Beschäftigungsplus Studie: Elektromobilität als Motor für ostdeutsche Automobilbranche

Durch die Transformation hin zur E-Mobilität könnten nach Einschätzung des Verbands der Automobilindustrie mehr als 200.000 Jobs wegbrechen. Eine aktuelle Studie kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Weiter heißt es aber dort, dass durch eben diese Transformation mindestens genauso viele Jobs entstehen könnten. Und der große Profiteur könnte der Osten sein.

Tesla Ladestation
Die Autoindustrie befindet sich im Wandel. Bildrechte: imago images/Sven Simon

"Automobile Arbeitswelt im Wandel: Jobeffekte in Deutschland bis 2030" heißt die Studie, die die Berliner Denkfabrik "Agora-Verkehrswende" in Auftrag gegeben hat. In den kommenden neun Jahren könnten in der Elektromobilität 205.000 neue Jobs entstehen, heißt es da. Mehr noch: Nimmt man die Bereiche Energieerzeugung und Infrastruktur mit in die Berechnung, könnte – laut Studie – unter dem Strich sogar ein Beschäftigungsplus stehen.

Zehn Prozent mehr Jobs im Osten

Der Osten spiele hier eine bedeutende Rolle, sagt Agora-Verkehrswende-Direktor Christian Hochfeld: "Im Moment haben wir in den östlichen Bundesländern etwa 179.000 Angestellte im Bereich der Automobilproduktion. Wir rechnen damit, dass das etwa bis 2030 195.000 Jobs sind. Das sind 16.000 mehr. In Prozent ausgedrückt sind das zehn Prozent mehr Jobs im Bereich der neuen Automobilität, der Elektromobilität, die im Osten entstehen werden."

Beim Automotive Cluster Ostdeutschland ACOD, einem Zusammenschluss der heimischen Autohersteller, Zulieferer und Forschungsinstitute, sind die Erwartungen etwas zurückhaltender. Er sei sich nicht sicher, ob es in der heimischen Branche tatsächlich zu einem Plus bei der Beschäftigung kommen werde, sagt Geschäftsführer Jens Katzek: "Fakt ist aber, dass wir gerade hier in Ostdeutschland extrem gut positioniert sind, was das Thema Elektromobilität betrifft."

Katzek verweist dabei auf eines der ersten Werke bei VW in Zwickau, das sich umgestellt habe. Es gebe Vorreiter, zum Beispiel BMW in Leipzig, die schon sehr früh Elektroautos hergestellt hätten. Und man habe in Ostdeutschland eine Reihe von Neuansiedlungen im Bereich von Batterien und im Bereich Batterierecycling.

Viel Bewegung durch Wandel

Dazu komme noch das Tesla-Werk in Brandenburg, sagt Katzek. Es gebe unheimlich viel Bewegung in Ostdeutschland. Der Wandel hin zur E-Mobilität sei zu schaffen.

Tesla Logo
Tesla baut in Grünheide in Brandenburg ein neues Werk Bildrechte: dpa

Davon ist auch Rico Chmelik überzeugt – und ähnlich optimistisch wie die Verfasser der Studie. Chemlik ist Geschäftsführer von Automotive Thüringen, einem Verband der Zuliefererbranche im Freistaat.

Mit Blick auf zwei eigene Studien in den vergangenen drei Jahren gehe man fest davon aus, dass im Laufe der nächsten Jahre mehr Jobs entstünden als verloren gingen, sagt Chmelik und ergänzt: "Also wir sehen an Chancen durchaus zehn Prozent Wachstum an den Standorten Jena, Erfurt und Nordilm-Kreis eben aufgrund dieser Bereiche Batterie und Software, die im Automobil eine immer größere Rolle spielen".

Umorientierung gefordert

Aber: Nicht alle Regionen werden gleichermaßen profitieren. Es werden Jobs wegfallen, viele Unternehmen und deren Beschäftigte werden sich umorientieren müssen. Chmelik betont, die entscheidende Frage sei, wie mache ich aus einem Eisenschmied einen Softwareschmied? Und das am besten in 100 Tagen. "Deswegen plädieren wir für eine Weiterbildungs- und Ausbildungsoffensive."

Wie mache ich aus einem Eisenschmied einen Softwareschmied? Und das am besten in 100 Tagen. Das wird die entscheidende Frage sein.

Rico Chmelik Automotive Thüringen

Und auch Agora-Direktor Hochfeld sieht das so. Der Erfolg des Wandels sei kein Selbstläufer. Die beteiligten Unternehmen bräuchten gezielte Unterstützung von Bund und Ländern, um im großen Maßstab Fachkräfte gewinnen, qualifizieren und umschulen zu können.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. Juli 2021 | 08:05 Uhr

45 Kommentare

DER Beobachter vor 29 Wochen

Naja, HFL: die plötzliche Krokodilstränigkeit der Unternehmer und Teilen des politischen Spektrums und Teilen der Kommentatorenschaft hier plötzlich gegen den Abbau in Lateinamerika etc. zulasten der dortigen Natur und indigenen Völker ist durchaus schon scheinheilig, unanständig und nicht zukunftsweisend/zielführend...

DER Beobachter vor 29 Wochen

Zu Eulenspiegel: Ein Cousin ist bei einem mitteldeutschen Braunkohlenunternehmen beschäftigt, das ich hier aus naheliegenden Gründen nicht nennen werde. Diplomingenieur und Physiker, entscheidend verantwortlich für die neuralgischen Punkte der Grundwasserspiegelsenkung sowohl für das Unternehmen als auch die Folgen dessen für die durchaus weitere Umgebung des Unternehmens hier in Mitteldeutschland. Ist sich völlig der Crux und dem Widersinn bewusst. Ist superbezahlt mit deutlich mehr Gehalt als Sie und ich und der Gewohnheitsmeckerer hier in Mitteldeutschland uns vorstellen können und je bekommen werden. Ist sich bewusst, dass genau sein Job weniger kundenbezahlt als steuerzahlersubventioniert ist. Ist sich bewusst, dass ein nötiger Strukturwandel/Energiewende nötig ist. Begrüsst diese ausdrücklich und wird auch dort seinen Job finden und weiß das und dass er dafür Einkommenseinbußen wird hinnehmen müssen...

DER Beobachter vor 29 Wochen

Schmied bleibt Schmied. Wer ein gutes ingenieurtechnisches oder physikalisches Studium mit Interesse begleitete und einem guten Ergebnis beenden konnte und mit Kusshand von einem Unternehmen eingestellt wurde, wird sich auch unter veränderten Bedingungen in diesen orientieren können. Ebenso der KfZ-Meister oder der Angestellte/Arbeiter mit Interesse und guter Ausbildung/Abschluss. Haupthinderungsgründe scheinen mir weniger die Fakten zu sein als vielmehr politische Ressentiments und kurzfristiges Gewinnmaximierungs-/Kostenvermeidungsverhalten als langfristiges Denken. In letzterem waren wir durchaus einmal Meister. Scheint seit Jahrzehnten verschüttet zu sein und ganz gewiss nicht allein durch rotgrüne Phantastereien...

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