Lehrlinge Durchmischte Qualität bei Ausbildungen im Lockdown

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Der anhaltende Lockdown ist schwer für die Inhaber von vielen Betrieben. Schwer ist er aber auch für ihre Lehrlinge, die den Regelbetrieb des Unternehmens nicht kennenlernen. Wie lernt man zum Beispiel Gastfreundschaft ohne Gäste?

Vienna House Dresden
Leere Hotels machen es schwer für Auszubildende, den Umgang mit Gästen zu lernen. Bildrechte: MDR/Florian Glatter

Typisch deutsch? Das ist für Nazia Aslam auch die Art, wie die Deutschen ihre Fachkräfte ausbilden. Vor knapp drei Jahren kam sie aus Pakistan nach Dresden. Nun lernt die 25-Jährige in der Bergwirtschaft Wilder Mann Hotelfachfrau. Anfangs staunte sie über die Mischung aus Berufsschule und praktischer Lehre. "In meiner Heimat ist das ganz anders. Dort machen wir nur Theorie. Praktikum machen wir gar nicht. Und das finde ich hier sehr, sehr schön, dass wir zusammen Praktikum und Theorie haben."

Das Problem ist nur: Wegen Corona kann beides kaum stattfinden. Die Berufsschulen sind weitgehend zu. Und ins Hotel kommen nur noch Geschäftsreisende. Es ist für die Azubis eine Herausforderung, sagt Aslams Chef Jochen Löbel. Es fehle die übliche Hotelkommunikation. Gäste und Mitarbeiter tragen Mund-und-Nasen-Schutz. Die Kommunikation sei also im absolut untersten Level.

Onlinekurse für die Auszubildenden

Jochen Löbel bildet acht Azubis aus. Gerade jene mit Migrationshintergrund bräuchten dringend mehr Austausch. Und so ließ er sich etwas einfallen. Jochen Löbel hat einen Online-Kurs organisiert. Ein Ausbilder sitzt vorm Computer, fünf Lehrlinge sehen ihm von zu Hause aus zu. Und dann geht es um praktisches Wissen. Der Ausbilder fragt: "Bitte notiere klassische kalte Vorspeisen. Hat jemand eine Idee für eine kalte Vorspeise?" Ein Lehrling antwortet: "Geflügel-Cocktail?" Und liegt nicht daneben. "Ein Geflügel-Cocktail. Ja, Dankeschön! In diese Richtung soll es gehen."

Der Onlinekurs kostet je Teilnehmer 260 Euro. Jochen Löbel bezahlt das für seine Azubis aus eigener Tasche. Es klingt fast wie im Märchen: Ein Chef, der in der Krise in seine Lehrlinge investiert. Doch tatsächlich gibt es so etwas nicht nur einmal.

Die Zeit im Lockdown nutzen

Caroline Witzel ist Landesjugendsekretärin der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten. Sie sagt, einige Ausbilder hätten die Haltung: Jetzt sei endlich mal Zeit, den jungen Leuten etwas beizubringen. Sie sagt: "Da planen dann beispielsweise die Küchen-Azubis selbst kreierte Menüs, kalkulieren die und kochen die. Die Restaurant-Fachazubis dürfen sich dann fit machen in der Weinkunde und die dazu passenden Weine empfehlen. Und die Hotel-Fachazubis tüfteln dann an Ablaufplänen für Veranstaltungen und Tagungen."

Vor allem Familienbetriebe würden sich um ihre Azubis kümmern, sagt Caroline Witzel. Es gäbe aber auch gegenteilige Beispiele. Hotels und Gaststätten, die ihre Lehrlinge in der Krise hängen ließen, nur noch zum Putzen oder Essenausfahren einsetzen.

Gemischte Bilanz der Ausbildung in der Pandemie

Und es gebe auch Betriebe, die gar nichts mehr lehren: "Hier erfahren wir zum Beispiel vermehrt auch, dass Azubis aufgefordert werden, in den Betrieben den Urlaubsanspruch aufzubrauchen. Und uns sind auch schon Fälle bekannt, in denen Auszubildende auch schon im ersten Lockdown ohne den Umweg über die Ausbildungsentgeltfortzahlung in die Kurzarbeit geschickt worden sind."

Karteireiter mit der Aufschrift Kurzarbeitergeld. 1 min
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Ein großes Problem findet Caroline Witzel, dass in mehreren Lehrberufen die Zwischenprüfungen ausgefallen seien. Die Gewerkschafterin hofft, dass die Kammern bei den Betroffenen nun ganz darauf verzichten. Nazia Aslam sitzt derweil in ihrem Online-Kurs und lernt für den Abschluss. Sie sagt: "Ja, ich denke, dass ich meine Prüfung schaffen werde. Ich habe noch ein bisschen Zeit."

Danach würde sie gern in Dresden bleiben. In dem Betrieb weiterarbeiten, der sie trotz Krise ausgebildet hat.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Februar 2021 | 06:54 Uhr

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