Fusionen, Schließungen, Stellenabbau Waggonbau in Mitteldeutschland – Ein Kampf ums Überleben

Die Werke in Bautzen und Görlitz hat Bombardier an den französischen Konzern Alstom verkauft. Die Mitarbeiter fürchten um ihre Jobs – wie so oft in der über 150-jährigen Geschichte des Waggonbaus in Mitteldeutschland.

Der Waggonbau gehört zu den traditionsreichsten Industrie-Zweigen in Ost-Deutschland. Schon 1849 werden in Görlitz die ersten Wagen produziert, nur 14 Jahre nach Beginn des Eisenbahnzeitalters in Deutschland. Innerhalb weniger Jahrzehnte sind Zehntausende Kilometer Eisenbahnstrecke entstanden. Entsprechend groß ist der Bedarf an Personen- und Güterwaggons, die darauf fahren.

Traditions-Standorte seit Anfang des 20. Jahrhunderts

Auch in Halle und Bautzen entdecken Unternehmer die Chancen des neuen Geschäfts. Die Lindner AG in Halle-Ammendorf wird Anfang des letzten Jahrhunderts zu einem der größten Hersteller von Karosserien in Europa. Lindner gehört wie Daimler, Zeiss oder Siemens zu den bekanntesten Namen der deutschen Industrie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwindet der Name. Das Werk heißt jetzt VEB Waggonbau Ammendorf. 4.500 Mitarbeiter bauen sogenannte Weitstreckenwagen für die Sowjetunion, mehr als 30.000 bis zur Wende. Sie gelten als besonders zuverlässig. Einige fahren heute noch durch die Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Überführung eines Weitstrecken-Wagens nach Moskau 1993.
Jedes Jahr verließen hunderte Weitstrecken-Personenwagen das Ammendorfer Werk: Überführung eines Weitstrecken-Wagens nach Moskau im Jahr 1993. Bildrechte: Dieter Schulz

Vor der Wende Exportschlager – danach brechen die Märkte im Osten zusammen

Die DDR ist seit 1967 größter Exporteur von Schienenfahrzeugen weltweit. Ein großer Teil der Produktion geht in andere RGW-Länder. Jeder Standort hat seine Spezialität: In Görlitz werden die berühmten Doppelstock-Wagen gebaut, in Bautzen Straßenbahnen, in Dessau Kühlwagen und in Niesky Güterwagen.

Nach der Währungsunion 1990 geraten die Betriebe in Schwierigkeiten: Die Sowjetunion ist wirtschaftlich am Ende, kann die Waggons nicht mehr bezahlen. Die Bundesregierung hilft mit Hermes-Bürgschaften: 1992 baut Halle-Ammendorf 1.200 Wagen für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, so viele wie nie zuvor in der Geschichte des Werkes. Danach aber brechen die Märkte im Osten zusammen. Der Kampf ums Überleben beginnt.

1990 – Neuanfang als AG und später erste Schließung

1990 ist die Deutsche Waggonbau AG entstanden, als Nachfolger des DDR-Kombinats, mit sieben großen Standorten. Es wird massiv Personal abgebaut.1995 schließt die Treuhand den Waggonbau Dessau. Doch 150 Mitarbeiter stecken ihre Abfindungen in ein neues Unternehmen am gleichen Standort. Sie beginnen Reisezugwagen zu produzieren. Zunächst mit Erfolg.

Statt aus einer Lok und vielen Waggons kommt nun der Triebzug in Mode: Der Antrieb ist hier in die Wagen integriert. Die Umstellung der Produktion ist eine Herausforderung.

1998 – Bombardier übernimmt Bautzen, Görlitz und Ammendorf

In Bautzen, Görlitz und Ammendorf übernimmt 1998 Bombardier. Die Umstrukturierung gelingt: Die ostdeutschen Waggonbauer fertigen U-Bahnen für München, S-Bahnen für Berlin, Stadtbahnen für San Diego. Doppelstock-Züge aus Bautzen verkehren bald auch im Westen. Und auch das Flaggschiff der Deutschen Bahn, der ICE, wird im Osten gebaut.

Bombardier
Bombardier investierte im Dezember 2019 am Standort Bautzen noch rund 16,7 Millionen Euro in ein digitales Testcenter. Bildrechte: MDR/ Viola Simank

2002 – Waggonbauer gründet Nachfolgeunternehmen in Ammendorf

Schon vier Jahre später kriselt es wieder. Der Standort Halle-Ammendorf soll geschlossen werden. Zwar setzt sich Bundeskanzler Schröder persönlich für eine Rettung ein. Doch wenig später macht Bombardier das Werk dicht. Mehr als 100 Jahre Waggonbau-Tradition sind — vorerst — zu Ende.

Uwe Albrecht gründet 2006 ein Nachfolgeunternehmen in Ammendorf. Er ist selbst langjähriger Waggonbauer. Die Firma startet klein, mit 30 Mitarbeitern. Heute sind es 200. Sie modernisieren ICEs und S-Bahn-Züge, dank langfristiger Aufträge ohne Zukunftsangst.

2016 – Standort Dessau geht an die Schweizer Molinari-Gruppe

Auch der Waggonbau in Dessau gerät in Schwierigkeiten. Ein selbst entwickelter Triebzug verkauft sich nicht wie erwartet. Ein Investor aus Rumänien zahlt nur stockend Löhne. Nach drei Insolvenzen in nur sieben Jahren kommt der Betrieb 2016 zur Schweizer Molinari-Gruppe. Heute reparieren 100 Mitarbeiter Bauzüge und übernehmen die Endfertigung von Güterwagen. Die Zeichen stehen wieder auf Expansion: Molinari will in Dessau investieren, weitere Mitarbeiter einstellen und künftig ganze Züge reparieren.

2021– Alstom übernimmt Bautzen und Görlitz von Bombardier

In Bautzen und Görlitz geht die Ära Bombardier jetzt zu Ende, nach mehr als 20 Jahren. Alstom übernimmt alle Bombardier-Transportation-Standorte weltweit und wird damit zum größten Anbieter von Schienenfahrzeugen in Europa. Die Mitarbeiter hoffen, dass damit auch die Standorte in Ostsachsen gestärkt werden. Experten fürchten allerdings, dass bei Auftragsflauten hier zuerst Personal abgebaut wird.

Die Konkurrenz jedenfalls wird härter. Mit CRRC aus China setzt der größte Schienenfahrzeug-Hersteller der Welt gerade zum Sprung auf die europäischen Märkte an. Der Kampf ums Überleben ist für die Waggonbauer in Bautzen und Görlitz noch nicht zu Ende.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | UMSCHAU | 26. Januar 2021 | 20:15 Uhr

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