Entlassungen Majorel: Callcenter-Belegschaft wehrt sich gegen Schließung

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Die Callcenter-Branche verändert sich. Nun will die Bertelsmann-Tochter Majorel bis zum Jahresende gleich vier Standorte in Ostdeutschland schließen. Darunter ihr Call-Center in Chemnitz. Der Stadt droht damit die größte Massenentlassung seit vielen Jahren.

Janine Stab ist Problemlöserin. Sie erklärt Rechnungen, nimmt Beschwerden auf, zuletzt pflegte sie Kundendaten. Seit fast zehn Jahren arbeitet die Chemnitzerin im Callcenter. Für die Frau im Rollstuhl der ideale Job.

Rote Zahlen oder Callcenter-Boom?

Doch nun will die Bertelsmann-Tochter Majorel ihr Chemnitzer Callcenter schließen. 400 Beschäftigte, davon 70 mit körperlicher Einschränkung, stehen wie Stab vor der Kündigung: "Über die Schließungspläne bin ich sehr erschrocken, weil ich gerade in Elternzeit bin und eigentlich vorhatte, wieder in ein gesichertes Arbeitsverhältnis zurückzukehren. Und man kann die Elternzeit auch gar nicht so richtig genießen, wenn man nicht weiß, wie es danach weitergeht."

Betreiber Majorel nennt für die Schließung zwei Gründe. Das Callcenter schreibe Verluste. Und der größte Auftraggeber habe gekündigt. Das ist die Telekom. Doch Enrico Zemke von der Gewerkschaft Verdi will das nicht hinnehmen. Er sagt, es gebe einen Callcenter-Boom. Das Management habe einfach schlecht gearbeitet: "Das hätte Verantwortung übernehmen müssen und andere Geschäftsbereiche hier nach Chemnitz holen müssen. Aber man hat sich so ein bisschen auf dem Telekom-Vertrag ausgeruht und gedacht, das wird schon immer gut gehen. Und die Zeche sollen jetzt die Beschäftigten zahlen."

Callcenter im Wandel

Tatsächlich geht es der Branche insgesamt nicht schlecht. Dirk Egelseer vom Call Center Verband Deutschland sagt, man befinde sich durchaus im Wandel. Es stimme, dass im Osten Callcenter schlössen, die teilweise einst mit Fördergeldern aufgebaut worden seien. Es stimme auch, dass das Massengeschäft wie zum Beispiel die Telefonnummern-Auskunft schrumpfe.

Auf der anderen Seite entstünden aber neue Geschäftsfelder. Internetverträge über Versicherungen oder Bankkonten würden zum Beispiel immer häufiger über Video-Telefonate verifiziert. "Dienstleistungen, die früher ausschließlich im eins-zu-eins-Kontakt also Face-to-Face erbracht worden sind, die werden heute telefonisch erbracht. Unter Zuhilfenahme von modernen Medien, Videochat oder was auch immer. Und da steigt der Bedarf in größerem Maße als er im einfachen Bedarf wegfällt. Deswegen glaube ich, dass sich diese Branche gerade ein Stück weit nach oben entwickelt", erläutert Egelseer.

Belegschaft sieht noch Chancen – Betrieb verneint

Gibt es also doch eine Chance für Majorel Chemnitz? Firmensprecher Gernot Wolf verneint das: "Sie können uns wirklich glauben, dass wir im Vorfeld der Entscheidung es uns echt nicht leicht gemacht haben. Wir haben umfassend geprüft, ob es Möglichkeiten gibt, den betroffenen Standort in Chemnitz ganz oder in Teilen unter dem Dach von Majorel fortzuführen. Dafür fehlt leider die betriebswirtschaftliche Grundlage."

Doch die Beschäftigten sehen durchaus noch Möglichkeiten, sagt Betriebsrat Mirko Ludwig: "Wir haben mitbekommen, in den noch verbleibenden Einheiten von Majorel, gerade auch in den alten Bundesländern werden händeringend Leute gesucht. Und im Callcenter ist es möglich, dass man die Arbeit hin und her rooten kann, wo man halt gerade Leute hat. Also wäre für Chemnitz gar nicht die Not zu schließen."

Die Belegschaft hat den Ostbeauftragten der Bundesregierung angeschrieben, steht in Kontakt mit Sachsens Ministerpräsidenten Kretschmer. Vor allem die Mitarbeiter mit körperlichen Einschränkungen sorgen sich. Denn sie haben es auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Februar 2021 | 06:00 Uhr

2 Kommentare

Manfred vor 22 Wochen

Punkt 1, wer nach Marokko verkauft darf sich nicht wundern, Punkt 2 ich glaube auch Leute per Telefon übers Ohr zu hauen geht sicher auch im Homeoffice. Schade für die Mitarbeiter, aber der Weg war doch abzusehen...

Arthur vor 22 Wochen

Callcenter ? Geht das nicht auch im Homoffice? Gibt es da nicht auch eine Vorschrift auf Pflicht, wenn möglich?
Alles was im Homoffice geht kann auch von sonst wo in der Welt erledigt werden.
Also nicht wundern wenn solche Aufgaben verlagert werden.

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