Bahnverkehr Kurorte in Mitteldeutschland kämpfen um nachhaltige Bahnverbindung

Oberhof, Stolberg im Harz und Herrnhut sind beliebte touristische Ziele. Aber eine Bahnanbildung gibt es dorthin seit Jahren nicht mehr. Doch in den Orten kämpfen die Menschen für eine Wiederbelebung der Strecken.

1994 wurde aus Deutscher Reichsbahn und Deutscher Bundesbahn die Deutsche Bahn AG – eine staatseigene Aktiengesellschaft, mit dem Auftrag Gewinne zu erwirtschaften. Seit dieser Zeit wurden 3.663 Kilometer Bahnstrecken stillgelegt, 3.300 Kilometer davon im Osten. Auch beliebte touristische Ziele wurden so vom Streckennetz abgekoppelt. Abfinden wollen sich die Bürger vor Ort damit nicht. Wir zeigen das an drei Beispielen aus Mitteldeutschland.

Stolberg im Harz – seit 2011 abgehängt

Der Luftkurort Stolberg befindet sich im südlichen Harz. Die kleine Stadt kann sich mit den Titeln Fachwerkstadt und Historische Europastadt schmücken. Stolberg hat gut 1.200 Einwohner, ebenso viele Gästebetten und lebt vom Tourismus. Doch der Bahnhof ist verwaist, vor neun Jahren wurde der Bahnverkehr auf der Strecke Berga-Kelbra – Stolberg eingestellt. "Wir hatten rund 150 Fahrgäste an einem normalen Wochentag. Der Zweistundentakt, der dort damals eingerichtet war, hat uns 790.000 Euro im Jahr gekostet", sagt Wolfgang Ball vom Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH. Die Stadt hat auf Busverkehr umgestellt, der deutlich günstiger ist. "Heute fährt dort ein Bus, da sitzen 300 bis 350 Fahrgäste am Tag drin. Der kostet uns 180.000 Euro", rechnet Ball vor.

Bahnhof Stollberg
Der Bahnhof von Stolberg ist verwaist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hoffnung auf Reaktivierung der Bahnstrecke

Clemens Ritter von Kempski betreibt nur fünf Kilometer von Stolberg entfernt die Hotelanlage Naturresort Schindelbruch. Er setzt auf Ökologie und Nachhaltigkeit. Er kämpft für eine Reaktivierung der Bahnstrecke. "Die Nachhaltigkeit hat einen großen Punkt in der Logistik, im CO2-Fußabdruck", betont der Hotelier. Es sei wichtig, dass Gäste, die sich für Nachhaltigkeit interessieren auch klimaneutral anreisen könnten – eben auch mit der Bahn. "Zumal diese Bahnstrecke ausgebaut vorhanden ist", so von Kempinski.

Die Hoffnung auf Reaktivierung ist nicht unbegründet. Die in Wolfenbüttel ansässige Tourismus- und Warnetalbahn GmbH ist dabei, die Strecke wieder herzurichten. Hinter der GmbH steckt ein Dampflokverein mit eigenem Fuhrpark und Ambitionen für den Südharz. "Wir haben diese Bahnstrecke 2019 von der DB Netz gepachtet, mit der Absicht mit den örtlichen Akteuren, mit den touristischen Akteuren, aber natürlich auch mit den anliegenden Kommunen diese Bahnstrecke für einen touristisch orientierten Verkehr wieder zu reaktivieren", sagt Ingo Kamossa von der Dampflok-Gemeinschaft 41 096 e.V. Noch in diesem Jahr könnten hier die ersten Sonderzüge rollen. Damit ist man noch weit entfernt von einem regelmäßigen Bahnbetrieb, aber es ist ein Anfang.

Ein Mann mit orangener Bekleidung steht an einem Gleis
Ingo Kamossa ist Mitglied der Dampflok-Gemeinschaft 41 096 e.V., welche um eine Wiederbelebung der Bahnanbindung bemüht ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Oberhof – drei Jahre ohne Zuganbindung

Oberhof ist der wohl bekannteste Wintersportort Thüringens – mit über 500.000 Übernachtungen in einem "normalen" Jahr ohne Corona-Einschnitte. Gut fünf Kilometer unter der Stadt ist das Bahnhofsgebäude. Seit drei Jahren rauschen alle Züge durch den Bahnhof durch. Denn der Haltepunkt wird nicht mehr bedient. Das bereits 2014 von der Bahn verkaufte Bahnhofsgebäude ist gänzlich ungenutzt und verfällt langsam. Im Rathaus von Oberhof hat man sich mit dem Verlust des Bahnhofes abgefunden. Bürgermeister Thomas Schulz sieht die Ursache vor allem in einer verfehlten Verkehrspolitik des Bundes. "Es wirkt schon etwas seltsam, wenn in einem Land, wo über alternative Mobilitätsformen gesprochen wird, ein Stück weit weg von den Verbrennungsmotoren, von den altbekannten Autos, dann der öffentliche Personennahverkehr dennoch so ausgedünnt wird", kritisiert Schulz.

Ein Bahnhofsgebäude im Schnee
Der Bahnhof in Oberhof ist seit drei Jahren vom Eisenbahnnetz abgekoppelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine politische Sackgasse?

Im Thüringer Ministerium für Infrastruktur kann man die Verärgerung nicht nachvollziehen. Die Entscheidung sei mit den Verantwortlichen vor Ort abgestimmt, erklärt Antje Hellmann: "Die Region hat sich dafür entschieden, dass der Bahnhof Zella-Mehlis um- und ausgebaut werden soll, sodass man direkt vom Zug in den Bus nach Oberhof umsteigen kann. Man ist da circa. 15 Minute unterwegs". Fast 1.000 Bürger hatten sich in einer Petition für den Erhalt des Oberhofer Bahnhofes ausgesprochen. Davon habe man im Ministerium nichts gewusst, heißt es. Ohnehin habe es keine Alternative gegeben, betont der Bürgermeister der Stadt. Deswegen habe er auch für den Ausbau des Bahnhof von Zella-Mehlis gestimmt: "Es gab keine Möglichkeit, dass die Bahn diesen Haltepunkt saniert, dieses Gebäude instand setzt. Sie war wohl zu diesem Zeitpunkt auch gar nicht mehr Eigentümer".

Bürgermeister Thomas Schulz Oberhof Umschau
"Es gab keine Möglichkeit, dass die Bahn diesen Haltepunkt saniert", sagt der Bürgermeister von Oberhof, Thomas Schulz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Herrnhut – 22 Jahre ohne genutzte Bahnstation

Herrnhut in der Lausitz ist berühmt für die Manufaktur der Herrnhuter Sterne. Von kulturhistorischer Bedeutung ist die Brüdergemeinde, die sich 1722 dort angesiedelt hat. Mit dieser will Herrnhut sogar Weltkulturerbe werden. Stolz präsentiert sich auch der frisch sanierte Bahnhof mit seiner in Nicht-Corona-Zeiten belebten Einkaufsmeile. Aber ganze 22 Jahre ist es bereits her, dass ein Zug dort Halt gemacht hat. Das will der Verein "Pro Herrnhuter Bahn e.V." ändern.

Auch Lokführer Björn Scholz und der angehende Verkehrsingenieur Eric Koreng gehören zu den Aktivisten der Initiative. "Wir kämpfen darum, dass eine vorhandene Bahnstrecke, die nur außer Betrieb genommen wurde, wieder reaktiviert wird", sagt er. "Das große Ziel ist natürlich der Schienen-Personennahverkehr, dass wir wieder eine gute Anbindung haben im ländlichen Raum." 400 bis 500 Fahrgäste am Tag könnten dann geschätzt täglich die Strecke nutzen, besage eine Studie.

Bahnhof Herrnhut
Der Bahnhof von Herrnhut hat eine Einkaufsmeile, aber keinen Bahnhaltepunkt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwischen Radweg-Debatte und Bahninitiative

Gegen eine Wiederbelebung der Strecke stehen vor allem die Pläne der bahneigenen Netz AG, die Trasse an den Landkreis Görlitz zu verkaufen. Momentan läuft auch ein Planfeststellungsverfahren für einen darauf zu errichtenden Radweg. Doch nicht alle Gemeinden entlang der Strecke sind davon begeistert. In Obercunnersdorf wird die Frage aufgeworfen, wer die Sicherheit der Radfahrer auf den Viadukten garantieren soll. Ungeklärt sei auch die Verteilung der Kosten.

Viadukt
Ein Radweg könnte über die Viadukte führen. Zumindest ein Planfeststellungsverfahren dazu läuft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Josef Kempis, der Ortsvorsteher von Obercunnersdorf, spricht sich für eine Wiederbelebung der Bahngleise aus. "Wir haben in Obercunnersdorf über 250 Umgebindehäuser, wo die Nachfrage nach touristischen Möglichkeiten und Übernachtungen gestiegen ist in den letzten Jahren", sagt er. Politischen Beistand erhält die Bahninitiative mittlerweile auch von den Grünen im Görlitzer Kreistag. Und das, obwohl die Fraktion einst für den Kauf der Strecke stimmte. Der Kreistagsbeschluss sei inzwischen von der Zeit überholt worden, sagt Annett Jagiela, Bündnis 90/Die Grünen: "Wir reden ja alle darüber, dass wir unser Klima, unsere Natur schützen müssen. Da spielt der öffentliche Nahverkehr eine riesengroße Rolle." 27 Millionen würde es kosten, die Strecke zu reaktivieren.

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Döllnitzbahn
Der "Wilde Robert" beförderte aber nicht nur landwirtschaftliche Produkte. Bis zum Jahr 2001 transportierte er auch Kaolin, ein Rohstoff für die Papier- und Porzellanherstellung, der in der Region um Kemmlitz abgebaut wird. Heutzutage können die Besucher jeden letzten Sonntag und zu vielen Sonderfahrten und Veranstaltungen Eisenbahnromantik mit der Döllnitzbahn erleben. Bildrechte: Denise Zwicker/Döllnitzbahn GmbH

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | UMSCHAU | 02. Februar 2021 | 20:15 Uhr

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