Drohender Produktionsstopp Hohe Gaspreise sorgen Chemieindustrie

Die chemische Industrie im Osten erwägt, die Produktion wegen zu hoher Erdgaspreise herunterzufahren. Düngemittel und Industriechemikalien drohen knapp zu werden. Wirtschaftlich ist die Produktion schon jetzt nicht mehr.

Der Chemiepark bei Leuna bei Nacht 2019: Autofahrer auf der nahen A38 sehen ihn wegen der Beleuchtung nachts schon von weitem.
Chemiepark Leuna - die chemischen Industrie Ostdeutschlands erwägt wegen steigender Erdgaspreise komplette Produktionsstopps. Bildrechte: IMAGO / Olaf Döring

Dieser Tage klettern die Energiekosten in die Höhe – insbesondere die für Erdgas. Die Preissteigerungen dürften im Winter all die zu spüren bekommen, die damit heizen. Schon jetzt allerdings leidet die energieintensive Wirtschaft – etwa die chemische Industrie.

"Der Gaspreis ist in den letzten Wochen um das Fünffache gestiegen. Wir sehen ein Allzeithoch", sagt Christopher Profitlich, Sprecher des Düngemittelherstellers SKW Piesteritz in Wittenberg, Deutschlands größtem Ammoniak- und Harnstoffproduzenten.

Wirtschaftlich sinnvolle Produktion kaum möglich

Nur wenige Unternehmen in der Republik verbrauchen so viel Gas, wie SKW. "Wir haben keine langfristigen Lieferverträge über viele Jahre, insofern merken wir die Preiserhöhungen, die momentan am Markt sind."

Eine ökonomisch sinnvolle Produktion sei derzeit kaum möglich. "Die Gaspreise am Weltmarkt sind einfach jenseits der roten Linie. Insofern müssen wir jeden Tag unsere Prozesse optimieren und schauen, wie wir von Tag zu Tag kommen", sagt Profitlich.

Gesamte Branche betroffen

Der Chemiekonzern BASF hat angekündigt, seine Ammoniak-Produktion in Ludwigshafen und im belgischen Antwerpen zu reduzieren. Vom Branchenverband Nordostchemie hieß es gerade erst, mehrere Chemieunternehmen in Ostdeutschland würden erwägen, ihre Werke gar komplett abzuschalten.

Höhere Preise für knappere Endprodukte

Von den Stickstoffwerken in Piesteritz heißt es dazu: "Es ist eine reale Betrachtung. Wir fahren jeden Tag auf Sicht", sagt SKW-Sprecher Profitlich und er umreißt, wann dies geschehen könnte: "Wir reden von Wochen." Preise – etwa für Stickstoffdünger – einfach zu erhöhen und so höheren Ausgaben für Gas zu kompensieren sei keine Lösung. "Wir verhandeln natürlich immer mit unseren Abnehmern, um einfach die gestiegenen Kosten weiterzugeben, aber der Markt nimmt nicht jede Kostensteigerung auf."

Dennoch könnte Dünger teurer und vor allem knapp werden – genauso wie ein weiteres Produkt von SKW: die Harnstofflösung AdBlue, die den Stickstoff in Abgasen von Dieselmotoren deutlich reduziert.

Politik kann nur begrenzt helfen

Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze macht sich große Sorgen: "…denn das, was die betreffenden Unternehmen auch als Konsequenz angekündigt haben, nämlich, dass es bis hin zu Produktions-Stops kommen kann, das ist wirklich real. Das ist sehr ernst zu nehmen."

Der Minister habe schon verschiedene Unternehmen kontaktiert. Am Wochenende und in der kommenden Woche seien Termine geplant. Die Einflussnahme Sachsen-Anhalts auf die Energiepreise sei als einzelnes Bundesland sehr beschränkt. "Aber nichtsdestotrotz müssen wir versuchen, alle Möglichkeiten auszuloten und zu diskutieren, was wir als Landesregierung machen können", sagt Schulze

Hoffnung auf Nord Stream II

Die Chemieindustrie – so auch SKW in Piesteritz – hofft auf eine unverzügliche Inbetriebnahme der Ostseepipeline Nord Stream II. Sie soll die Marktlage beruhigen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Oktober 2021 | 05:00 Uhr

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