Fachkräfteeinwanderungsgesetz Deutschland sollte zum Einwanderungsland werden und ist doch keins

Seit fast zwei Jahren gibt es das Fachkräfteeinwanderungsgesetz. Deutschland wurde offiziell zum Einwanderungsland. Doch es sind bislang zu wenig Fachkräfte aus Drittstaaten gekommen. Obwohl der damalige Bundeswirtschaftsminister versprach: "Wir wollen erreichen, dass die notwendigen Verfahren so kurz und so effizient wie möglich durchgeführt werden." Die Bilanz ist ernüchternd.

Mehr als 10.000 Kilometer von seiner Heimat Brasilien entfernt hat Michel Polak-Carlota einen neuen Arbeitsplatz gefunden – von der Metropole Sao Paulo nach Kühlungsborn an der Ostsee. Er hatte Glück mit der Anerkennung seines brasilianischen Berufsabschlusses. Das haben andere nicht. Das ist nicht nur ein Problem für viele Bewerber, sondern auch für Deutschland.

Michel Polak-Carlota ist mit der deutschen Sprache und den Lebensgewohnheiten im Norden der Republik bereits ein wenig vertraut, seine Großeltern sind von Deutschland nach Brasilien ausgewandert. "Ja, wegen meiner Abstammung wollte ich immer nach Deutschland ziehen", sagt der 31-Jährige. So habe er angefangen Deutsch zu lernen und nun sein Ziel erreicht.

Michel Polak-Carlota aus Brasilien hat in Deutschland einen neuen Arbeitsplatz gefunden.
Michel Polak-Carlota aus Brasilien hat in Deutschland einen neuen Arbeitsplatz gefunden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ende Oktober ist Michel Polak-Carlota als qualifizierte Fachkraft nach Deutschland gekommen und arbeitet jetzt in einem Vier-Sterne-Hotel als Rezeptionist. Denn mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz vom März 2020 wurden Menschen, die einen beruflichen Abschluss haben, Akademikern gleichgestellt, die schon vorher per Greencard in der Bundesrepublik arbeiten konnten.

Zuwanderung: 400.000 Fachkräfte pro Jahr gesucht

Michel Polak-Carlota ist einer von rund 400.000 Menschen, die wir künftig pro Jahr als Fachkräfte gerade auch aus Drittstaaten in Deutschland brauchen. Denn die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, Nachwuchs ist nicht ausreichend vorhanden. In den EU-Nachbarländern sieht die Entwicklung ähnlich aus.

Bereits heute sind viel zu viele Stellen bundesweit unbesetzt.
Grafik zu den bundesweit unbesetzten Stellen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Problem: Bereits heute sind viel zu viele Stellen bundesweit unbesetzt, wie eine Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammern vom November letzten Jahres ergeben hat: Insgesamt konnten 51 Prozent der befragten Unternehmen in 2021 offene Stellen längerfristig nicht besetzen. Im Baugewerbe waren es 66 Prozent, in der Industrie 53 Prozent, in der Dienstleistungsbranche 50 Prozent und im Handel 45 Prozent. Die Tendenz ist im Vergleich zum Vorjahr steigend.

Anerkennung der Ausbildung: Abschluss ist nicht gleich Abschluss

Deutschland steht im internationalen Konkurrenzkampf um Fachkräfte – und dabei nicht gut da, sagt Michael Kellner, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (Die Grünen): "Deutschland hat lange die Potentiale verschlafen, was auch Fachkräfteeinwanderung angeht." In vielen Bereichen seien mangelnde Fachkräfte sozusagen der Flaschenhals.

Genau dieses Problem sollte durch das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz der alten Bundesregierung eigentlich entschärft werden. So sollten auch Menschen mit einer Berufsausbildung leichter nach Deutschland kommen können. Arbeitsmarkt-Experten wie Professor Herbert Brücker, vom Institut für Arbeitsmarkt-und Berufsforschung in Nürnberg, beurteilen das Verfahren allerdings kritisch: Denn die größte Hürde wurde damals nicht beseitigt – die Gleichwertigkeit der Berufsabschlüsse.

"Im Prinzip muss für jeden Beruf nachgewiesen werden, dass die Qualifikation, die jemand mitbringt, identisch ist mit den deutschen Qualifikationen, die jetzt zum Beispiel ein Installateur oder ein Bäcker oder ein Kfz-Mechatroniker in Deutschland erworben hat", sagt Professor Herbert Brücker. Doch das sei nicht realistisch, da es in anderen Ländern ganz andere Ausbildungsordnungen gebe. Die Abschlüsse seien nicht gleichwertig und daran scheiterten die meisten Bewerber. So seien die Effekte des Gesetzes gering.

Von der Bewerbung zur Einreise: Es dauert

Michel Polak-Carlota konnte diese Hürde überschreiten – auch dank Unterstützung. Sein Chef Stephan Giersberg und er sind Teilnehmer des Pilotprojektes "hand in hand for international talents", das mit den Staaten Brasilien, Indien und Vietnam gestartet wurde. Dabei wird der künftige Arbeitnehmer bereits in seinem Heimatland engmaschig durch speziell geschulte Projektbegleiter betreut, ebenso wie der deutsche Arbeitgeber. Das soll es leichter machen Schwierigkeiten wie die Anerkennung von Berufsabschlüssen, notwendige Sprachkenntnisse, Visaerteilung und Wohnungssuche zu überwinden. Es ist eine Initiative der Bundesagentur für Arbeit und der Deutschen Industrie und Handelsammer (DIHK).

"Also für uns war es relativ einfach", sagt Chef Stephan Giersberg im Rückblick. Die Kosten für diesen Service lägen für ihn bei rund 2.000 Euro. "Das hat sechs oder sieben Monate gedauert für mich", sagt Michel Polak-Carlota. Im März habe er das Projekt gefunden und sich sofort darauf beworben. Nach drei Wochen sei die Ausbildung anerkannt worden, doch den Flug nach Deutschland habe er erst Ende Oktober genommen. Obwohl es sich im Fall von Michel Polak-Carlota sogar um ein beschleunigtes Verfahren handelte, hat der gesamte Prozess bis zur Einreise gedauert.

Reform der Reform: Neue Bundesregierung will handeln

2020 wurden bundesweit 42.000 neue Anträge auf Anerkennung eines ausländischen Berufsabschlusses gestellt. Das waren drei Prozent weniger als im Jahr zuvor. Mit dem Einwanderungsfachkräftegesetz sollte alles leichter und unbürokratischer werden. Doch alleine um das Projekt anzuschieben, haben die Initiatoren ein gutes Jahr gebraucht. Die Corona-Pandemie hat alles zusätzlich erschwert.

Doch es musste ganz viel zusammengesteckt werden, sagt die Geschäftsführerin der DIHK Service GmbH, Sofie Geisel. Damit der Prozess funktionieren könne, habe man sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht. "Diese Prozesse der Zusammenarbeit zwischen der Bundesagentur für Arbeit, und den Industrie- und Handelskammern und den Auslandshandelskammern und den Behörden in den jeweiligen Drittstaaten und den Behörden hier übrigens auch im Inland", seien zeitaufwendig.

Es läuft also offenbar bereits das Pilotprojekt etwas holprig – dabei braucht Deutschland künftig viel mehr Fachkräfte, die zuwandern. Deshalb will die neue Regierung eine Reform der Reform zum Fachkräfteeinwanderungsgesetz noch in dieser Legislaturperiode angehen.

Dabei soll es insbesondere um die Anerkennung der Berufsabschlüsse gehen: "Ich glaube, da ist es wichtiger, zu sagen, wir sind großzügig in der Anerkennung und organisieren dann besser im Land auch eine Weiterbildung und Qualifizierung", sagt Staatssekretär Michael Kellner.

Quelle: MDR Investigativ/ mpö

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 15. Februar 2022 | 21:45 Uhr

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