Pandemie Wie gehen die Städte mit Corona-Insolvenzen um?

Die Pandemie hat die Lage im Einzelhandel weiter verschärft. Das trifft auch große Ketten. Für die Stadtverwaltungen, die sich seit Jahren dafür einsetzen, dass ihre Innenstädte nicht aussterben, wird es immer schwerer.

Click and Collect Abholung
Mit Click-and-Collect hoffen viele Innenstädte in der Pandemie auf eine Rettung des Einzelhandels in ihren Zentren. Doch viele Schaufenster sind auch schon leer. Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Wie würden Sie die Lage in Ihrer Innenstadt beschreiben? Steffen Linnert sucht nicht lang nach diplomatischen Antworten: "Dramatisch. Punkt."

Linnert kümmert sich als Beigeordneter für Wirtschaft der Stadt Erfurt auch um die Innenstadt. Die Lage dort besorgt ihn tief. Er sagt: "Wir sehen mehr leere Schaufenster. Wir sehen aber insbesondere sehr viele Schaufenster mit Plakaten, mit schwarzen Aushängen, mit denen die Händler auf ihre Situation aufmerksam machen."

Im Schaufenster eines Uhrmachers hängt ein schwarzes Plakat.
Aktion: "Ohne uns stirbt Erfurt!" Bildrechte: Karina Heßland-Wissel

Und das mitten in Erfurt, dem Zentrum Thüringens mit seiner großen, gut erhaltenen Altstadt, beliebt auch bei Touristen. Und trotzdem streckt sich die Stadtverwaltung seit Jahren, um das Leben in der Innenstadt zu bewahren.

Jahrelange Anstrengungen für bessere Innenstadt

Steffen Linnert erklärt: "Wir haben vor zwei Jahren die Stelle eines Citymanagers geschaffen, eine Citymanagerin eingestellt. Wir versuchen seit Jahren, in der Innenstadt verstärkt zu investieren. Die wichtigsten Straßen und Plätze sind alle neu gemacht. Die großen Fußgängerzonen sind autofrei. Wir versuchen, Aufenthaltsmöglichkeiten zu schaffen."

Aktuell baue Erfurt weiter Bürokratie ab. Will eine Händlerin jetzt ein Werbeschild vor die Tür stellen, soll sie es dabei nicht auch noch unnötig schwer haben. Knapp 300 Kilometer weiter östlich, in Bautzen, hat man eine Gutscheinaktion initiiert. Doch das, was Kommunen gegen sterbende Innenstädte tun können, nennt Alexander Ahrens, Oberbürgermeister der Stadt Bautzen, allenfalls "eine Geste der Solidarität."

Forderung nach Öffnungen

Selbst in den Toplagen würden die ersten Läden schließen. Für die Situation verantwortlich sieht Ahrens die Coronapolitik der Bundesregierung. Der Stadtchef fordert in erster Linie keine milliardenschweren Hilfen für die Innenstädte, sondern Öffnungen für Geimpfte und Genesene. "Die Gastronomen können jeden Tag gebrauchen, an dem sie wieder öffnen können. Und das ärgert uns als Kommunen, denn wir haben nicht die Mittel, um an diesem Problem etwas zu ändern."

So sieht es auch Mischa Woitscheck, Geschäftsführer des Städte- und Gemeindetags Sachsen. Er sagt: "Impfen und Testen sind die besseren Alternativen zum Schließen." Woitscheck fürchtet eine regelrechte Insolvenzwelle in den sächsischen Innenstädten. Um diese abzumildern, fordert Sachsens Städte- und Gemeindetag auch Geld. "Aus der Novemberhilfe des Bundes könnte eine Neustarthilfe werden, um die Geschäftstreibenden zu unterstützen."

Innenstädte neu strukturieren

So sieht man das auch in einem Einkaufszentrum. Geld für die Händlerinnen und Händler: Das unterstützt Hans-Jörg Bliesener, Chef des Rathaus-Centers Dessau: "Im Augenblick wird den Einzelhandelsunternehmen Geld entzogen. Sie bedienen sich mit KfW-Krediten, die sie dann auch zurückzahlen müssen. Und die Folge davon ist, dass sie kein Geld mehr haben für Innovationen in den nächsten Jahren."

Denn in Konkurrenz mit dem Onlinehandel müssten sich die Inhaber ständig wappnen. Dafür fehlten ihnen aber die Mittel. Sachsens Städtetagschef mahnt, die Pandemie auch als Chance zu sehen, die Innenstädte jetzt anzupassen an den Handel, der sich nun mal zu einem beträchtlichen Teil ins Internet verlagert habe.

Man müsse die Innenstädte umbauen, Platz schaffen auch für Kultur, Wohnen, Handwerk. Klappt das, werden unsere Innenstädte nach der Pandemie also nicht unbedingt leerer aussehen. Anders aber schon.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 17. Mai 2021 | 08:11 Uhr

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