Lange Lieferzeiten Dudenhöffer: Auto-Krise auch durch "Versagen der Einkäufer"

Monatelange Lieferzeiten sind bei Neuwagen an der Tagesordnung, weil Halbleiter-Chips Mangelware sind. Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer sieht einen Grund im "Versagen der Einkäufer bei den traditionellen Autobauern". Wir haben mit ihm über die aktuelle Situation auf dem Automarkt gesprochen.

Welche Auswirkung hat der Mangel an Halbleiter-Chips auf den Automarkt?

Ferdinand Dudenhöffer: Die Verfügbarkeit von Halbleitern, also Chips, ist ein äußerst großer Engpass. Dieses Problem sehen wir schon seit gut einem Jahr. Wir gehen davon aus, dass dies nächstes Jahr in gemilderter Form anhalten wird. In Summe ist die Chipkrise eine der größten Krisen, die es in der Autoindustrie gab und sie gilt weltweit – ohne Ausnahme.

Wir gehen davon aus, dass bis zu zehn Prozent der Fahrzeuge in diesem Jahr nicht gebaut und verkauft werden können. Das heißt, die Gewinne werden im zweiten Halbjahr dramatisch zurückgehen bei den Autobauern. Das sehen wir bei den Quartalsergebnissen, die in ein paar Tagen vorgestellt werden. Nächstes Jahr wird nicht alles aufgeholt werden. Es ist ein großer ökonomischer wirtschaftlicher Verlust für die Autobauer, aber auch für die Zulieferer. Auch der Verbraucher spürt die Chip-Krise: Er ist konfrontiert mit höheren Autopreisen. Nicht, weil die Listenpreise steigen, sondern weil die Rabatte permanent gekürzt werden. Er ist konfrontiert mit längeren Lieferzeiten und mit höheren Preisen – auch bei den Gebrauchtwagen.

In Summe ist die Chipkrise eine der größten Krisen, die es in der Autoindustrie gab und sie gilt weltweit – ohne Ausnahme.

Ferdinand Dudenhöffer

Wie sind die Lieferzeiten derzeit?

Ferdinand Dudenhöffer: Das kann durchaus sechs, acht, neun oder zwölf Monate dauern. Es hängt immer von dem jeweiligen Fahrzeug ab, das man bestellt hat. Längere Lieferzeiten kommen auch dann zustande, wenn die Modelle relativ neu sind. Denn da ist die Nachfrage immer groß. Längere Lieferzeiten kommen weniger vor, wenn die Fahrzeuge schon vier, fünf Jahre im Markt sind oder es Standardausführungen sind. In der Regel ist es so, dass man versucht, die hochwertigen teuren Fahrzeuge in der Produktion vorzuziehen, weil man damit höhere Gewinn erwirtschaftet. Aber das ist nicht immer möglich. Es gibt natürlich bei unterschiedlichen Herstellern unterschiedliche Möglichkeiten, dann schneller auf den Chipmangel zu reagieren. Interessant ist: Wer schnell ein Auto will, soll sich die sogenannten Auto-Abos anschauen. Damit lassen sich die heutigen Angebotsprobleme überbrücken. Die Lieferzeiten dort sind in der Regel kürzer, die Fahrzeuge sind verfügbar, und die Verträge laufen zwischen sechs bis 18 Monaten. Das heißt, nach der Chip-Krise könnte man dann in Ruhe sein Auto kaufen.

Ferdinand Dudenhöffer
Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer: "2023 sind wir vermutlich hinter dieser Krise.". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie beeinflusst der Halbleiter-Mangel die Produktion?

Ferdinand Dudenhöffer: Fahrzeuge werden zum Teil mit Dummys gebaut und erst später, wenn Halbleiter vorhanden, sind zu Ende produziert. In deutlich abgemilderter Form gab es das auch schon früher, als vor einigen Jahren die WTLP-Zertifizierungen Vorschrift wurden. Damals war VW mit den neuen Zertifizierungen deutlich im Rückstand. Deshalb wurden Fahrzeuge zwischengeparkt, die dann endgültig zugelassen und verkauft worden sind, nachdem die Zertifizierungen vorhanden waren. Das ist drei, vier Jahre zurück. Das war überwiegend beim Diesel. Bei den Chips ist es so, dass einige Autobauer ähnlich vorgehen. Das heißt, sie bauen sogenannte Dummy-Chips ein. Man kann dann das Fahrzeug fertig bauen. Man stellt sie irgendwo auf einen großen Parkplatz. Sobald die Chips verfügbar sind, baut man dann diese ein und kann dann schneller dem Kunden das Fahrzeug ausliefern. Der Stau, der sich jetzt aufbaut, weil man nicht lieferfähig ist, kann so schneller abgearbeitet werden.

Lohnt sich die Überbrückung durch einen zwischenzeitlichen Einbau von Dummy-Teilen?

Ferdinand Dudenhöffer: Das hängt davon ab, wie die Nachfrage und die Produktionstechnik beim einzelnen Autobauer aussieht.Wenn ein Fahrzeug gebaut wird und drei Monate auf dem Parkplatz steht, verursacht es natürlich auch Kosten. Aber es ist auch so, dass ich das Fahrzeug dann schneller verkaufen kann und in der Zukunft höheren Umsatz mache. Es ist eine Rechnung und eine Gegenrechnung. Bei Porsche ist es so, dass man versucht die hochwertigen Modelle mit Dummies "vorab" zu bauen.Bei den preisgünstigen Wagen wird man eher davon ausgehen, dass dort die Nachfrage nicht so hochschnellt und man dort weniger mit solchen Konzepten arbeitet.

Wie kam es zu den großen Lieferengpässen?

Ferdinand Dudenhöffer: Da gibt es verschiedene Ursachen. Zunächst Corona. Plötzlich über Nacht war eine unendlich große Nachfrage nach Halbleitern da, weil alles digitalisiert werden sollte. Angefangen von den Schulen über die Verwaltungen, über die Videoschalten, die permanent gemacht werden. Alle haben ihre IT-Ausrüstung erneuert und erweitert. Zusätzlich kam es durch Corona zu Produktionsausfällen. Chipfirmen hatten Probleme, sind abgebrannt. Zusammen hat das natürlich eine große Krise erzeugt. Das sieht man auch in anderen Bereichen.

Hätten die Autobauer Spielraum gehabt, sich vor so einer Krise zu schützen?

Ferdinand Dudenhöffer: Ein Teil der Chip-Krise ist das Versagen der Einkäufer bei den traditionellen Autobauern. Die Einkaufsabteilungen müssen neu und zukunftsorientiert aufgestellt werden. Der Einkauf bei den Autobauern ist eher kurzfristig organisiert. Bei den klassischen Zulieferteilen bestimmen die Autobauer den Markt, sprich stellen mehr als 90 Prozent der Nachfrage. Im Halbleitergeschäft sieht es anders aus. 90 Prozent der Halbleiter, die weltweit produziert werden, gehen nicht ins Auto. Das heißt, die Autobauer haben nur zehn Prozent. Die Autobauer sind relativ kleine Kunden, und ein kleiner Kunde muss sich öfter hinten anstellen, der große Kunde wird zuerst bedient. Deshalb hätten die Einkäufer längerfristige Verträge machen müssen. Das wurde versäumt. Man agiert immer nur kurzfristig, weil man damit besser auf die Nachfrage reagieren kann und Kosten spart. So hat man sogar zu Beginn der Corona-Pandemie die Chip-Bestellung deutlich gedrosselt, weil man mit einer Konjunkturkrise gerechnet hat. Das Ergebnis sehen wir heute an Kurzarbeit und Produktionsengpässen. Die Einkaufsabteilungen, so wie wir sie heute sehen, sind schlecht vorbereitet auf diese Krisen. Die Einkäufer müssen wissen, wieviel Chips im nächsten und übernächsten Fahrzeug, also der nächsten und übernächsten Generation, zum Tragen kommen. Die Einkäufer haben nicht langfristig gedacht, sondern immer nur in Drei-Monats-Zyklen.

Sehen Sie eine Notwendigkeit, mehr in die Chipherstellung in Europa zu investieren?

Ferdinand Dudenhöffer: Große Subventionen, dass Chiphersteller in Europa Produktionen aufbauen, ist der falsche Ansatz. Wenn Sie die Bundesregierung anschauen: Heute wollen sie Google nachbauen. Morgen wollen sie Chipfabriken bauen, übermorgen wollen sie Masken produzieren, dann Batteriezellen. Man hat jeden Tag ein anderes Thema, wo eine Knappheit ein Problem ist oder wo man hinterherfährt, wo man dann aufholen will durch viel Steuergeld. Das ist falsch. Wir sollten überlegen, was wir langfristig machen wollen. Wenn wir zum Beispiel Lithium-Ionen-Batterien nehmen. Da ist das Material für die Zellen von enormer Bedeutung. Auf dem Feld kann man mit Innovation Stärken aufbauen. Wir können damit langfristige Wettbewerbsvorteile für Unternehmen in Deutschland aufbauen und führende Stellungen im Weltmarkt erringen. Das Prinzip des langen Atems ist wichtig und nicht kurzfristige Hektik und von Hype zu Hype zu hüpfen.

Wie sieht die Situation bei E-Autos aus?

Ferdinand Dudenhöffer: Elektroauto sind für die Autobauer, aber auch den Kampf gegen den Klimawandel, von höchster Bedeutung. Erfüllen die Autobauer die CO2-Vorgaben für Neuwagen nicht, fallen hohe Strafzahlungen an. Deshalb zieht man natürlich immer, wo es geht, die E-Autos vor. Das beobachtet man sehr stark am Markt. Obwohl E-Autos mehr Halbleiter brauchen als normale Autos, sind sie manchmal besser zu erhalten als die konventionellen Verbrenner.

Wann wird die Krise überstanden sein?

Ferdinand Dudenhöffer: Die jetzigen Lieferengpässe werden um das Jahr 2023 abgearbeitet sein, weil neue Kapazitäten für Halbleiterfabriken entstehen. Sie brauchen drei Jahre, um so eine Halbleiterfabrik zu bauen. Nächstes Jahr wird es zwar leichter, aber immer noch nicht ideal. Und 2023 sind wir vermutlich hinter dieser Krise. Neue Kapazitäten kann man nicht aus dem Hut zaubern.

Quelle: MDR-Wirtschaftsredaktion

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 26. Oktober 2021 | 20:15 Uhr

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