Folgen der Pandemie Corona-Krise wird für viele zur Schulden-Krise

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
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Viele Menschen konnten in der Corona-Krise Geld sparen. Weil sie in Restaurants und Geschäften weniger Gelegenheit zum ausgeben hatten, steckten die Deutschen im Schnitt jeden vierten Euro ins Sparschwein, errechnete das Statistische Bundesamt. Auf der anderen Seite mussten aber auch mindestens 300.000 Menschen Schulden aufnehmen, um über die Runden zu kommen. Gerade diejenigen, die schon vor der Krise kaum Rücklagen hatten, sind betroffen.

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Vor allem Menschen, die während der Corona-Krise in Kurzarbeit mussten oder Selbstständig sind, konnten in der Pandemie weniger sparen. Bildrechte: Colourbox.de

DIW-Befragung: 17 Prozent rechnen in diesem Jahr mit Zahlungsschwierigkeiten

MDR AKTUELL Mi 09.06.2021 06:09Uhr 02:41 min

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Carmen Hoffmann berät seit 30 Jahren Menschen mit zu hohen Schulden. Der Bedarf ist groß. Wer einen Termin bei ihr will, muss drei bis vier Wochen warten. Hoffmann sitzt in ihrem Büro in der Verbraucherzentrale in Leipzig. Während der Corona-Krise, sagt sie, habe es zwar weniger Möglichkeiten gegeben, Geld auszugeben, doch übermäßiges Shoppen sei gar nicht das Hauptproblem ihrer Klientinnen und Klienten: "In erster Linie sind die Leute, die zu uns kommen, aus irgendwelchen Einkommenseinbrüchen nicht mehr in der Lage, ihre laufenden Kosten zu bezahlen. Wir haben da eine schöne Statistik vom Statistischen Bundesamt, die besagt, dass über 40 Prozent der Überschuldeten arbeitslos geworden sind", erklärt Hoffmann. Außerdem könne geringeres Einkommen bei Kurzarbeit zur Überschuldung führen, sagt Hoffmann – aber auch eine Trennung vom Partner oder eine langwierige Krankheit.

Zunahme der privaten Überschuldung befürchtet

Wie groß die Zahlungsschwierigkeiten der Deutschen in der Corona-Krise geworden sind, wollten das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung und die Universität Bielefeld schon im Februar wissen. Jana Hamdan hat die Daten nun ausgewertet: "Es glauben fast 17 Prozent, dass sie in diesem Jahr Zahlungsschwierigkeiten aufgrund der Corona-Maßnahmen haben werden und deswegen zusätzliche Kredite aufnehmen müssen. Unter den Befragten im Februar haben es 0,5 Prozent bereits getan."

Das klingt erst einmal wenig. Doch 0,5 Prozent der erwachsenen Deutschen sind mehr als 300.000 Menschen, die sich in der Krise bereits zusätzlich verschuldet haben und wahrscheinlich sind es seit der Erhebung noch mehr geworden. "Ich sehe leider einige Risikofaktoren darauf hindeuten, dass die private Überschuldung in Deutschland zunehmen wird. Wir alle haben ja erlebt, dass die Corona-Krise viele Lockdown-Maßnahmen mit sich gebracht hat. Teils über sehr viele Monate hinweg. Nicht nur, aber vor allem Selbstständige, Geringverdienende und Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit haben unvermittelt weniger Geld verdienen können", erzählt Hamdan.

Insolvenzen nach Corona

Auch bei der Auskunftei Creditreform befürchtet man, dass die Zahl der Überschuldeten weiter steigen wird. Der Lockdown gehe zwar zu Ende, sagt Pressesprecher Patrik-Ludwig Hantzsch, doch erst in den nächsten Monaten werde sich zeigen, wie gut die Deutschen durch die Krise gekommen sind: "Und zwar kommt es darauf an, ob wir mit einer größeren Welle von Insolvenzen rechnen müssen, denn es laufen natürlich noch die staatlichen Hilfsmaßnahmen. Die halten die Unternehmen noch über Wasser und mit den Unternehmen natürlich auch die Arbeitnehmer." Erst wenn die Hilfsmaßnahmen enden, sagt Hantzsch, werde sich zeigen, welche Jobs wirklich gerettet wurden.

Fest steht schon jetzt: Das Bild von den Deutschen, die im Lockdown viel Geld sparen konnten, zeigt nur die eine Seite. Verbraucherschützerin Hoffmann sagt: "Es gibt ja auch ganz viele, die schon immer am Existenzminimum gelebt haben. Gerade die Arbeiter im Niedriglohnsektor, die Arbeitslosen. Die konnten ja noch nie große Rücklagen bilden."

Zwar fehlen noch endgültige Daten, aber wahrscheinlich hat Corona die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert. Wer schon immer Geld hatte und auch im Lockdown voll arbeiten konnte, hat sparen können. Wer schon vor Corona wenig besaß und in Kurzarbeit musste, hat nun noch weniger.

Quelle: MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 09. Juni 2021 | 06:00 Uhr

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