Corona Ostsee: Strand ohne Touristen

In Prerow hat es das zweite Osterfest in Folge ohne Feriengäste gegeben. Viele touristische Firmen an der Ostsee kämpfen nach über einem Jahr Corona-Pandemie ums Überleben. Viele Unternehmer sagen, sie verleugnen das Virus-Problem nicht, doch es müsse einen Weg geben, damit zu leben.

Frau
Wenn es im Mai nicht weiter geht, dann droht der Firma von Simone Wiens das Aus.   Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit dem April "haben wir 13 Monate Corona. Davon hatten wir neun Monate keine Gäste", sagt Simone Wiens. Sie betreibt seit vier Jahren eine Zimmervermittlung in Prerow auf dem Darß und beschäftigt zwölf Mitarbeiter. Nach über einem Jahr ist die Unternehmerin mit den Nerven am Ende.

"Eigentlich weiß ich nicht, wie es weitergeht", sagt Simone Wiens, während ihre Stimme bricht und das Kinn kurz zittert. In ihrem Büro vom Ferienservice Prerow stapeln sich graue Ordner mit Stornierungen. Einige Gäste mussten bereits fünf Mal umgebucht werden. Wann es weitergeht, das kann ihr niemand sagen.

An der Ostseeküste sind momentan die Strände fast leer. In ganz Mecklenburg-Vorpommern sind aufgrund der Corona-Pandemie touristische Reisen untersagt. Bei fünf Grad Außentemperatur haben sich an den Feiertagen zu Ostern nur ein paar Bernsteinsucher an den weißen Sandstrand von Prerow verirrt.

Nur 30 Camper machen Ferien

"Das fehlt schon", sagt Frank Günzler, der mit seiner Frau Elke auf der Ferienanlage "Regenbogencamp" zwischen den Dünen Urlaub macht. Die beiden bereiten ihren Wohnwagen auf die neue Saison vor. Als Dauercamper dürfen sie anreisen, wenn sie einen negativen Corona-Test vorweisen können. "Das macht viel mehr Spaß, wenn hier die ganzen Dünen voller Zelte stehen. Es sind jedes Jahr viele Leute hier, die immer wiederkommen." Das Ehepaar vermisst die anderen Gäste auf dem Gelände.

Campingplatz
Aktuell sind nur wenige Touristen auf dem Campingplatz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Areal ist fast 40 Hektar groß. Es gibt 1.200 Stellplätze für Zelte und Wohnmobile – 30 sind aktuell durch Dauercamper besucht. "Es ist beängstigend", sagt "Regenbogencamp"-Chef Mario Schünemann. Denn auch er wisse nicht, wie lange diese Situation noch anhalte. "Wir sind nun mal ein touristischer Betrieb und wir leben davon." Corona schadet dem Geschäft, dennoch könne er aufgrund der hohen Zahl an Infektionen den Tourismus-Stopp nachvollziehen. "Man sollte nicht reisen."

Zweites Osterfest ohne Gäste

Zudem ist es auch nicht erlaubt. Außer man ist auf dem Darß Dauercamper, hat einen Zweitwohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern angemeldet oder ist dort Besitzer einer Immobilie. Wir "bezahlen auch Steuern hier und im Prinzip wohnen wir hier", sagt Gerhard Werner aus Thüringen, während er mit seiner Frau auf der Seebrücke steht. Sie wollen drei Wochen in ihrem Ferienhaus in Prerow verbringen. Unfair finden sie das nicht. "Also, wir sind nicht wirklich Urlauber in dem Sinne."

Doch dieses Privileg haben nur wenige. Die Straßen in Prerow sind leergefegt – und so ist es nun bereits das zweite Osterfest in Folge. Vor Corona hatte der kleine Ort etwa 4.300 Gäste an den Feiertagen empfangen. Jetzt kämpfen viele Unternehmer um ihre Existenz. Auf Schildern machen sie auf ihre Misere aufmerksam. Vor einer Kneipe steht auf großen, weißen Blättern die Zahl 151. So viele Tage sind die Türen dieses Geschäfts bereits geschlossen.

Tagesausflüge nach Mecklenburg-Vorpommern verboten

Währenddessen hat der kleine Imbisswagen "De lütt Eck" (Das kleine Eck) seine Klappe auf. Es stehen nur wenige Menschen davor. Es sei ein Testlauf, sagt Besitzer Bernd Busecke. Um den anwesenden Leute und den Einheimischen "die Möglichkeit zu geben, mal einen Glühwein zu trinken oder irgendwas". Nicht alle, die vor dem Wagen stehen, dürfen das auch. Tagesausflüge aus anderen Bundesländern sind verboten.

Ein Pärchen ist aus Berlin angereist. "Ich habe gestern geguckt und ich bin nicht schlau geworden", sagt die Frau im Berliner Dialekt. "In Brandenburg darf man, in Mecklenburg-Vorpommern weiß man nicht, haben wir nicht rausgekriegt." Der Mann sagt, dass jeden Tag eine andere Kuh durchs Dorf getrieben werde. "Irgendwann ist auch mal gut." Werden sie erwischt, droht ein Bußgeld bis zu 2.000 Euro pro Person. Das nehmen sie in Kauf.

Firma droht das Aus

Die Menschen sind offenbar Corona-müde und wollen einfach Urlaub machen. Prerow bietet mit seinen unzähligen Ferienwohnungen eigentlich ideale Voraussetzungen. Simone Wiens hat 98 Objekte in der Vermietung. Sie kann nicht verstehen, dass die Eigentümer der Ferienwohnungen auch aus anderen Bundesländern an die Ostsee kommen dürfen. "Wenn jeder Eigentümer in sein Ferienhaus kommt, können auch die Gäste kommen", sagt sie. Sie könne keinen Unterschied erkennen, ob etwa aus Frankfurt nun Gäste oder Eigentümer kämen.

"Keiner will Corona. Ich habe es gehabt, ich brauche es nicht nochmal. Mein Papa ist daran gestorben", erklärt Simone Wiens. Sie verleugne das Problem nicht. Doch man müsse einen Weg finden, mit dem Virus zu leben. Denn "ein Leben ist das jetzt nicht". Einen Plan B habe sie nicht. Geht es im Mai nicht weiter, drohe ihrer Firma das aus.  

Quelle: MDR FAKT

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 07. April 2021 | 20:15 Uhr

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