Stromversorgung Überlasten Elektroautos bald unser Stromnetz?

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Der Boom der Elektromobilität bereitet den Stromnetz-Betreibern Kopfzerbrechen. Der Anbieter Mitnetz geht bis 2030 von bis zu 30 Prozent Elektro- und Hybridfahrzeugen auf den Straßen aus. Für den Fall dass bei gleichzeitigem Laden das Netz zu überlasten droht, fordert der der Konzern eine gesetzliche Regelung für das Abschalten von Ladesäulen per Fernsteuerung. Die Denkfabrik Agora Verkehrswende schlägt einen variablen Strompreis vor, um freie Netzkapazitäten besser zu nutzen.

Ein Elektroauto vom Typ Renault Zoe wird an einer Ladesäule in Cottbus (Brandenburg) aufgeladen.
Die Bundesregierung geht davon aus, dass unser Stromverbrauch bis 2030 weiter steigen wird. Der Grund dafür sind unter anderem E-Autos. Bildrechte: dpa

Die Sache ist kompliziert: Einerseits findet Dirk Sattur Elektroautos ja gut. Andererseits ist er als Technikgeschäftsführer von Mitnetz dafür verantwortlich, dass der Strom auch in Zukunft immer da zur Verfügung steht, wo er gebraucht wird. Und das bereitet ihm einiges an Kopfzerbrechen.

Droht den Stromnetzen Überlastung?

Sattur hat mal ausrechnen lassen, was der Boom der Elektroautos für sein Netz bedeutet: "Wenn man mal annimmt, dass wir bis 2030 eine ungefähre Durchdringung von 30 Prozent aller Fahrzeuge hätten, die sich im Netzgebiet mit Hybrid oder voll-elektrischen Fahrzeugen bewegen – dann würde das bedeuten, dass wir bei einer hohen Gleichzeitigkeit, zu der Kunden laden wollen, fast eine Veranderthalbfachung der Last in unserem Netz haben und enorme Lastspitzen in unserem Netz erhalten."

Ein Faktor ist die wachsende Anzahl an Ladestationen. Tausende sind in Mitteldeutschland seit Januar dazugekommen – an Privathäusern, gefördert von der staatlichen Förderbank KfW und nicht genehmigungspflichtig. Wie lange machen die Netze das mit?

Oliver Brückl ist Professor für Energieverteilung in Regensburg. Er sagt, man müsse vor allem die Ortsnetze im Blick behalten: "Wenn man mal davon ausgeht, dass wir überall die gleiche Anzahl an Ladesäulen oder Ladepunkten haben, dann werden wir wahrscheinlich eher im ländlichen Bereich an die Grenzen kommen als im städtischen Bereich. Weil im städtischen Umfeld die Netze etwas aufnahmefähiger sind. Also städtische Mittelspannungsnetze können die nächsten Jahre doch einiges an Elektromobilität noch zusätzlich aufnehmen, kommen dann aber auch ab einer bestimmten Anzahl von Ladesäulen an ihre Grenzen."

Netzausbau wird mehrere Milliarden kosten

In bestimmten Bereichen werde man die Netze ausbauen müssen, sagt Brückl. Und die Kosten? Der Wissenschaftler will sich nicht festlegen. Manche Studien sprächen für die sogenannte untere Spannungsebene von 20 Milliarden, andere von 40 Milliarden Euro. Und tatsächlich kommt es darauf an: Wenn man die Stromnachfrage über den Tag gleichmäßig verteilen kann, wird viel weniger Netzausbau nötig.

Im sogenannten intelligenten Laden sieht Fanny Tausendteufel von der Denkfabrik Agora Verkehrswende deshalb die ideale Lösung. "Variable Netzentgelte sind beispielsweise ein besonders kundenfreundliches Instrument. Die funktionieren so, dass in bestimmten Zeiten, wo die Netzkapazität knapp ist, der Strom teurer ist. Und preissensible Nutzer verschieben dann eben entsprechend ihren Ladevorgang in die Zeiten, wo es mehr verfügbare Netzkapazität gibt und geringere Strompreise gelten."

Netzanbieter dürfen Ladestationen bei Überlastung abdrehen

Netzbetreiber wie Mitnetz arbeiten an solchen Konzepten. Trotzdem wollen sie Ladestationen für Elektroautos notfalls per Fernsteuerung abdrehen können, wenn Überlastung droht. Ein Gesetzentwurf sah vor, dass sie das bis zu zwei Stunden am Tag dürfen. Darum gab es viel Aufregung. Mitnetz-Technikchef Sattur versucht nun, die Gemüter zu beruhigen. Man wolle niemanden stundenlang vom Netz nehmen. "Wir wollen durch die Steuerbox partiell, minutenweise, in der Lage sein, einzelne Lastspitzen aus dem System zu nehmen, um zu vermeiden für zigtausende von Euro ein Verteilnetz ausbauen zu müssen, das dann lediglich für einige Minuten am Tag gebraucht wird."

Schon jetzt investiere sein Unternehmen viel Geld ins Netz, sagt Sattur. In diesem Jahr verstärke man die mittlere und niedere Spannungsebene für 50 Millionen Euro. Weitere 10 Millionen Euro gebe man für intelligente Messstationen aus. Sie sollen zeigen, welches Ortsnetz wie stark belastet ist.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Juli 2021 | 06:00 Uhr

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