. Käufer und Verkäuferin tragen Mundschutz.
Der Gewerkschaft Verdi liegen viele Beschwerden über die Arbeitsbedingungen beim Lebensmitteldiscounter Netto vor. (Symbolfoto) Bildrechte: imago images/photonews.at

Für Sofia, deren Namen wir geändert haben, war es ein Ferienjob. Zwei Vormittage die Woche heuerte sie beim Discounter Netto als Aushilfe an. Zum Mindestlohn räumte die Achtzehnjährige Regale ein und half an der Kasse. Pünktlich gehen konnten sie und ihre Freundin aber fast nie. Denn es gab immer noch etwas, das sie erst noch beenden sollten: "Wir haben am allerersten Tag 45 Minuten länger gearbeitet", erzählt sie. "Und da haben wir gefragt: Okay, wo sollen wir das hinschreiben, sollen wir uns irgendwo austragen? Und dann wurden wir so angeguckt: 'Nein.' Mein Eindruck ist, dass es sich so etabliert hat, dass man länger bleibt. Weil es eben Pflicht ist. Und wenn nicht, machst Du Deinen Job nicht gut."

Verdi: Arbeitsdruck bei allen Discountern hoch

Thomas Schneider hört solche Geschichten häufig. Der Sekretär der Gewerkschaft Verdi in Mitteldeutschland sagt, der Arbeitsdruck sei in allen Discountern enorm. Netto falle aber besonders unangenehm auf. Ihm lägen Schreiben aus dem Unternehmen vor, dass selbst bei verlängerten Öffnungszeiten keine zusätzlichen Personalkosten entstehen dürften. Die Mehrarbeit bleibe dann an denen hängen, die da sind. "Wir können da nicht von einem Einzelfall reden. Für die anfallenden Arbeiten werden nicht genügend Personalstunden eingesetzt. Die Kolleginnen und Kollegen müssen dort in höchster Produktivität sein. Und da reicht es halt nicht aus, dass du 100 Prozent leistest, da musst du halt 150 Prozent leisten. Und das geht nicht. Auf Dauer macht das auch Kolleginnen und Kollegen krank."

Schneider schätzt, dass in der Hälfte aller mitteldeutschen Netto-Filialen unbezahlte Überstunden geleistet worden sind. Im konkreten Fall läge ein Verstoß gegen das Mindestlohngesetz vor. Denn auch Überstunden müssten mit mindestens 9,50 Euro entlohnt werden. Leider kontrolliere der Zoll das viel zu selten.

Netto weist Vorwurf unbezahlter Überstunden zurück

Netto weist auf Anfrage von MDR AKTUELL den pauschalen Vorwurf unbezahlter Überstunden zurück. "In unserem Unternehmen besteht die eindeutige Vorgabe, jede geleistete und abgesprochene Arbeitsstunde ordnungsgemäß zu erfassen und zu bezahlen bzw. auszugleichen. Unsere Mitarbeitereinsatzplanung basiert auf langjährigen Erfahrungen unter Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten. Weiterhin haben alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Netto die Möglichkeit, sich vertrauensvoll an ihre Betriebsratsansprechpartner, Vorgesetzte oder an unseren unabhängigen Ombudsmann zu wenden."

Verdi-Sekretär Schneider bezweifelt, dass sich dadurch etwas ändert. Er rät Betroffenen, die Gewerkschaft zu kontaktieren. Netto zeige nach Außen immer ein freundliches Gesicht, stelle sich als Unternehmen dar, das Tariflöhne zahle. Dabei sei rund ein Drittel der Beschäftigten nur auf Mindestlohnbasis dort. Dieses Drittel erledige teilweise dieselben Arbeiten wie die Tarifentlohnten: "Und das ist scheinheilig. Aus unserer Sicht ist das Tarifbruch. Hier werden Kollegen ganz bewusst außen vor gelassen und erhalten nicht den Lohn, den sie bekommen müssten."

Für Schneider ist klar: Jede gearbeitete Minute muss entlohnt werden. Gerade im Mindestlohnbereich. Und wer an der Kasse sitze, habe Anspruch auf Tarifgehalt. Sofia und ihre Freundin haben beim Discounter inzwischen aufgehört. Man könne als junger Mensch ja auch anderswo Geld verdienen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. August 2021 | 07:21 Uhr

17 Kommentare

Knallerbse vor 15 Wochen

Fragen Sie mal nach wie es im Reinigungsgewerbe aussieht. Da steht gleich im Arbeitsvertrag, ....Überstunden werden nicht bezahlt. Vorgaben zur Reinigung bis auf die Minute vorgegeben, was nie zu schaffen ist. Aber tip-top poliert sein muss alles, bis Reinigung der Tafel in Schule plus Stühle hochstellen. Nicht erfunden, könnte Namen jener "Arbeitgeber" mit Adresse benennen, und deren Arbeitsverträge. Gera u. Umgebung/West.

Eulenspiegel vor 15 Wochen

Ja es stimmt an vielen Stellen sind die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung sehr bescheiden.
Es stimmt aber auch dort wo der Organisationsgrad der Angestellten am höchsten ist dort gibt es auch die besten Arbeitsbedingungen und die besten Löhne.
Die Frage ist eigentlich wann hört der Arbeitnehmer auf zu meckern und fängt dafür an sich konstruktiv sich für seine eigenen Interessen einzusetzen. Und zwar nicht als Einzelkämpfer sondern in der Gemeinschaft mit allen anderen?

Querdenker vor 15 Wochen

Wer hinter die Kulissen blicken möchte, dem kann ich folgende Dokumentation empfehlen. Da wird auch das System der „Stundenleistung“ (ab etwa Minute 6) erklärt:

siehe „ZDF zoom Hauptsache billig? Das System Discounter“

Gegen den gesetzlichen Mindestlohn zu verstoßen muss zum Wettbewerbsnachteil werden. Dafür müssen die Rahmenbedingungen (Gesetze, Verstöße und verschärfte Dokumentationspflichten, Kontrollen, Strafen, etc.) geschaffen werden.

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