Belastung am Arbeitsplatz Immer mehr Menschen wegen psychischer Probleme berufsunfähig

Nach Daten der Debeka-Versicherungsgruppe sind psychische Erkrankungen mit großem Abstand Ursache Nummer eins für Berufsunfähigkeit. Das sind 40,6 Prozent. 1996 waren es gerade einmal 20 Prozent. So die Zahlen der deutschen Rentenversicherung. Halten wir alle nichts mehr aus oder haben sich unsere Arbeitsbedingungen so sehr verschlechtert?

Mann wirkt gestresst in einem Büro
Stress, Belastung, Erschöpfung – psychische Probleme sind inzwischen der häufigste Grund für eine Berufsunfähigkeit in Deutschland. Bildrechte: dpa

Meist kommt es schleichend. Doch kurz vorher merke man es, sagt Arbeitspsychologe Hannes Zacher von der Universität Leipzig. Sich ausgebrannt zu fühlen bei der Arbeit hänge mit Symptomen wie emotionale Erschöpfung, geistige Erschöpfung, körperliche Erschöpfung zusammen. "Einige berichten auch, dass sie zynisch ihrer Arbeit gegenüber geworden sind oder auch den Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten, oder auch den Kunden und Kundinnen. Und diese psychischen Probleme gehen einher mit chronischen Erkrankungen wie depressiven Verstimmungen, Ängsten bei der Arbeit, bis hin zu körperlichen Erkrankungen."

Branchenübergreifende Zunahme von psychischer Belastung

Wem ärztlich eine Berufsunfähigkeit attestiert wird, dem gehe es richtig schlecht. Sich eine Frührente zu erschleichen, gehe nicht, so Zacher. Nicht nur die Studie der Debeka zu den Privatpatienten zeigt, dass die Zahlen zu psychischer Belastung zunehmen – und das branchenübergreifend. Auch die gesetzlichen Versicherer, die Forschung aus der Arbeitspsychologie oder auch die regelmäßige Erhebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Markus Hofmann vom DGB sagt, die Gründe dafür seien: "Arbeitsverdichtung, geringe Wertschätzung, schlechtes Führungsverhalten. Wenn ich mir zum Beispiel das Thema Arbeitszeit und Arbeitsverdichtung anschaue – dann ist es herzlich egal, ob ich im Büro sitze oder ob ich zuhause sitze."

Psychologe: Stille Stunde für konzentriertes Arbeiten einrichten

Eine Ursache für die psychische Belastung am Arbeitsplatz sind vor allem fehlende Ruhezeiten. In kleineren Unternehmen werde der Gemütszustand der Belegschaft meist beim gemeinsame Kaffeetrinken und Quatschen aufgefangen und es könne schnell reagiert werden, anders als in Großunternehmen, sagt Psychologe Dirk Windemuth von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.

Er arbeitet mit Unternehmen, um psychischen Belastungen präventiv zu begegnen. Ein anderes Thema, was man in jedem Betrieb höre, sei, dass man ständig unterbrochen werde. "Dann klingelt das Telefon, dann kommen E-Mails, dann kommt jemand rein und ich kann hier gar nicht mal die großen Dinge abarbeiten. Ich werde immer unterbrochen." Eine Empfehlung, die er dann gebe, sei: "Richtet doch mal so eine stille Stunde ein. Das heißt, jeder Beschäftigte hat eine Stunde pro Tag, in der er konzentriert an einer Sache arbeiten kann."

Immer weniger Betriebe führen Gefährdungsbeurteilung durch

Da die meisten von uns auch in der Freizeit kaum runterschalten könnten, sei es wichtig, dass wenigstens das Arbeitsumfeld stressfreier werde. Seit 2013 ist eigentlich gesetzlich geregelt, dass Unternehmen regelmäßig eine Gefährdungsbeurteilung ihrer Belegschaft machen müssen – sowohl was die körperliche als auch die psychische Versehrtheit betrifft.

Doch dies werde nicht ausreichend genutzt, so Markus Hofmann vom DGB: "Wir erleben, dass gerade mal bei knapp 50 Prozent aller Betriebe in Deutschland diese umfassende Gefährdungsbeurteilung durchgeführt wird. Und die Tendenz ist rückläufig. Und auf der anderen Seite haben wir in den letzten zwanzig Jahren beobachten müssen, dass die Kontrollbehörden, die Arbeitsschutzbehörden überhaupt nicht mehr die Kapazitäten haben, dem nachzugehen." Doch wenn Unternehmen darauf setzen, schneiden sie sich letztlich selbst ins eigene Fleisch, denn sie sind auf gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewiesen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Januar 2022 | 06:56 Uhr

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