Teures Aufladen Abzocke an Ladesäulen für E-Autos?

Elektroautos soll die Zukunft gehören, der Verbrennermotor bis 2035 abgeschafft sein. Das lässt sich der Staat was kosten – und fördert den Kauf eines E-Autos derzeit mit bis zu 9.000 Euro. Getankt wird Strom. Doch der ist an öffentlichen Ladesäulen viel teurer als daheim. Und das ist nicht die einzige böse Überraschung, die sich dann auftut.

Hybrid-Auto Umschau
Lothar Schröter hat ein Hybrid-Auto. Fährt er 100 Kilometer mit Strom ist das über 14 Euro teurer als mit Diesel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lothar Schröter hat sich ein Hybrid-Auto gekauft. Sein Auto fährt mit Diesel und mit Strom. "Tankt" er diesen an der heimischen Ladestation, kostet ihn das 30 Cent pro Kilowattstunde. Doch an öffentlichen Ladepunkten werde er ordentlich zur Kasse gebeten, sagt er. Beim Vergleich der Verbrauchskosten sei das Fahren mit Strom pro 100 Kilometer über 14 Euro teurer.

Ärgerlich dabei für ihn: "Sie haben an keiner Ladesäule einen effektiven Endpreis. Der Kunde und die Kundin wissen nicht, was sie am Ende für die Kilowattstunde bezahlen, wenn es denn nach Kilowattstunden abgerechnet wird.“ Damit sei das Fahren mit Strom für Privatleute "ökonomisch unsinnig". Lothar Schröter hat sich an die "Umschau" gewandt, weil er die Preise als intransparent kritisiert.

79 Cent pro Kilowattstunde an der Ladesäule

Wir machen eine Preisstichprobe am Autohof Nempitz an, direkt an der A9 südlich von Leipzig. Wir treffen Schnellladesäulen von Ionity, einem Konsortium von deutschen Automobilherstellern mit Audi, BMW und Mercedes, an. Auf dem Display ist der Preis mit 79 Cent pro Kilowattstunde bei Direktzahlung vermerkt. Unser Testauto ist ein ID.3 Das Auto verbraucht auf 100 Kilometer im Schnitt 20 Kilowattstunden. 100 Kilometer kosten damit 15,80 Euro.

Ladesäulen
Ionity begründet seinen Preis auch mit dem Einsatz von 100 Prozent erneuerbarer Energien. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diesel und sogar Benzin auf 100 Kilometer viel günstiger

Ein VW Golf 8 TDI schicken wir als Verbrenner zum Vergleich ins Rennen. Hier liegen die Kosten bei einem Dieselpreis von 1,27 Euro und einem Verbrauch von fünf Litern auf 100 Kilometer bei nur 6,40 Euro. Das sind über neun Euro weniger als beim ID.3.

Selbst als Benziner ist der Golf 8 günstiger. Bei 1,50 pro Liter Super und einem durchschnittlichen Verbrauch von sieben Litern schlagen auf 100 Kilometer 10,56 zu Buche. Immer noch über fünf Euro weniger als beim ID.3.

Der Autohof Nempitz verfügt auch über Schnelllader von Tesla. Diese sind nur für Tesla-Fahrzeuge zugänglich. Ältere Modelle können mitunter noch kostenlos dort geladen werden. Bei neueren Fahrzeugen wurden am Vergleichstag dafür 36 Cent pro Kilowattstunde fällig.

Ladesäulen Tesla Umschau
Tesla-Ladesäulen stehen nur Tesla-Autos offen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wieso ist der Strom an den öffentlichen Ladesäulen so teuer?

Ionity verweist auf den Einsatz von 100 Prozent erneuerbarer Energien und begründet so die 79 Cent pro Kilowattstunde. Andere Anbieter verlangen sogar über einen Euro für das Schnellladen. Günstiger ist es nur, wenn nicht schnellgeladen wird. Aber auch dieser Strom ist viel teurer als der aus der Steckdose daheim.

Oliver Krischer Umschau
"Das grenzt an Wucher", sagt Oliver Kreischen (MdB) von Bündnis 90/Grüne über die Preise an öffentlichen Ladesäulen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für Oliver Krischer, den verkehrspolitischen Sprecher der bündnisgrünen Bundestagsfraktion, ist das indiskutabel. Das Laden eines E-Autos dürfe am Ende nicht deutlich teurer sein als das Tanken eines Verbrenners, sagt er. "Das ist Abzocke, das grenzt an Wucher", so Krischer. Markus Emmert vom Bundesverband e-Mobilität hingegen erklärt die teilweise hohen Preise an den Ladestationen. Das Geschäft sei oft noch defizitär. "Die Kosten müssen umgelegt werden: Infrastrukturkosten, Betriebskosten, Wartungskosten, Monitoringkosten", erklärt Emmert und drängt auf notwendige Regulierung, damit hier kein Wildwuchs entsteht.

Teils unkomfortable Bezahlmöglichkeiten

Über 100 Betreiber von Ladesäulen gibt es in Deutschland, dazu kommen noch mehr als 2.000 Zwischenhändler. Viele binden ihre Kunden mit sogenannten Ladekarten. "Ich habe zwei davon. Ich weiß aber nicht, wenn ich an eine Ladesäule komme, ob diese Ladesäule diese Ladekarten akzeptiert oder nicht. Es kann mir passieren, dass ich eine andere Ladekarte brauche, die ich nicht habe", erklärt Lothar Schöter, Fahrer eines Hybrid-Autos. Und dann eine neue Ladesäule zu finden, ist nicht immer leicht. An Autobahnen und vor allem auf dem Land sind sie noch rar.

Kreditkarten-Zahlung ab 2023?

Das Ladesäulen-Chaos müsse beseitigt werden, sagt Grünenpolitiker Oliver Krischer: "Hier braucht es meines Erachtens eine klare gesetzliche Regelung." Im Bundestag wird gerade ein Entwurf der Bundesregierung zur Änderung der Ladesäulenverordnung diskutiert.

Melanie Mikulla ADAC Umschau
Girokarte oder Kreditkarte als Bezahlmöglichkeiten an Ladesäulen seien die Grundvoraussetzung, sagt Melanie Mikulla vom ADAC. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch die brächte Verbesserungen erst nach dem 31. Dezember 2022, also ab 2023. Die Betreiber müssten dann lediglich Kreditkarten akzeptieren. Für den ADAC ginge das nicht weit genug. "Ich muss immer die Möglichkeit haben, mit Karte bezahlen zu können, mit Girokarte oder Kreditkarte", fordert Melanie Mikulla. Ein Jahr sollte hier ausreichen, um entsprechende Systeme auf den Markt zu bringen.

Forderung nach Ausbau der Ladeinfrastruktur

Doch bevor man sich über das Bezahlen ärgern könnte, müsste man erst einmal eine Ladesäule finden. Hier gibt es vor allem an Autobahnen und auf dem Land noch viel zu tun. "Der Ausbau der öffentlichen, aber auch der privaten Ladeinfrastruktur muss jetzt absolute Priorität haben", betont der Geschäftsführer vom Verband der Automobilindustrie (VDA), Dr. Joachim Damasky. "Ansonsten werden wir an einen Punkt kommen, wo der Kunde das Ganze nicht mehr als praxistauglich ansieht".

Grünenpolitiker Oliver Krischer sieht da auch den VDA selbst in der Pflicht. "Der Verband der Automobilwirtschaft darf nicht immer weiter auf andere verweisen. Wir sehen etwa bei Tesla, dass die das schaffen, ganz alleine ohne staatliche Förderung, in ganz Europa ein Ladesystem auszubauen. Das würde ich auch von der Automobilindustrie, zumindest was die Schnellladepunkte angeht, auch erwarten, dass die das hinbekommen."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | UMSCHAU | 16. März 2021 | 20:15 Uhr

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