Studie der Bertelsmann Stiftung Viele Jugendliche sorgen sich um ihre Ausbildung

"Die Mehrheit der Jugend fürchtet um ihre berufliche Zukunft." Das ist das zentrale Ergebnis einer Studie, die die Bertelsmann Stiftung veröffentlicht hat. Dafür wurden knapp 2.000 Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren in Deutschland nach ihren Chancen auf dem Ausbildungsmarkt befragt. Aber suchen die Unternehmen nicht trotz Corona verzweifelt nach Nachwuchs? Gefühlt haben die Aufrufe "Komm zu uns!", "#Jetzt bewerben", "Azubis gesucht" nicht nachgelassen. Oder doch?

Auszubildender mit Ausbilder an einer Werkzeugmaschine
Während in der Reisebranche wegen der Corona-Krise kaum Ausbildungsstellen angeboten werden, sind in der Metall- und Elektrobranche viele Stellen offen. Bildrechte: IMAGO / Rupert Oberhäuser

Die Pandemie hat nach Ansicht des 17-jährigen Oberschülers Franz aus Leipzig zu einer Verunsicherung geführt: "Viele wollen sich noch nicht festlegen, was sie jetzt machen." Sie wüssten schließlich nicht, wie es jetzt weitergehe.

Die meisten in seiner Klasse hätten sich für eine weiterführende Schule entschieden. Denn mit einem Abitur habe man mehr berufliche Optionen. Für diesen Trend sieht Franz aber auch noch einen anderen Grund: "Teilweise ist es auch dadurch begünstigt, dass es zurzeit schwieriger ist als sonst, Ausbildungsplätze zu finden."

Theoretisch genug Ausbildungsplätze vorhanden 

Clemens Wieland, Berufsbildungsexperte der Bertelsmann Stiftung, kann diese Eindrücke gut nachvollziehen. Sie bestätigen das Stimmungsbild der jüngsten Bertelsmann-Studie. Aber gibt es tatsächlich zu wenige Ausbildungsplätze? Wieland beobachtet zwei Trends. Auf der einen Seite sei die Zahl der Ausbildungsverträge im letzten Jahr deutlich zurückgegangen. Auf der anderen Seite gebe es noch viele unbesetzte Ausbildungsverträge.

Ich denke, ein großes Problem heute ist, dass Jugendliche und Ausbildungsbetriebe nicht mehr so zusammenfinden.

Clemens Wieland Berufsbildungsexperte

Theoretisch gibt es also genug Stellen.

Viele Ausbildungsplätze in einigen Branchen unbesetzt

Lars Fiehler
Lars Fiehler von der IHK Dresden Bildrechte: dpa

Auch im Bezirk der Industrie- und Handelskammer Dresden ist das laut Sprecher Lars Fiehler so. Es seien selten so viele Betriebe auf offenen Ausbildungsstellen sitzen geblieben wie letztes Jahr. Allerdings fänden die Jugendlichen nicht unbedingt einen Platz in ihrem Wunschberuf. In manchen Branchen verschärfe Corona dieses Problem, sagt Fiehler: "Ein junger Mensch, der jetzt gerade Reiseverkehrskauffrau lernen möchte in einem Reisebüro an seinem Wohnort, der wird sich gerade an der geschlossenen Tür die Nase platt drücken. Das ist so."

Dafür gibt es nach Angaben des IHK-Sprechers viele andere gute Ausbildungsplätze. Als Beispiel nennt er die Branchen Metall, Elektro, IT, industrienahe Dienstleister, Transport, Logistik, Medien, Druck, Pharma, Kunststoff und Chemie. "Dort wird unheimlich viel gesucht und leider nicht genug gefunden", so Fiehler.

Berufsberater nur noch digital erreichbar

Woher kommt dann die Verunsicherung der Jugend? Lisa Franz koordiniert für die Arbeitsagentur Oschatz die Berufsberatung im Landkreis Leipzig. Die Kluft zwischen den gefühlten und realen Chancen auf dem Arbeitsmarkt erklärt sie mit der Corona-Pandemie. Berufsorientierungsangebote in den Schulen könnten nicht mehr in Präsenz stattfinden. Berufsberater seien nicht mehr vor Ort und nur noch digital erreichbar.

"Sonst war es so, dass die Berater einmal in der Woche in den Schulen waren. Das ist aufgrund der Pandemie nicht mehr möglich", sagt Franz. Außerdem fallen Jobmessen und Praktika aus. Lisa Franz und ihr Team versuchen, die Jugendlichen zumindest digital zu treffen, um ihnen ihre Zukunftsängste zu nehmen. Der Oberschüler Franz aus Leipzig schaut nicht ängstlich in die Zukunft. Er hat seinen Traumplatz gefunden. Er lernt ab August Tischler.

Dieses Thema im Programm: 02. Mai 2021 | 08:06 Uhr

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