Geflüchtete auf Jobsuche Arbeitsmarkt: Wie können Menschen aus der Ukraine integriert werden?

Mehr als 200.000 Menschen sind mittlerweile aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet. Nun geht es darum, sie zu versorgen und Unterkünfte zu finden. Zudem treffen die Menschen auf einen Arbeitsmarkt, auf dem händeringend Personal gesucht wird. Wie gelingt es, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren?

Ein Mitarbeiter reinigt in der Eisengießerei Torgelow im Bereich Formbau einen aus Sand gepresste Kern.
In Sachsen arbeiten in etwa acht Prozent der Handwerksbetriebe bereits Ukrainer (Symbolbild). Bildrechte: dpa

Sie ist noch gar nicht in Deutschland, aber einen Job sucht sie schon jetzt: Liza aus Kiew tauscht sich wie tausende Geflüchtete auf dem Nachrichtendienst Telegram aus. Die junge Frau ist gerade in Bukarest, als sie in einer Chatgruppe fragt, wo in Leipzig Arbeit vermittelt werde.

Von unterwegs schickt sie MDR AKTUELL einige Sätze zu ihrer Flucht: "Ich bin 19 und komme aus Kiew, dem Herzen der Ukraine. Im Moment ist Kiew voll von Elend, Feuer und Gefahren. Sie haben mein Haus bislang nicht getroffen, aber man weiß nie, was morgen passiert. Ich will nach Leipzig. Ich habe an einer pädagogischen Fakultät studiert, Erfahrung im Unterrichten und kann Deutsch, Englisch, Schwedisch und Russisch übersetzen. Ich hoffe, dass ich einen Job finden werde."

Gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Lizas Aussichten, eine Arbeit zu finden, sind gut. Anders als 2015 hat die EU für Geflüchtete eine besondere Richtlinie angewandt. Ukrainer dürfen sich nach entsprechender Registrierung frei innerhalb der EU bewegen und auch arbeiten. Unklar ist allerdings noch die Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse.

Dem Präsident der Industrie- und Handelskammer Leipzig Kristian Kirpal zufolge ist das Interesse der Wirtschaft groß. Er gibt aber zu bedenken, dass es sich um Kriegsflüchtlinge handele: "Und wenn man es auf die menschliche Ebene hebt, muss man vielleicht beachten, dass sie, wenn der Krieg zu Ende ist, wieder nach Hause gehen wollen. Zumal die Ukraine ja kein klassisches Entwicklungsland ist."

Dass die Geflüchteten Deutschlands Fachkräfteproblem auf Dauer lösen, ist deswegen eher unwahrscheinlich. Und es gibt noch eine Hürde: die Sprache. Die wenigsten Menschen aus der Ukraine können Deutsch.

Handwerk: Viele Ukrainer abgezogen

Der Präsident von Leipzigs Handwerkskammer Matthias Forßbohm sagt, dass man mit Ukrainern trotzdem schon sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Derzeit allerdings würden es in Sachsens Handwerksbetrieben eher weniger statt mehr: "Wir haben eine Kurzumfrage in unserem Kammerbezirk gemacht. Dabei kam raus, dass acht Prozent der Betriebe bereits Ukrainer beschäftigen. Und leider nun den Umkehrschluss haben: Durch die Mobilmachung in der Ukraine sind männliche Arbeitskräfte abhanden gekommen."

Männer mit ukrainischen Wurzeln ziehen in den Krieg. Dafür kommen tausende Frauen mit Kindern. Bevor die Frauen arbeiten können, braucht es Betreuungsplätze für die Kinder.

Humanitäre Hilfe vor Arbeitsmarkt-Frage

Für Kay Tröger, Leiter des IQ Netzwerks Sachsen, kommt die Diskussion um Arbeit für Ukrainerinnen und Ukrainer deswegen zu früh. Das Netzwerk berät Geflüchtete und Migranten. Tröger sagt, derzeit werde derselbe Fehler gemacht wie "in der ersten Flüchtlingsrunde 2015 bis 2017". Zu sagen, das Fachkräfteproblem sei gelöst, sei falsches Erwartungsmanagement: "Jetzt geht es erstmal um humanitäre Hilfe. Den Arbeitsmarkt können wir uns anschauen, wenn sich das alles gefestigt hat." Tröger zufolge haben die Menschen, die gerade ankommen, Traumatisches erlebt, Hab und Gut zurückgelassen. Sie bräuchten erst einmal Zeit.

Das stimmt sicher für die meisten. Und doch fragen in den Chatgruppen von Telegram einige nach Arbeit. Es gibt auch schon diverse Internetseiten, die Jobs ausdrücklich für Geflüchtete vermitteln. Eine davon, uatalents.com, wird von Ukrainern selbst betrieben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 21. März 2022 | 06:00 Uhr

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