Nahrungsmittel anbauen statt Energiepflanzen Biosprit-Experten kritisieren Idee der Bundesumweltministerin

Nach dem Willen der Bundesumweltministerin Steffi Lemke sollen für die Produktion von Biokraftstoffen, also Bioethanol oder Biodiesel, weniger Nahrungs- und Futtermittelpflanzen verwendet werden. Die Anbaufläche von rund fünf Prozent sollte lieber für die Lebensmittelproduktion und nicht den Tank genutzt werden, erklärte die Grünen-Politikerin. Die Produzenten von Biokraftstoffen sehen das Vorhaben kritisch.

Maislager eine Biogasanlage
Eine mit Maispflanzen betriebene Biogasanlage. Bildrechte: IMAGO / Joerg Boethling

Rapsöl, Mais, Getreide oder Zuckerrüben – sie sind die Grundlage für viele Biokraftstoffe wie Bioethanol oder Biodiesel. Den Vorstoß von Bundesumweltministerin Steffi Lemke, den Anteil von Mais und Co. bei der Produktion künftig zu reduzieren, kann Elmar Baumann nicht nachvollziehen. Er ist der Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB). "Ich bin etwas erstaunt, weil Frau Lemke sich widerspricht. Sie hatte am 22. März geäußert, dass sie vor einer Vernachlässigung des Klimawandels wegen des Ukraine-Krieges warnt. Biokraftstoffe sind heute der einzige größere Beitrag zur Treibhausgasminderung im Straßenverkehr."


Getreideverwendung in Deutschland 2020/21 In Deutschland landet ein Großteil des Getreides im Futtertrog: von den 42,9 Millionen Tonnen Gesamtverbrauch 2020/2021 wurden nach vorläufigen Daten des BLE 25 Millionen Tonnen an Tiere verfüttert – gut 58 Prozent. Rund 20 Prozent landen auf den Küchentischen, 8,9 Prozent, das entspricht 3,8 Millionen Tonnen, werden für die Energieerzeugung als Sprit, eingesetzt. Der Rest kommt wird industriell verwertet, hinzu kommen Saatgut-Rückstellungen und Verluste. Bundesanstalt für Landwirtschaft

Bio-Sprit ist wichtig für Treibhausgaseinsparung

Fünf Prozent Treibhausgaseinsparungen erreicht Deutschland durch angebaute Biokraftstoffe, bestätigt Daniela Thrän. Sie leitet das Department Bioenergie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Diesen Wert könne man ohne Agrarprodukte in der Biospritherstellung momentan sonst nicht erreichen.

Aber Thrän sagt auch: Über 60 Prozent der Ackerfläche in Deutschland wird für Futter-, nicht für Lebensmittel genutzt: "Es ist in dem Sinne keine Teller-oder-Tank-Debatte, die wir hier führen, sondern eigentlich immer eine Teller-oder-Trog-Debatte."

VDB-Geschäftsführer Elmar Baumann ärgert aber noch etwas: Er findet es fragwürdig, wenn die Umweltministerin auch von Biokraftstoffen aus Futtermittelpflanzen spricht. Denn die Produktion von Biokraftstoffen, von Biodiesel und Bioethanol aus landwirtschaftlicher Biomasse produziere automatisch auch immer Futtermittel mit. Es entsteht etwa genauso viel Biokraftstoff wie Futtermittel. Baumann glaubt nicht, dass es Versorgungsprobleme an der Zapfsäule geben könnte, wenn Bio-Sprit auf landwirtschaftlicher Grundlage wegfallen würde. Es würden dann schlicht die Preise steigen.

Biosprit-Branche ist derzeit im Wandel

Aber in der Biokraftstoffbranche tut sich ohnehin was. Etwa ein Drittel des Biodiesels zum Beispiel wird bereits aus Abfällen und Restprodukten wie Gülle oder Stroh gewonnen. Claus Sauter ist der Vorstandsvorsitzende des Biokraftstoffherstellers VERBIO mit Sitz in Sachsen-Anhalt. Er schreibt an MDR AKTUELL, das Unternehmen investiere bis 2023 insgesamt 300 Millionen Euro in den Ausbau der Produktionskapazitäten mit dem Fokus auf fortschrittliche Biokraftstoffe aus Reststoffen. "Wir fordern schon lange, dass die Politik perspektivisch stärker auf erneuerbare Energien aus Reststoffen setzt."

Biokraftstoffe aus Reststoffen seien insgesamt natürlich besser, sagt Bioenergieexpertin Daniela Thrän. Aber die könne man nicht so schnell hochfahren. "Erstens muss man diese Rest- und Abfallstoffe mobilisieren und zweitens muss man dafür auch andere Verfahren einsetzen." Da müsse man schon drei bis fünf Jahre dafür rechnen.

Das Ansinnen von Bundesumweltministerin Steffi Lemke hält sie unterm Strich deshalb für kontraproduktiv: Es beunruhige die Märkte, führe zu mehr Treibhausgasen im Verkehr und habe für die Lebensmittelproduktion nur einen geringen Effekt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 02. Mai 2022 | 05:00 Uhr

32 Kommentare

Armin C. vor 2 Wochen

@Dorfmensch
Na, wenn man Stroh zu Gold spinnen kann, dann sollte doch Biodiesel aus demselbigen auch kein Problem sein. Märchen haben durchaus eine Berechtigung, auch heute noch, z.B. den Armen zu vermitteln, dass sie ihr Schicksal hinzunehmen haben. Bis (wenn sie Glück haben) wie aus dem Nichts ein Erlöser auftaucht, der sie davon befreit. Aber an so einem modernen Rumpelstilzchen, da müssen sie wohl noch lange dran arbeiten, das ist selbst mit 3D-Drucker und allem Hei-Tekk noch in weiter Ferne...

Eulenspiegel vor 2 Wochen

Nur zu ihrer Information:
Es ist im Prinzip recht einfach einen Diesel auf Gasbetrieb umzustellen. Im übrigen sind sämtliche Verbrennungsmotoren eigentlich Gasmotoren die auf Flüssigtreibstoff umgestellt wurden.

emlo vor 2 Wochen

Ich bin da kein Experte. Aber die Firma Verbio AG bewirbt genau das unter dem Titel "verbiogas": "Aus vier Ballen Stroh (entspricht zwei Tonnen) können wir so viel Biomethan herstellen, dass ein Mittelklasse-PKW mit CNG-Antrieb ein ganzes Jahr lang fahren kann (Jahresfahrleistung gem. DIW 11.500 km)."
Also muss es doch irgendwie funktionieren.

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