Rewe, Aldi, Lidl und Co. Preiskampf im Supermarkt: Bauern unter Druck

Frisch, lecker und immer günstiger: Lebensmittel sollen höchsten Qualitätsansprüchen genügen, Lebensmittelpreise sollen hingegen ständig unterboten werden. In bunten Werbeheftchen werden die "Superpreisknaller" angepriesen. Die großen Supermarktketten und Discounter wenden hierfür offenbar fragwürdige, unfaire Methoden an, um sich preislich (nach unten) abzuheben – auf Kosten der Erzeuger.

Die Recherche der MDR exakt-Reporter beginnt mit genau diesen Werbebroschüren der großen Lebensmittelanbieter, die sich fast täglich mit Preisnachlässen und Sonderangeboten überschlagen. Doch wer zahlt die Zeche für den Preiskampf in den Ladenregalen?, fragen sie und kontaktieren diejenigen, die die Lebensmittel für die großen Einzelhandelsketten liefern und fahren nach Prosigk, ins südliche Sachsen-Anhalt. Dort treffen sie einen Landwirt, der vor drei Jahren aus dem Geschäft mit dem Einzelhandel ausstieg.

Olaf Feuerborn, Gemüsebauer und Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt, belieferte über ein Jahrzehnt alle namhaften Supermarktketten. Die würden die Bauern mit fragwürdigen Vertragsbedingungen finanziell ausbluten lassen.

Wenn ich heute Waren liefere, kriege ich erst in drei Monaten mein Geld. Das trifft uns heute ganz enorm, weil wir die Margen einfach nicht mehr haben, um es vorfinanzieren zu können. Dann wird an der Qualität rumgemosert und dann wird die Ware reklamiert, kommt zurück und das sind finanzielle Einbußen.

Olaf Feuerborn
Olaf Feuerborn, Gemüsebauer und Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt, in blauem Blazer vor einem Feld
Olaf Feuerborn belieferte früher die großen Supermarktketten, heute nicht mehr. Genau diese Ketten ließen die Erzeuger ausbluten, sagt er. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das könne, wenn eine ganze Wagenlieferung zurückkomme, bis zu 20.000 Euro Produktverlust sein. Olaf Feuerborn vermarktet seine Salate, Radieschen und Eier heute selbst, an Rewe, Aldi und Co. liefert er nicht mehr. Denn wer das mache, müsse sich dem Diktat der Supermarktketten beugen.

Keine Partnerschaft auf Augenhöhe

Feuerborn betont: "Wir haben heute keine Partnerschaft mit dem Lebensmitteleinzelhandel auf Augenhöhe. Der Lebensmitteleinzelhandel ist so riesig, so mächtig. Wir haben heute nur noch vier große Lebensmitteleinzelhandelskonzerne, die eigentlich den Preis bestimmen."

Wenn er als Landwirt in den Preisverhandlungen nicht zustimme, dann werde er seine Ware nicht los und muss entsprechend nach anderen Kundinnen und Kunden suchen – und die haben normalerweile eigene Lieferanten. Schnell geht ein Wechsel also in jedem Falle nicht.

Hohe Regalmieten und kaum Umsatz

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Ein anonymer Unternehmer gibt den exakt-Reportern Einblicke in "das Hamsterrad": steigende Kosten und schnelles Wachstum. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Betriebe wie etwa Teigwarenproduzenten, Babynahrungshersteller oder Molkereien bestätigen die unfairen Praktiken der großen Ketten. Doch zitiert werden möchte niemand. Hinter vorgehaltener Hand schildern Unternehmen und Verbände die Methoden der Einzelhandelsketten: Allein um ins Sortiment aufgenommen zu werden, müssen die Hersteller pro Produkt bis zu 5.000 Euro an die Märkte zahlen. Eine Platzierung auf Augenhöhe kann fünfstellige "Regalmieten" nach sich ziehen. Eine Beteiligung an Werbekosten wird somit vorausgesetzt.

Nach vielen weiteren Telefonaten gelingt es den Reportern, einen Unternehmer für ein Interview zu gewinnen. Auch er möchte unerkannt bleiben. Zu groß sei das Risiko, aus dem Sortiment gestrichen zu werden. Er sagt, er könne mit seinem Geschäft nur noch die Fixkosten decken, man mache kaum noch Umsatz:

Langfristig ist das der Tod. Ich weiß nicht, wie ich Lohnerhöhungen für meine Mitarbeiter finanzieren soll. Die einzige Option ist: Du musst schneller wachsen als die Kosten steigen. Das ist ein totales Hamsterrad. Und je länger wir dabei sind, desto schwieriger wird es.

Unternehmer (anonym)

Big Player unter sich

Landwirte und Unternehmen stehen den großen vier Supermarktketten nahezu machtlos gegenüber: Die Edeka Gruppe, zu der unter anderem auch Netto gehört, Aldi, Rewe und die Schwarzgruppe mit Lidl und Kaufland beherrschen 85 Prozent des Lebensmittelmarkts in Deutschland.

Auf MDR exakt-Anfrage bestreiten die Konzerne, die geschilderten Geschäftspraktiken zu dulden oder überhaupt zu kennen. Solche anonymen und pauschalen Vorwürfe könne man nicht nachvollziehen, heißt es unter anderem.

Zwei Wägen rollen über ein sonniges grün-braunes Feld und werden von Erntehelferinnen und -helfern angeschoben
Der Preiskampf um Lebensmittel trifft die Erzeuger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Oxfam deckt unfaire Handelspraktiken auf

Marita Wiggerthale von der NGO "Oxfam" wurde bereits im Bundestag als Expertin zum Thema unfaire Handelspraktiken angehört. Nach vielen Gesprächen mit Unternehmerinnen und Unternehmern sagt sie:

"Zu den Handelspraktiken gehörte unter anderem, dass die Zahlungen sehr spät erfolgen, dass kurzfristig Bestellungen storniert werden, dass sie für die Renovierung einer Filiale zur Kasse gebeten werden oder Abschläge zahlen müssen, wenn die Erträge der Supermarktketten hinter ihren Erwartungen zurückbleiben."

Gesetzesänderung geht nicht weit genug

Anfang Mai verabschiedete der Bundestag das „Agrarorganisationen-und-Lieferketten-Gesetz“. Für Marita Wiggerthale von Oxfam geht das neue Gesetz nicht weit genug. Sie hat kaum Hoffnung, dass sich etwas substanziell ändert.

Marita Wiggerthale von der NGO "Oxfam" in ihrem Büro
Marita Wiggerthale von der NGO "Oxfam" ist Agrarwirtschaftsexpertin. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Oxfam veröffentlichte Anfang des Jahres eine Liste mit über einhundert unfairen Handelspraktiken und empfahl dem Bundestag eine Generalklausel einzuführen, um dem Ganzen einen Riegel vorzuschieben. Das ist nicht geschehen. Das neue Gesetz untersagt nur einige wenige fragwürdige Methoden, etwa kurzfristige Stornierungen von Lieferungen.

Vom zuständigen Bundeslandwirtschaftsministerium heißt es:

Eine Generalklausel als Tatbestand gegen unlautere Handelspraktiken hätte den Nachteil, dass sie aufgrund ihrer Unbestimmtheit erst durch eine teils langjährige Rechtsprechung hinreichend konkretisiert werden, bis sich ein weitreichender Schutz für die Betroffenen feststellen lässt.

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Keine Lösung in Sicht

Seit Sonntag ist Olaf Feuerborn gewählter CDU-Abgeordneter in Magdeburg und kann versuchen, politisch Einfluss zu nehmen. Aber eine Lösung kann nicht nur aus neuen Gesetze und Regelungen bestehen, sagt er: "Letztlich muss das Miteinander zwischen Lebensmitteleinzelhandel und Lieferanten passen. Ansonsten wird es nicht funktionieren."

Klar ist aber auch: solange die Verbraucher bei Lebensmitteln vor allem auf den Preis schauen, wird sich wenig ändern.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 09. Juni 2021 | 20:15 Uhr

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