Corona-Krise Mehr als 115.000 Langzeitarbeitslose in Mitteldeutschland

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

In der Corona-Krise hat das Kurzarbeitergeld vielen Beschäftigten den Job gerettet. Trotzdem wächst die Langzeitarbeitslosigkeit derzeit rasant. Das heißt: Immer mehr Arbeitslose suchen schon länger als ein Jahr eine neue Beschäftigung. Woran liegt das? Und wie sehen die Zahlen für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt aus?

Logo der Bundesagentur für Arbeit mit Menschenmenge
In der Corona-Pandemie spitzt sich die Lage für Langzeitarbeitslose weiter zu. Bildrechte: imago images / Ralph Peters

Kathrin Rösler hat gut zu tun. Die Leipzigerin berät Arbeitslose, die Grundsicherung beantragen müssen. Sie macht das ehrenamtlich für die Erwerbsloseninitiative. Rösler sitzt in ihrer Erdgeschosswohnung. Wegen Corona muss die Beratung zumeist hier stattfinden, in ihrem Wohnzimmer oder am Telefon. "In der Beratung merken wir es ganz deutlich, dass immer mehr Leute kommen. Betrifft recht viele junge Leute. Wir haben ja immer wieder, dass Leute mit den Antragsformularen nicht klarkommen. Die Fragen dort sind teilweise recht zweideutig gestellt. Also wenn man nicht genau weiß, wie man es beantworten muss, macht man automatisch Fehler und das wirkt sich auf die Leistung aus."

Corona erschwert Weg aus der Arbeitslosigkeit

Auf diese Leistung, auf Grundsicherung, sind immer mehr Leute angewiesen. In ganz Mitteldeutschland waren im April mehr als 115.000 Menschen länger als ein Jahr arbeitslos. Die Zahl dieser Langzeitarbeitslosen stieg binnen eines Jahres in Sachsen-Anhalt um 29 Prozent, in Thüringen um 38 Prozent und in Sachsen um 41 Prozent.

Klaus Peter Hansen von der Arbeitsagentur Sachsen fasst die Entwicklung so zusammen: "Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist in den letzten zwölf Monaten dank des Instruments Kurzarbeitergeld, was die Unternehmen und ihre Beschäftigten ja angenommen haben, nicht viel größer als vor der Pandemie. Aber das Risiko arbeitslos zu bleiben, weil man nicht rauskommt aus der Arbeitslosigkeit, das ist um ein Vielfaches gestiegen."

Warum sich die Pandemie so auf die Langzeitsarbeitslosigkeit auswirkt

Hansen benennt dafür mehrere Gründe. Wegen der Pandemie stellten die Unternehmen weniger neu ein. Die Arbeitsagentur selbst könne nicht optimal in neue Jobs vermitteln, da sie ebenfalls von Corona-Beschränkungen betroffen sei. Wer vor der Krise arbeitslos geworden sei, habe zuletzt nur eingeschränkt Weiterbildungsangebote wahrnehmen können.

Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach nennt die Entwicklung für die Betroffenen dramatisch: "Weil damit wird deutlich, dass es in dieser Pandemie auch richtige Verlierer gibt, die jetzt überhaupt keine Chance haben, auf den Arbeitsmarkt zu kommen. Die immer länger in der Arbeitslosigkeit verharren. Und die natürlich auch dann immer weiter frustriert sind. Wir dürfen nicht warten, bis die Pandemie irgendwann vorbei ist. Wir brauchen jetzt auch eine schnelle Handlung, damit die Langzeitarbeitslosigkeit nicht noch weiter steigt."

Arbeitsagenturchef sieht keinen zusätzlichen Handlungsbedarf

Schlimbach fordert: Langzeitarbeitslosen müssten schnellstmöglich wieder Angebote gemacht werden. Arbeitsagenturen und Jobcenter sollten sich dafür intensiver mit Bildungsvereinen abstimmen. Je länger man warte, umso schwieriger werde es, die Betroffenen wieder zu vermitteln.

Arbeitsagenturchef Hansen sieht dagegen keinen zusätzlichen Handlungsbedarf. "Also wir tun eine ganze Menge. Sonst wäre der Anstieg deutlich höher. Es nehmen Menschen ja Arbeit auf. Es nehmen Menschen wieder an Weiterbildung teil. Es nehmen Menschen wieder an Beschäftigungsprojekten teil. Aber der Umfang ist eben deutlich reduziert. Und das muss man in meinen Augen aushalten, solange die Pandemie uns noch direkt im Griff hat."

Nach Einschätzung des Agenturchefs werde sich die Lage in den kommenden Monaten entspannen. Wenn der Impffortschritt anhalte, dürfte die Kurzarbeit weiter sinken. Anschließend würden Unternehmen auch wieder einstellen. Und dann bekämen auch mehr Langzeitarbeitslose wieder eine Chance.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Mai 2021 | 06:09 Uhr

9 Kommentare

THOMAS H vor 28 Wochen

MDR-Team: Da Sie meine Zeilen (ca16:25) nicht veröffentlicht haben, ich es aber als notwendig empfinde, auf Ihre Zeilen zu reagieren, gibt es diesen zweiten Versuch.
Sie dürfen bei den Kommentaren nie vergessen, das es unterschiedliche Interpretationen und damit Meinungen gibt.
Es ist also auch beim Thema "Langzeitarbeitslose", notwendig, Aussagen zu Löhnen und Stellenangeboten, mit einzubeziehen und diese nicht als nicht Themarelevant zu kritisieren und damit auszugrenzen. Wenn dies geschieht und somit Kommentare dazu nicht mehr geschrieben bzw. nicht veröffentlicht werden, muß ich ganz ehrlich sagen, stellt dies eine Zensur dar. MfG

olli vor 28 Wochen

viele die gesund sind sollten endlich mal in die hufe kommen ! es gibt viele die wollen nicht ! denen sollte man man mehr sanktionen reindrücken ! wer gesund ist kann auch arbeiten und nicht nur zuhause abhängen

MDR-Team vor 28 Wochen

Lieber Thomas H,
es ging hier aber nicht im Allgemeinen um höhere Löhne als Anreiz für Arbeitslose. Und das genaue Stellenangebot vom Vielfaltigen ist nicht das Thema.

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