Notfallplan Was ein Gas-Lieferstopp für Industrie und Verbraucher bedeuten könnte

Wirtschaftsminister Habeck hat die Frühwarnstufe des sogenannten Notfallplans Gas ausgerufen. Für Wirtschaft und Verbraucher bringt das im Moment noch keine Einschränkungen. Bei den Unternehmen in Mitteldeutschland schrillen dennoch die Alarmglocken. Denn ohne Gas läuft in vielen Betrieben nichts. Im schlimmsten Fall könnte das auch für Verbraucher Folgen haben, weil Lieferketten unterbrochen und damit Produkte knapp werden könnten.

Verschiedene Manometer
Wird Russland den Gashahn zudrehen? Das fragen sich Unternehmer und Verbraucher. Bildrechte: MDR/Panthermedia

Der drohende Lieferstopp von russischem Gas treibt viele Unternehmer und Verbraucher derzeit um. Die Thüringer Wirtschaft warnt davor, Industriebetrieben den Gashahn zuzudrehen, sollte es zu einem Lieferstopp kommen. Karsten Kurth von der Industrie- und Handelskammer Erfurt sagte MDR THÜRINGEN, die Wirtschaft sei eng verzahnt. Es sei nicht möglich, die Gaslieferung an einem Standort zu kürzen, ohne an anderer Stelle große Probleme zu verursachen. Könne etwa ein Glashersteller nicht mehr produzieren, fehlten am Ende in Krankenhäusern Laborbehälter, Spritzen und Ampullen.

Wird der Gasnachschub unterbrochen, müsste die Produktion in vielen Betrieben zurückgefahren oder sogar gestoppt werden.

Almut Weinert IHK Ostthüringen zu Gera

Allein in Ostthüringen zählt die dortige Industrie- und Handelskammer über 650 Betriebe in der Metall-, Chemie-, Glas-, oder Keramikindustrie, die besonders von einem Lieferstopp betroffen wären. "Wird der Gasnachschub unterbrochen, müsste die Produktion in vielen Betrieben zurückgefahren oder sogar gestoppt werden", sagte die Leiterin des Geschäftsbereichs Wirtschaft und Technologie, Almut Weinert.

Umstellen auf Strom möglich, aber sehr teuer

Der Geschäftsführer des Chemiewerks Bad Köstritz, Lars Böttcher, hält Einsparungen nur für möglich, wenn das Unternehmen einzelne Produktionslinien abstellen würde. Das würde dann aber definitiv zu Umsatzausfällen führen. In seinem Werk werde Erdgas für die Dampferzeugung und für Trocknungsprozesse bei bis zu 800 Grad Celsius benötigt. Rund 85 Gigawatt brauche das Werk im Jahr. Umstellen auf Strom sei zwar langfristig technisch machbar - aber angesichts hoher Strompreise nicht sinnvoll.

Es sei schon so viel Gas wie möglich eingespart worden, sagte er. Die Heizungen für die Gebäude etwa seien im Winter runtergefahren worden. Beziffern konnte er das an seiner Gasrechnung: Bei etwa gleicher Produktion habe das Werk 2020 rund 2,2 Millionen Euro für Erdgas gezahlt, 2021 lag der Betrag bei 4,5 Millionen - und allein im ersten Quartal 2022 rechnet er mit 4,5 Millionen Euro. Ein Teil davon würde weitergeben werden. Bestellungen mit längerem Vorlauf müssten nun aber zum vereinbarten Preis abgewickelt werden.

Dr. Lars Böttcher
Der Geschäftsführer des Chemiewerks Bad Köstritz, Lars Böttcher: Heizungen wegen gestiegener Energiepreise runtergefahren. Bildrechte: dpa

Massive Störungen in Lieferketten befürchtet

In Sachsen-Anhalt warnte die Industrie- und Handelskammer Magdeburg vor gravierenden Auswirkungen auf Unternehmen, sollte es zu einem Lieferstopp für russisches Erdgas kommen. Präsident Klaus Olbricht rechnet dann mit massiven Störungen der Lieferketten, "weil etwa weniger Zusätze für Treibstoffe, Glas, Medikamente oder Kunststoffe hergestellt und damit viele Produkte knapper und teurer werden".

Er gehe zudem davon aus, dass die Strompreise weiter steigen und damit auch Unternehmen betroffen wären, die nicht auf Erdgas angewiesen sind. Sachsen-Anhalt hat viele große Abnehmer von Gas, etwa den Chemiepark in Leuna und die Stickstoffwerke in Piesteritz.

Infografik - Gasverbrauch der Industrie in Mitteldeutschland
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kein Ad-Blue mehr? - Chemieunternehmen wichtig für viele Produkte

Wie sich ein Lieferstopp konkret auf die Chemieindustrie auswirken würde, ist unklar. Die Infrastrukturgesellschaft Infraleuna ist eigenen Angaben zufolge an Gesprächen mit dem Bundeswirtschaftsministerium und weiteren Akteuren beteiligt. Eine unmittelbare Folge aus der bislang ausgerufenen Frühwarnstufe ergebe sich weder für die Infraleuna noch für die Kunden am Chemiestandort Leuna, sagte Infraleuna-Geschäftsführer Christof Günther. "Die Gasversorgung ist weiterhin sichergestellt."

Die Stickstoffwerke Piesterwitz (SKW) hoffen, bei einer möglichen Erdgaszuteilung vorrangig behandelt zu werden. Bisher beziehen sie ihr Erdgas vom Konzern Verbundnetz Gas AG, der den Rohstoff aus den Niederlanden, Norwegen und vor allem aus Russland erhält. Sollte der größte Lieferant ausfallen, lasse sich die Lücke nicht sofort schließen, sagte Firmensprecher Christopher Profitlich MDR SACHSEN-ANHALT.

SKW ist der größte Harnstoffproduzent in Deutschland und verarbeitet pro Jahr eine große Menge Erdgas: etwa 1,2 Milliarden Kubikmeter. Ein Gasstopp würde die gesamte Produktion in dem 800 Mitarbeiter zählenden Unternehmen lahmlegen, so Profitlich. Davon betroffen sei auch die Herstellung von Ad-Blue. Ohne dieses Mittel rollt kein modernes Dieselfahrzeug mehr. Lieferketten würden zusammenbrechen. Auch seien dann die meisten Feuerwehren, Busse und Polizeiautos nicht mehr einsatzbereit.

SKW Stickstoffwerke Piesteritz, 2016
Die Stickstoffwerke Piesterwitz produzieren einen wichtigen Grundstoff für den Betrieb von modernen Diesel-Autos. Bildrechte: IMAGO / Steinach

Sachsen: Unternehmen fragen nach Priorisierung

Auch in Sachsen macht sich die Wirtschaft Sorgen um seine Gaslieferungen. Der Sprecher der sächsischen Industrie- und Handelskammern (IHK), Lars Fiehler, sagte, die Unternehmen könnten in Bedrängnis geraten, "schließlich gibt es in Sachsen eine energieintensive Industrie wie Maschinenanlagenbau, Stahlwerke, Automobilindustrie und auch die Chemie und Pharmabranche, die sehr auf Gas angewiesen sind". Zwar sei aktuell erst die Frühwarnstufe ausgerufen worden, aber die Unternehmen fragten bereits nach weiteren Stufen, die auch eine Priorisierung beinhalten könnten. "Die Firmen wollen wissen, wer von einer Kürzung oder Kappung betroffen wäre", erläuterte Fiehler.

Im Stahlwerk Feralpi in Riesa klingeln bei der Unternehmensleitung wegen der Gaskrise schon die Alarmglocken. Wie Sprecherin Anna-Sophie Winkler MDR SACHSEN sagte, haben die Stadtwerke bei Feralpi angefragt, welche Schäden im Werk entstehen würden, wenn das Erdgas abgestellt würde. Das Unternehmen sei dabei, die Folgen zu ermitteln. Das Stahlwerk verbraucht im Jahr nach Unternehmensangaben 200.000 Megawatt Gas pro Jahr. Längerfristig will Feralpi auf Wasserstoff umstellen.

Blick in die Ofenhalle der ESF Elbe-Stahlwerke Feralpi GmbH in Riesa
Für Feralpi in Riesa ist Gas neben Strom die wichtigste Energiequelle. Bildrechte: dpa

Derzeit keine Engpässe bei Gas

Vorerst müssen sich Unternehmen und Verbraucher in Sachsen nicht auf Einschränkungen bei der Gasversorgung einstellen, beteuerten Wirtschaftsminister Martin Dulig und Energieminister Wolfram Günther. Sie erklärten in Dresden, es gebe derzeit keine Engpässe.

Es gibt drei Stufen. Das ist die Frühwarnstufe, das ist die Alarmstufe und die Notfallstufe. Und erst in der Notfallstufe ist es dann soweit, dass der Staat tatsächlich in den Markt eingreifen wird. Und wir sind noch lange nicht an diesem Punkt.

Martin Dulig Wirtschaftsminister Sachsen

Die drei Krisenstufen (aus dem Notfallplan Gas)
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Besonderer Schutz für Verbraucher

Aktiv ins Marktgeschehen eingegriffen werden kann laut Bundeswirtschaftsministerium erst bei der Notfallstufe. Die Bundesnetzagentur entscheidet dann, wer noch wie viel Gas geliefert bekommt. Besonderen Schutz genießen dabei etwa Verbraucher und Krankenhäuser, Unternehmen kann aber teilweise das Gas abgedreht werden. Dafür gibt es laut Wirtschaftsministerium aber noch keinen Priorisierungsplan. 

Die Bundesnetzagentur startete nach Ministeriumsangaben allerdings bereits eine Umfrage unter den deutschen Unternehmen, wie wichtig die Gaslieferungen jeweils für sie sind. Die Frage der Priorisierung sei dabei "eine sehr schwierige Entscheidung", da Folgeketten berücksichtigt werden müssten.

MDR (kb)/dpa

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